Ölpest Anwalts Liebling
BP wechselt den Spitzenmann aus und bereitet sich auf die große juristische Schlacht vor.
Man habe es nicht mit dem Anfang vom Ende zu tun, zitierte Tony Hayward den großen Winston Churchill, ganz im Gegenteil, dies sei erst »das Ende vom Anfang«. BPs Verantwortung sei erst dann vollständig erfüllt, wenn die ölverseuchte Golfregion gereinigt sei und »alle rechtmäßigen Schadensersatzforderungen bezahlt wurden«. Zum Abschluss hat er also doch noch die richtigen Worte gefunden.
Haywards Auftritt bei der Bekanntgabe der Quartalszahlen am Dienstag in London war sein letzter als BP-Chef . Nachdem er die Ölkatastrophe am Golf von Mexiko in den vergangenen drei Monaten zu einem Imagedesaster für BP hat werden lassen, wird er nun nach Sibirien verbannt, und zwar buchstäblich. Von Oktober an wird er im Vorstand des Gemeinschaftsunternehmens von BP und dem russischen Energieunternehmen TNK arbeiten.
So symbolisch wie der Abgang Haywards war die Ernennung seines Nachfolgers. Der Amerikaner Bob Dudley kommt aus Mississippi. Er ist an der Golfküste groß geworden. Wenn er mit lokalem Akzent davon spricht, wie gut er die Nöte und Sorgen der Menschen versteht, die von der Ölpest betroffen sind, glauben sie ihm dort. Gleichzeitig beruhigt es die institutionellen Anleger, dass sich ein Amerikaner um BPs Zukunft kümmert, denn die wird in den USA entschieden werden.
Die Zahlen waren katastrophal . Im zweiten Quartal verbuchte das Unternehmen einen Verlust von 17,2 Milliarden Dollar (13,2 Milliarden Euro), denn abgesehen von den drei Milliarden Dollar, die BP bisher für die Aufräumarbeiten ausgegeben hat, und dem Entschädigungsfonds in Höhe von 20 Milliarden Dollar, den Präsident Obama Hayward abnötigte, schätzen die BP-Manager, dass sie weitere neun Milliarden Dollar brauchen werden, um das tragische Kapitel von der Explosion der Deepwater Horizon abzuschließen. Um alles bezahlen zu können, will BP Unternehmensbeteiligungen im Wert von 25 bis 30 Milliarden Dollar verkaufen.
In London machte sich an den Märkten Zuversicht breit. »32 Milliarden Dollar klingt nach viel Geld, aber es ist nicht sicher, ob diese Summe ausreichen wird, um den Schaden, den BP an Mensch und Natur angerichtet hat, wiedergutzumachen und seine Zukunft in Amerika zu sichern«, sagt dagegen ein Analyst von der Wall Street.
Die erste Entscheidung darüber wird am Donnerstag in den Bergen von Idaho gefällt. In der Provinzstadt Boise tritt ein Richtergremium zu einer Anhörung zusammen, um über zwei Fragen zu entscheiden, die für BP überlebenswichtig sein könnten: in welchem Bundesstaat sich der Ölmulti wird verantworten müssen und wer der Vorsitzende Richter sein wird. Die Kläger wollen den Fall in Louisiana verhandelt sehen, dem Bundesstaat, der am schlimmsten von der Katastrophe betroffen ist und von wo die meisten Schadensersatzklagen erwartet werden. BPs Anwälte dagegen machen sich für Houston als Gerichtsort stark, den Firmensitz von BP America. Houston ist eine Ölstadt, in der Richter und Geschworene BP mit mehr Wohlwollen gegenübertreten würden. In Louisiana dagegen würde die kollektive Wut in den Gerichtssaal schwappen.
»Vor welchem Gericht BP sich verantworten muss, wird mit darüber entscheiden, wie schnell das Unternehmen dieses Kapitel schließen kann und wie teuer es wird«, erklärt David Logan, Rechtsprofessor an der Roger-Williams-Universität im US-Bundesstaat Rhode Island – und damit auch über die Zukunft des Unternehmens. Denn die Gefahr, dass BP am Ende doch zerschlagen wird, ist nicht gebannt. »Exxon und andere Rivalen haben immer noch eine Chance, die amerikanischen Reserven und Anteile von BP untereinander aufzuteilen«, meint der New Yorker Analyst.
Nachdem BP die schlimmste Umweltkatastrophe in der amerikanischen Geschichte verursacht hat und daraufhin die größte Rettungs- und Reinemachaktion startete, bereitet das Unternehmen sich darauf vor, amerikanische Rechtsgeschichte zu schreiben. Sieben der größten Anwaltskanzleien aus Washington, Chicago und London wurden angeheuert, um BP vor dem Untergang zu retten.
An der Spitze stehen Jamie Gorelick, die ehemalige US-Generalbundesanwältin, die für ihre Härte und Zähigkeit bekannt ist, und BPs Hausanwalt Rupert Bondy, der als strategischer Einsatzleiter die Arbeit von Hunderten von Anwälten koordinieren wird. »In der BP-Zentrale wird gerade die größte virtuelle Sozietät aller Zeiten eingerichtet«, sagt ein Anwalt von der Londoner Großkanzlei Herbert Smith, der sich darauf einstellt, die nächsten Jahre nichts anderes zu tun, als BP zu verteidigen. »Bald wird es eine ganze Generation von Geschäftsjuristen geben, die auf der einen oder der anderen Seite des BP-Falls gearbeitet haben.«
Ob der Entschädigungsfonds von 20 Milliarden Dollar ausreicht, ist nicht sicher, das gibt auch der neue Chef Bob Dudley zu. Genauso wichtig ist die Frage, wie das Gericht über den Grad der Schuld urteilt, die BP trägt. »Wir sind davon überzeugt, dass wir nicht grob fahrlässig gehandelt haben«, erklärte Aufsichtsratschef Carl-Henric Svanberg am Dienstag. Auf dieser Annahme beruht die Schadenssumme von 32 Milliarden Dollar. Sollte das Gericht die Fahrlässigkeit genauso einschätzen, wäre nach amerikanischem Gesetz eine Strafe von 5 Milliarden Dollar fällig. Wird BP aber grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen, droht ein Bußgeld von 20 Milliarden Dollar.
Seit zwei Wochen sprudelt kein Öl mehr aus dem leckgeschlagenen Bohrloch auf dem Meeresboden im Golf von Mexiko. Und es sieht danach aus, als ob die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Entlastungsbohrung, die das Ölfeld bis Mitte August endgültig sichern würde, berechtigt sind. Ob BP am Ende dennoch zerschlagen wird, das liegt nicht in der Macht des Unternehmens.
- Datum 28.07.2010 - 12:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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Falls die britische Firma BP ihre amerikanischen Reserven verkauft, ist das noch lange nicht "das Ende von BP". Es wäre lediglich ihr Ende auf US-amerikanischem Gebiet, denn BP bohrt ja neuerdings auch in Lybien dank der Freilassung des lybischen Massenmörders von Lockerbie, sowie zusammen mit den Russen.
Ich wette um ein Gummibärchen, dass dieser Rechtsstreit hart an die 2-stellige Dauer in Jahren kommen wird.
Und bis dahin... kann viel mit BP passieren.
Es gab hier mal einen Zeit Artikel der eigendlich nett aufgezeigt hat war zu bei der rechtlichen Aufarbeitung zu erwarten ist.
Habe aber leider nur die 2 hier finden können.
http://www.welt.de/wirtsc...
http://www.spiegel.de/wir...
Ich bin mir noch nicht sicher, dass das Problem im Golf von Mexiko überhaupt schon gelöst ist. Nur weil uns entsprechende Nachrichten fehlen. Was ist denn mit den Austrittsstellen neben dem Bohrloch (der zu geringe Druck auf die Abdeckung belegt es doch), dass da immer noch was daneben geht … nur man sieht und hört nichts mehr. Und was passiert wenn weitere Fehler gemacht werden bei den Parallelbohrungen?
Insoweit dürfte es eher müßig sein sich über jahrelange Rechtsstreitigkeiten zu unterhalten, die sicherlich nach bester Konzernmanier mit einer massiven Aufstockung der Rechtsabteilung verbunden sein werden, um möglichst viele davon klein zu kriegen oder aber abzuwürgen. Sowas ist guter Ton in der Liga, hilft zwar den Betroffenen nicht, aber rettet gegebenenfalls den Konzern.
Eine weitgehend satirische Betrachtung dazu verknüpft die aktuellen Weltprobleme und löst das Ding recht eindrucksvoll auf, wenn BP sich jetzt für die Umsiedlung Israels stark macht. Zeigt aber auch nicht mehr als die Hilflosigkeit gegenüber den Konzernen und großen Lobbys denen die Menschen ausgeliefert sind.
Oder am Ende steht wieder ein Pauschaldeal, BP zahlt den Fond an die USA aus und der Rest der Probleme wird dann auch sozialisiert. Im Rahmen der Imagepflege dürfte dies wohl der galantere Weg sein und dass das Volk über die Sozialisierung des Schadens selber zahlt dürfte ja inzwischen auch eher zum guten Ton gehören.
... und damit das Land selbst bestimmen, oder sich selbst an die Spitze einer (pseudo) Sammelklage setzen?
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