Wagners "Lohengrin"Bayreuths Tierleben

Hans Neuenfels versetzt seinen "Lohengrin" bei den Wagner-Festspielen in ein Versuchslabor. Der Befund: Von der Welt ist nichts Gutes zu erwarten. von 

Der Regisseur Hans Neuenfels liebt Tiere. Immer wieder spendiert er ihnen unvergessliche Auftritte. In einer Berliner Nabucco-Produktion ließ er ein Geschwader aus Plüschkampfbienen auftreten. In seinem Essener Tannhäuser jagten Machohirsche mit mächtigen Geweihen hinter hoppelnden Playboy-Häschen her. Im Stuttgarter Don Giovanni baumelten den Chordamen Kuheuter vor dem Bauch. Und nackte Sadomaso-Tänzer mit Hundemasken führt Neuenfels sowieso gerne Gassi.

Bei den Bayreuther Festspielen sind nun die Ratten dran. Hans Neuenfels, der fantasiewütige Altmeister der Opernregie, gibt mit 69 Jahren sein Debüt am Grünen Hügel und lässt in der ersten Szene von Wagners Lohengrin einen Rattenchor auf die Bühne trippeln. Solche Nager hat man auf dem Theater noch nicht gesehen: Sie sind menschengroß, bewegen sich aufrecht mit wuselnden Schritten, haben lange Gummikrallen, bewegliche Schwänze und rot leuchtende Augen. Sie können vor Angst bibbern, neugierig die Köpfe verdrehen und frenetisch »Heil Dir, König Heinrich« jubeln. Es gibt sie hundertfach in Schwarz und Weiß, und beim Hochzeitsmarsch trippeln die süßen Rattenkinder als Brautjungfern in Rosa vorneweg. Der nie um eine surreale Bildidee verlegene Bühnenbildner Reinhard von der Thannen hat die Tiere erfunden. Sie sind possierlich und fies zugleich – und für die Bayreuther Traditionalisten natürlich eine Zumutung. Ratten? Im Lohengrin?

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Neuenfels und von der Thannen suchten nach einer Bildmetapher für das wankelmütige Volk im Lohengrin – eine opportunistische Masse in Kriegsstimmung, die die Schwachen verhöhnt und die Starken bewundert, bei der Führerbegeisterung und Waffengeklirr ganz nah beieinander sind. Die dröhnenden Chöre im Lohengrin wollten sie auf keinen Fall als blindjubelndes Reckentum auf die Bühne bringen wie in der Bayreuther Vorgängerinszenierung von Keith Warner, in der sich die Mannen in Helm und Wams bis unter das Dach des Festspielhauses stapelten. So kamen die beiden auf die Ratten – wegen ihrer Anpassungsfähigkeit und ihres Überlebensinstinktes, der noch in den ausweglosesten Situationen funktioniert. Laborratten bilden das Volk von Brabant: geduckte, drangsalierte Kreaturen, eingesperrt in einen aseptisch weißen Klinikbunker.

Der Held ist kein Wundermann mehr, er träumt nur von Liebe

Wenn so eine Regie-Idee in Neuenfels’ Theaterfantasie einmal Wurzeln geschlagen hat, beginnt sie zu blühen und zu wuchern. Die Rattenmetapher ist am Ende viel mehr als ein szenischer Kommentar zu Wagners prekärer Chorgestaltung. Alles muss mit ihrer Hilfe erzählt werden. Sie dringt in die letzte Ritze des Stücks vor. Man kann das gaga finden und völlig am Stück vorbei. Aber wenn nicht in der Oper, an welchem Kunstort dann darf die Fantasie ihre eigenen Räume behaupten über alles Buchstäbliche des Stoffes hinaus? Außerdem sind viele Bilder dieser Inszenierung von großartiger theatralischer Wirkung: Wenn Lohengrin im ersten Akt das Labor betritt, um dem Volk eine andere Perspektive des Menschseins aufzuzeigen, streifen die Brabanter ihre Rattenfelle ab. Wie in den Waschkauen der Bergarbeiter werden sie an Kleiderhaken gehängt und nach oben gezogen, wo sie langschwänzig als vorübergehend abgelegtes niederes Dasein eklig drohend unter der Bühnendecke baumeln. Aus den Rattenkostümen schält sich eine Festgesellschaft in dottergelber Revuegarderobe, die unbeholfen erste Tanzschritte in die Selbstbestimmtheit wagt.

So gleißend hell wie bei Neuenfels ist selten ein Lohengrin ausgeleuchtet worden. Immer wieder fahren kreisrunde Neonlampen von oben wie in einem Operationssaal herab. In kaltem Licht sollen alle Details von Wagners Menschenexperiment erkennbar sein. Neuenfels geht auf Distanz zu allen märchenhaften Lohengrin- Sphären, zu mythischer Entrücktheit und raunenden Heilsversprechen. Aus einer sezierenden Beobachterperspektive beugt er sich über das Stück. Auch vom dumpfdeutschen Chauvinismus, den viele Regisseure in dem Stück erkennen, will er nichts wissen. Wenn im dritten Akt zum Finalbild die Heerscharen aufmarschieren und das Orchesterzwischenspiel die Chöre zu ihrem frenetischen » Für deutsches Land das deutsche Schwert« - Gesang aufpeitscht, bleibt die Bühne zunächst leer. Dann sieht man in einem Zeichentrickfilm die deutsche Bestie rasen: Als zähnefletschender Kampfhund, dessen Fell sich aus unendlich vielen Rattenleibern zusammensetzt, stürmt sie voran. Die Ratten fallen nach und nach vom Körper ab. Das Skelett bleibt stehen, und die Knochen brechen kläglich in sich zusammen. Wagners Chor-Chauvinismus taugt aus heutiger Sicht nur noch zum klappernden Gespenst.

In solcher Entideologisierung ist freilich auch Lohengrin keine Überfigur. Der ihn singt, Jonas Kaufmann, betritt die Bayreuther Festspielbühne als Jonas Kaufmann. Von allen Verpflichtungen, so scheint es, hat sich der Startenor gerade frei gemacht. Die Ärmel seines weißen Hemds sind aufgekrempelt, die offene Fliege hängt leger vom Kragen herab. Dieser Lohengrin ist nicht in höherer Mission unterwegs, er will nur Mensch, nur er selbst sein. Für das Staatsmännische, das man ihm immerzu anträgt, interessiert er sich nicht. Schützer von Brabant, Heerführer, Kriegsheld will er nicht werden. Wenn es überhaupt eine Utopie gibt, für die Lohengrin in der Interpretation von Neuenfels einsteht, dann ist es die Vision vom freien, selbstbestimmten Einzelnen, der es schafft, alle ideologischen Bürden und gesellschaftlichen Zwänge hinter sich zu lassen. Deshalb hat er nur Augen für sein privates Glück mit Elsa, deshalb träumt er von einer unbedingten Liebe und verbittet sich die Frage nach seiner Herkunft: »Nie sollst du mich befragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art.«

Dass Jonas Kaufmann als Lohengrin kein Wundermann ist, der höhere Prinzipien verkörpert, kommt ihm stimmlich sehr entgegen. Er muss keinen heldentenoralen Glanz verströmen und kein visionäres Leuchten über die Rampe bringen. Er singt die Partie innig, von Wärme durchflutet, mit mattiertem Timbre und demonstrativ ausgekosteten Pianissimostellen. Vielleicht klingt manches Schlichte in seinen Phrasierungen zu hergestellt, aber musikalisch wie darstellerisch verleiht er der Aufführung auf einnehmende Weise Format und Charakter.

Leserkommentare
  1. Ich glaube kaum. Die moderne Oper neigt dazu, alles möglich zeigen zu müssen. "Heil" nist böse, wenns in einer Oper gerufen wird, denn es ist ein Teil von "Heil Hitler" gewesen. ich nehme an, wir dürfen froh sein, dass das Wort "und" nicht verboten ist, so oft, wie der Diktator es verwendete. Wagner schrieb die Oper als Heldenepos, und hier wird sie mit Brathühnchen durch den Dreck gezogen. Mag sein, dass es eine sehr subjektive Meinung ist, aber hier zeigt sich einmal mehr, dass niemand so machtlos ist wie ein toter Autor oder Komponist gegenüber einem lebenden Regisseur. Ich an Wagners Stelle würde mich im Grabe umdrehen. Und ich als Opernfan und wagnerfan würde so gern hingehen, aber ich möchte Wagner sehen und nicht die Selbstverwirklichung eines Regisseurs. Wagner, seine Oper, das, was er erdacht hat. Ohne Filterung nach "achtung-das-könnte-irgendwie-nazi-klingen", ohne Entglorifizierung. Wagner ist Glorie, ist Theatralik, ist Heldentum, entweder man mag das, oder man sollte einen anderen Komponisten hören.

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    • Gauli
    • 31. Juli 2010 15:49 Uhr

    Sie haben Recht, Neuenfels geht es -und so war es bei ihm immer- nicht um das Werk, er will selbst im Mittelpunkt stehen, je idiotischer die Aufführung, um so besser: Schließlich steht er so viel stärker in den Medien, als wenn er eine werkgetreue Inszenierung geboten hätte.Ich bin empört über Herrn Spahns Einstellung "wenn nicht in der Oper, an welchem Kunstort denn darf die Fantasie ihre eigenen Räume behaupten"..etc.Er meint also, jeder Regisseur darf seine eigenen Fantasien auf Kosten des Autors ausleben. Und wir, die Operliebhaber? Mein Mann und ich trauen uns gar nicht mehr, ohne genaue Vorinformation in eine Aufführung zu gehen. Wir reisen viel zu Opernaufführungen, und das einzige Opernhaus, in dem man immer sehr gute, werkgetreue Aufführungen findet, ist das in Darmstadt.Dabei sind die Vorstellungen ausverkauft, und ein begeistertes Publikum dankt dem Regisseur für sein Werk Da fällt mir etwas Witziges ein: Wir waren in Nürnberg und wollten dort gern Madame Butterfly sehen.Mein Mann fragte die Dame an der Kasse, was das für eine Aufführung sei, eine werkgetreue, oder gibt es nur Schweinereien?? Die Dame meinte ganz ernst:"Nein, die Aufführung ist werkgetreu, Schweinereien gibt es bei uns im Theater!"

  2. Hölderlin wußte, was in Zeiten des Niedergangs eines Kultursystems und der Hoffnungslosigkeit wahr ist:
    ‚Nah ist
    Und schwer zu fassen der Gott.
    Wo aber Gefahr ist, wächst
    Das Rettende auch.‘

    Sich verliebt und privatisieren oder sich das Evolutionsprojektwissen aneignen und damit die Welt revolutionieren - das scheint mir die Alternative im Jahr 2010 für Lohengrin und Elsa zu sein. Der GRAL steht für das Evolutionsprojektwissen, das auch den KREATIVEN Entwicklungspfad umfasst, und Lohengrin ist der Gesandte der Wissenden.

    Konkret heißt das: Angela Merkel wird schon noch auf IHREN Lohengrin treffen, mit dem sie dann den Exodus aus der Crash-folgt-Crash-Ordnungslogik der Macht- und Konfliktkämpfer starten und den Übergang auf den KREATIVEN Evolutionspfad des weltindustriellen Fortschritts organisieren kann.

    Die Medienmauer, die das Evolutionsprojektwissen von uns fernhält, wird bald fallen. Das wird ein geschichtlichen Prozess hin auf Befreiung der Politik aus der Crash-folgt-Crash-Logik der (=2%Wachstumszwang-)Mächtigen und hin auf die Erlösung der Menschen von deren Laboranordnung, mit dem sie uns einen speziellen, konsum- und wachstumsförderlichen Lebensstil-der-Fremdleistung reingedrückt haben. Das Rattenbild der Lohengrin-Inszenierung kommt der 'Brave New World'-Realität sehr nahe.

  3. Laut Marshall McLuhan ist das Medium die Botschaft selbst. In ihrer Rolle als "Medien" entfalten sich die Regisseure damit zu den wahren Königen der Oper. Der Komponist hat lediglich schwarze Punkte auf Papier gebracht. Erst das Medium, so die Theorie, macht daraus ein Bühnenwerk. Demzufolge ist dem Regisseur ALLES gestattet, und der Wille des Komponisten hat sich dem Willen des Mediums unterzuordnen. Das Publikum feiert nicht mehr die Musik, sondern den Einfallsreichtum des Regisseurs. Der Komponist liefert lediglich die Begleitmusik, die der Regisseur dann nach seinem Willen inszeniert.

    Dass solche Starregisseure in Deutschland den Ton angeben können, haben wir ausschließlich den Subventionen der Steuerzahler zu verdanken, denn von Bayreuth abgesehen, würden solche Persiflagen die Theater leer lassen. Man stelle sich den Theaterskandal vor, falls ein Produzent es wagte, zur Abwechslung mal eine Wagner-getreue Oper auf die Bühne zu bringen.

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    • Gauli
    • 03. August 2010 18:48 Uhr

    Sie irren-es gibt tatsächlich Regisseure, die das Werk ernst nehmen, letztes Jahr sahen wir eine ergreifende Parsifal-Aufführung in Darmstadt.Das Publikum war außer sich vor Begeisterung.Und das waren nicht Leute, die nur wegen des Skandals in die Oper gehen, wie ich das in Berlin erlebt habe, wo Don Giovanni nach dem Schema "Sex and Crime" gezeigt wurde und die meisten Zuschauer wohl nie bis dahin ein Opernhaus von Innen gesehen hatten.

    • Gauli
    • 03. August 2010 18:48 Uhr

    Sie irren-es gibt tatsächlich Regisseure, die das Werk ernst nehmen, letztes Jahr sahen wir eine ergreifende Parsifal-Aufführung in Darmstadt.Das Publikum war außer sich vor Begeisterung.Und das waren nicht Leute, die nur wegen des Skandals in die Oper gehen, wie ich das in Berlin erlebt habe, wo Don Giovanni nach dem Schema "Sex and Crime" gezeigt wurde und die meisten Zuschauer wohl nie bis dahin ein Opernhaus von Innen gesehen hatten.

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