Wagners "Lohengrin" Bayreuths TierlebenSeite 2/2

Kaufmann greift den Ton auf, den der Dirigent Andris Nelsons schon im Vorspiel vorgibt: Die magisch orchestrierte Vision vom näherkommenden Gralslicht und dem »unertötbaren Liebesverlangen des menschlichen Herzens«, die Wagner darin auskomponiert hat, ist bei ihm kein die Sinne überwältigendes Strahlen, sondern ein samtweiches Schimmern von ferne her. Der junge lettische Dirigent disponiert bei seinem Bayreuth-Debüt Wagners Klangfluss überraschend souverän. Eher breit sind seine Tempi, und trotzdem ist alles in lebendiger Bewegung, dramatisch klar formuliert und animierend nach vorn gedacht. Seit Christian Thielemann ist kein Dirigent mehr am Grünen Hügel auf Anhieb so gut mit der heiklen, zauberisch indirekten Akustik des Festspielhauses klargekommen wie Andris Nelsons.

Das Publikum buht, als sein Wagner-Glück zernagt wird

Es gibt Lohengrin- Produktionen, die ganz von der Erscheinung der Elsa getragen werden. Dann ist sie es, die mit ihrem Träumen Fenster in eine andere Wirklichkeit aufstößt. Bei Neuenfels bleibt sie merkwürdig energieschwach und peripher. Als pathetisch stilisierte Opferfigur schreitet sie unter das Rattenvolk. Wie eine Schwester des heiligen Sebastian ist ihr Körper von Pfeilen durchbohrt. Auch im zweiten Akt hat Neuenfels ihr ein schönes Einsamkeitsbild zugedacht: In einer großen Glasvistrine steht sie alleine mit einem zierlichen Porzellanschwan. Ätherisch, passiv und durchscheinend in ihrem Charakter wirkt diese Elsa. Anette Dasch singt sie bei ihrem Bayreuth-Debüt immer eine Spur zu verhalten, obwohl sie nach vernehmbarer Nervosität zu Beginn im Verlauf der Aufführung an Ausdrucksstärke und lyrischer Geschlossenheit zulegt.

Die Aussichtslosigkeit ihres großen Liebesprojektes ist von Anfang an zu spüren. Elsa und Lohengrin sind einander stets zugewandt – und können doch nicht zueinander kommen. Mal wirft sich die große Zweiflerin und Entzauberin Ortrud zwischen sie (hysterisch hochfahrend: Evelyn Herlitzius), mal zerrt König Heinrich (eine der besten Sängerleistungen des Abends: Georg Zeppenfeld) sie auseinander. Und immerzu stehen sie sich selbst im Weg. Unhinterfragbare Hingabe ist nicht möglich. Die Liebe scheitert. Das ist auch bei Neuenfels der deprimierende Laborbefund. Und damit auch wirklich klar wird, dass in dieser Welt nichts Gutes mehr zu erwarten ist, zeigt uns die Regie zu den letzten Takten den wiederauftauchenden Jungherzog Gottfried als blutigen Monster-Embryo in einem Schwanenei. Auf Gralsbeglückung können die Rattenmenschen nicht mehr hoffen.

Gilt das inzwischen nicht auch für die Bayreuther Festspiele insgesamt? In der letzten Neuproduktion hatte der Regisseur Stefan Herheim dem Erlösungsglauben im Parsifal das Licht ausgeknipst. Nun zernagen die Ratten das hehre Lohengrin -Wunder. Klar, dass das Premierenpublikum das nicht ohne einen Buhsturm für den Regisseur hinnahm.

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Leser-Kommentare
  1. Ich glaube kaum. Die moderne Oper neigt dazu, alles möglich zeigen zu müssen. "Heil" nist böse, wenns in einer Oper gerufen wird, denn es ist ein Teil von "Heil Hitler" gewesen. ich nehme an, wir dürfen froh sein, dass das Wort "und" nicht verboten ist, so oft, wie der Diktator es verwendete. Wagner schrieb die Oper als Heldenepos, und hier wird sie mit Brathühnchen durch den Dreck gezogen. Mag sein, dass es eine sehr subjektive Meinung ist, aber hier zeigt sich einmal mehr, dass niemand so machtlos ist wie ein toter Autor oder Komponist gegenüber einem lebenden Regisseur. Ich an Wagners Stelle würde mich im Grabe umdrehen. Und ich als Opernfan und wagnerfan würde so gern hingehen, aber ich möchte Wagner sehen und nicht die Selbstverwirklichung eines Regisseurs. Wagner, seine Oper, das, was er erdacht hat. Ohne Filterung nach "achtung-das-könnte-irgendwie-nazi-klingen", ohne Entglorifizierung. Wagner ist Glorie, ist Theatralik, ist Heldentum, entweder man mag das, oder man sollte einen anderen Komponisten hören.

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    • Gauli
    • 31.07.2010 um 15:49 Uhr

    Sie haben Recht, Neuenfels geht es -und so war es bei ihm immer- nicht um das Werk, er will selbst im Mittelpunkt stehen, je idiotischer die Aufführung, um so besser: Schließlich steht er so viel stärker in den Medien, als wenn er eine werkgetreue Inszenierung geboten hätte.Ich bin empört über Herrn Spahns Einstellung "wenn nicht in der Oper, an welchem Kunstort denn darf die Fantasie ihre eigenen Räume behaupten"..etc.Er meint also, jeder Regisseur darf seine eigenen Fantasien auf Kosten des Autors ausleben. Und wir, die Operliebhaber? Mein Mann und ich trauen uns gar nicht mehr, ohne genaue Vorinformation in eine Aufführung zu gehen. Wir reisen viel zu Opernaufführungen, und das einzige Opernhaus, in dem man immer sehr gute, werkgetreue Aufführungen findet, ist das in Darmstadt.Dabei sind die Vorstellungen ausverkauft, und ein begeistertes Publikum dankt dem Regisseur für sein Werk Da fällt mir etwas Witziges ein: Wir waren in Nürnberg und wollten dort gern Madame Butterfly sehen.Mein Mann fragte die Dame an der Kasse, was das für eine Aufführung sei, eine werkgetreue, oder gibt es nur Schweinereien?? Die Dame meinte ganz ernst:"Nein, die Aufführung ist werkgetreu, Schweinereien gibt es bei uns im Theater!"

    • Gauli
    • 31.07.2010 um 15:49 Uhr

    Sie haben Recht, Neuenfels geht es -und so war es bei ihm immer- nicht um das Werk, er will selbst im Mittelpunkt stehen, je idiotischer die Aufführung, um so besser: Schließlich steht er so viel stärker in den Medien, als wenn er eine werkgetreue Inszenierung geboten hätte.Ich bin empört über Herrn Spahns Einstellung "wenn nicht in der Oper, an welchem Kunstort denn darf die Fantasie ihre eigenen Räume behaupten"..etc.Er meint also, jeder Regisseur darf seine eigenen Fantasien auf Kosten des Autors ausleben. Und wir, die Operliebhaber? Mein Mann und ich trauen uns gar nicht mehr, ohne genaue Vorinformation in eine Aufführung zu gehen. Wir reisen viel zu Opernaufführungen, und das einzige Opernhaus, in dem man immer sehr gute, werkgetreue Aufführungen findet, ist das in Darmstadt.Dabei sind die Vorstellungen ausverkauft, und ein begeistertes Publikum dankt dem Regisseur für sein Werk Da fällt mir etwas Witziges ein: Wir waren in Nürnberg und wollten dort gern Madame Butterfly sehen.Mein Mann fragte die Dame an der Kasse, was das für eine Aufführung sei, eine werkgetreue, oder gibt es nur Schweinereien?? Die Dame meinte ganz ernst:"Nein, die Aufführung ist werkgetreu, Schweinereien gibt es bei uns im Theater!"

  2. Hölderlin wußte, was in Zeiten des Niedergangs eines Kultursystems und der Hoffnungslosigkeit wahr ist:
    ‚Nah ist
    Und schwer zu fassen der Gott.
    Wo aber Gefahr ist, wächst
    Das Rettende auch.‘

    Sich verliebt und privatisieren oder sich das Evolutionsprojektwissen aneignen und damit die Welt revolutionieren - das scheint mir die Alternative im Jahr 2010 für Lohengrin und Elsa zu sein. Der GRAL steht für das Evolutionsprojektwissen, das auch den KREATIVEN Entwicklungspfad umfasst, und Lohengrin ist der Gesandte der Wissenden.

    Konkret heißt das: Angela Merkel wird schon noch auf IHREN Lohengrin treffen, mit dem sie dann den Exodus aus der Crash-folgt-Crash-Ordnungslogik der Macht- und Konfliktkämpfer starten und den Übergang auf den KREATIVEN Evolutionspfad des weltindustriellen Fortschritts organisieren kann.

    Die Medienmauer, die das Evolutionsprojektwissen von uns fernhält, wird bald fallen. Das wird ein geschichtlichen Prozess hin auf Befreiung der Politik aus der Crash-folgt-Crash-Logik der (=2%Wachstumszwang-)Mächtigen und hin auf die Erlösung der Menschen von deren Laboranordnung, mit dem sie uns einen speziellen, konsum- und wachstumsförderlichen Lebensstil-der-Fremdleistung reingedrückt haben. Das Rattenbild der Lohengrin-Inszenierung kommt der 'Brave New World'-Realität sehr nahe.

  3. Laut Marshall McLuhan ist das Medium die Botschaft selbst. In ihrer Rolle als "Medien" entfalten sich die Regisseure damit zu den wahren Königen der Oper. Der Komponist hat lediglich schwarze Punkte auf Papier gebracht. Erst das Medium, so die Theorie, macht daraus ein Bühnenwerk. Demzufolge ist dem Regisseur ALLES gestattet, und der Wille des Komponisten hat sich dem Willen des Mediums unterzuordnen. Das Publikum feiert nicht mehr die Musik, sondern den Einfallsreichtum des Regisseurs. Der Komponist liefert lediglich die Begleitmusik, die der Regisseur dann nach seinem Willen inszeniert.

    Dass solche Starregisseure in Deutschland den Ton angeben können, haben wir ausschließlich den Subventionen der Steuerzahler zu verdanken, denn von Bayreuth abgesehen, würden solche Persiflagen die Theater leer lassen. Man stelle sich den Theaterskandal vor, falls ein Produzent es wagte, zur Abwechslung mal eine Wagner-getreue Oper auf die Bühne zu bringen.

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    • Gauli
    • 03.08.2010 um 18:48 Uhr

    Sie irren-es gibt tatsächlich Regisseure, die das Werk ernst nehmen, letztes Jahr sahen wir eine ergreifende Parsifal-Aufführung in Darmstadt.Das Publikum war außer sich vor Begeisterung.Und das waren nicht Leute, die nur wegen des Skandals in die Oper gehen, wie ich das in Berlin erlebt habe, wo Don Giovanni nach dem Schema "Sex and Crime" gezeigt wurde und die meisten Zuschauer wohl nie bis dahin ein Opernhaus von Innen gesehen hatten.

    • Gauli
    • 03.08.2010 um 18:48 Uhr

    Sie irren-es gibt tatsächlich Regisseure, die das Werk ernst nehmen, letztes Jahr sahen wir eine ergreifende Parsifal-Aufführung in Darmstadt.Das Publikum war außer sich vor Begeisterung.Und das waren nicht Leute, die nur wegen des Skandals in die Oper gehen, wie ich das in Berlin erlebt habe, wo Don Giovanni nach dem Schema "Sex and Crime" gezeigt wurde und die meisten Zuschauer wohl nie bis dahin ein Opernhaus von Innen gesehen hatten.

    • Gauli
    • 03.08.2010 um 18:48 Uhr

    Sie irren-es gibt tatsächlich Regisseure, die das Werk ernst nehmen, letztes Jahr sahen wir eine ergreifende Parsifal-Aufführung in Darmstadt.Das Publikum war außer sich vor Begeisterung.Und das waren nicht Leute, die nur wegen des Skandals in die Oper gehen, wie ich das in Berlin erlebt habe, wo Don Giovanni nach dem Schema "Sex and Crime" gezeigt wurde und die meisten Zuschauer wohl nie bis dahin ein Opernhaus von Innen gesehen hatten.

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