Bildungspolitik

»Die Leute können rechnen«

Der gerade abgetretene FDP-Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, über einen Linksruck in der Bildungspolitik und die Frage, warum liberale Bildungspolitik dennoch eine Zukunft hat

Andreas Pinkwart

Andreas Pinkwart

DIE ZEIT: Sie waren einer der lautesten Verfechter von Hochschulautonomie und Studiengebühren. Als NRW-Wissenschaftsminister mussten Sie abtreten. Ein Beleg dafür, dass sich der bildungspolitische Wind auch bundesweit gedreht hat?

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Andreas Pinkwart: Gesellschaftliche Tendenzen, die Reformen der vergangenen Jahre rückgängig zu machen, gibt es zweifellos. Ich hoffe, dass sie nicht zu erfolgreich sein werden, denn ein Zurückdrehen wäre gefährlich. Die Reformen hin zu mehr Eigenverantwortung und Gestaltungskraft an Schulen und Hochschulen dienten ja vor allem einem Ziel: den Bildungsstandort Deutschland konkurrenzfähiger zu machen.

ZEIT: Wie dienten denn Studiengebühren dem Bildungsstandort Deutschland?

Pinkwart: Bildungspolitik muss immer wieder deutlich machen, dass gute Bildung ein Wert an sich ist, für den sich neben dem staatlichen Engagement auch eigene Anstrengungen lohnen. Etwa durch maßvolle Studienbeiträge der Studierenden oder das Engagement der Wirtschaft für ein Stipendiensystem. Wenn Bund und Länder das große Ziel erreichen wollen, zehn Prozent der Wirtschaftsleistung für Bildung und Forschung auszugeben, dann geht das neben zusätzlichen staatlichen Anstrengungen nur über die Mobilisierung privater Mittel. In Deutschland gibt es eine enorme Spendenbereitschaft, aber bisher kaum im Bereich der Wissenschaft – ein unglücklicher Zustand im Land der Dichter und Denker. Die Zivilgesellschaft muss sich auch als Wissenschaftsgesellschaft begreifen.

ZEIT: In Wirklichkeit ist es doch so, dass die Idee der Studiengebühren so gut wie tot ist, sobald mit NRW das bevölkerungsreichste Land sie abschafft.

Pinkwart: Ganz so ist es nicht. Selbst dann bleiben mit Hamburg, Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg gewichtige Bundesländer, die Beiträge erheben. Und auf Dauer werden diese vier enorme Qualitätsvorteile haben. Wir sehen bereits in den Bundesländern, die die Beiträge wieder abgeschafft haben, dass die versprochene Kompensation bei der nächsten Gelegenheit wieder einkassiert wird.

ZEIT: Dennoch: Kaum ein Bildungsthema ist so unpopulär wie Studiengebühren. Haben das die Gebührenfans selbst zu verantworten, weil sie die soziale Absicherung nicht hinbekommen haben?

Pinkwart: Für NRW gilt das nicht. Wir haben eine vorbildliche Regelung der Gebührenbefreiung gehabt, gerade für Bafög-Empfänger. Aber natürlich ist es so, dass die Mehrheit der Bürger immer gegen zusätzliche Belastungen ist. Lassen Sie die Leute mal über Rundfunkgebühren abstimmen. Wollen Sie die deshalb abschaffen? An dieser Stelle will ich auch noch mal festhalten: Jahrzehnte kostenfreien Studiums haben die Chancengerechtigkeit nicht verbessert. In den vergangenen Jahren dagegen, seit Einführung der Studienbeiträge, ist der Anteil der Arbeiterkinder unter den Erstsemestern gestiegen, auch hatten wir Rekorde bei den Studienanfängern und Absolventen – trotz Studienbeiträgen. Oder, wie ich sage: wegen der Studienbeiträge. Das Teure am Studium sind die Lebenshaltungskosten. Wenn sich dank Beiträgen die Semesterzahl durch einen effizienteren Ablauf nur um ein Semester verkürzt, sparen Sie so viel an Lebenshaltungskosten, wie zehn Semester Beiträge kosten. Die jungen Leute können rechnen.

 
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Leser-Kommentare

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  1. Ich bin nun alles andere als FDP Wähler, aber da kann ich dem Mann mal ausnahmsweise recht geben. Mein Schwager ist Amerikaner, hat dort studiert und ist das, was man ein Arbeiterkind nennt. Er musste sich sein Studium selbst finanzieren und hat nebenbei gejobt. Und das bei Studiengebühren, die höher liegen als die paar bummeligen 500.- Euro pro Semster, über die wir hier streiten. Statt sich auf seiner Herkunft auszuruhen (Arbeiterkind) hat er es einfach gemacht und nicht nach Ausreden gesucht, warum es angeblich nicht geht. Er hat halt geschaut, was er machen muss, damit es geht. Da sollten sich unsere iPhone und iMac bestückten Studenten mal überlegen, ob es evt. mal ein Glas Latte bei Starbucks weniger sein darf. Wenn ich dann auch noch lese, dass teilweise die Gebühren nach dem Studium zu niedrigen Zinsen abgestottert werden müssen, dann wird es lächerlich, über was wir hier in Deutschland streiten. By the way, ich bin Grünwähler und stimme da mit den Grünen nicht überein, die ja i.d.R. gegen Studiengebühren sind.

    Aber wie sagt Pinkwart richtig? Wenn es um Gebühren geht, sind die Betroffenen meist dagegen.

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    Meinetwegen können Sie ja Studiengebühren für richtig halten, sie ignorieren aber, dass in den USA das gesamte System ein Anderes mit mehr Eigenverantwortung ist.
    Wenn Sie Studiengebühren vertreten, müssen sie im Gegenzug konsequenterweise staatliche Steuern und Abgaben senken.
    Nur so wäre das zu rechtfertigen.
    Solange weder die FDP noch eine andere Partei das durchsetzen kann, bleiben Studiengebühren unseriös, leider ebenso sehr wie die gesamte Steuer- und Abgabenpolitik.
    Es ist eben nicht seriös solche Politik zu betreiben ohne die Mehrheit überzeugt zu haben.
    Solche Politik führt letztlich nur zu mehr Staat mit immer mehr Abgaben.

    H.

    USA-Studium   Heimweh04

    Hier an dem Medical College, an dem ich arbeite, haben die Medizinstudenten bis zu einer viertel Million Dollar Schulden angehäuft, wenn sie fertig sind.

    Way to go????

    nach dem er selbst von 1981 ein Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Münster und Bonn anfing und 1987 als Diplom-Volkswirt beendete und dann dem auch noch ein Promotionsstudium 1991 abschloss....
    kann er natürlich gut über Studiengebühren fabulieren, nach dem ER ja alle Vorteile geniessen konnte.

    Dann lese ich auch gerade bei Wikipedia, dass Pinkwart als Professor für BWL an der Uni Siegen seit dem Eintritt in die Landesregierung 2005 auf seiner Professorenstelle beurlaubt ist.
    Da hätte ich doch gerne gewusst, ob in der Zeit sein Professorengehalt auch ruhte?
    Nach seiner Vita ist Prof. Pinkwart offensichtlich ausschliesslich von den Steuerzahlern gut alimentiert worden. Und dann Meinungen vertreten, die einem Grossteil der Bürgern ein würdevolles Leben und nun auch eine gute Ausbildung/Studium verwehren wollen.
    Vermutlich wünscht die Klientel der Mövenpick-Partei, dass ihre Kinder endlich ohne den prekären Pöbel studieren dürfen.

    Einfach nur widerlich, diese Haltung.

    Da kann ich nur empfehlen lieber Infamia: Gehen Sie an die Uni und wundern Sie sich darüber, wie sehr sich das Studentenleben verändert hat!

    Ich konsumiere keinen Starbucks- Coffe, habe weder Iphone noch Macbook noch hätte ich Zeit, um neben dem Studium zu arbeiten. Meine Uni- Woche hat locker 50 Stunden und in der jetztigen Klausurenphase erwarten mich 9 Klausuren in etwas mehr als 3 Wochen. Die Semesterferien müssen für Praktika genutzt werden, da ansonsten der Berufseinstieg äußerst schwierig wird. Wo soll da Zeit bleiben, um sich das Geld zu verdienen?
    Man kann durchaus für Studiengebühren sein, da sie sehr Sinnvolles bewirken, wie bessere Bibliotheksausstattung, mehr Übungsleiter etc. Aber man muss sich bewusst sein, dass ärmere Studenten durch Studiengebühren vom Studium abgeschreckt werden. Wenn sich Deutschland erlauben kann über monetäre Selektion die Bildung zu verteilen, dann frage ich mich, warum unser werter FDP- Minister Brüderle Fachkräfte aus anderen Ländern braucht. Vorher sollte doch wirklich vor der eigenen Haustür gekehrt werden, auch wenn es dafür wohl tatsächlich zu spät ist.

    Sind nicht grundsaetzlich gegen Studiengebuehren. Die gruene Hochschulgruppe "GRAS" hat in den 90ern als eine der ersten das System nachgelagerter Studiengebuehren (nach dem australischen Modell)favorisiert. Dieter Salomon, deer daran massgeblich mitgearbeitet hat, ist in der Folge in Freiburg mit eine klaren Befuerwortung dieses Modells auch zum gruenen Buergermeister gewaehlt worden.

    Wenn Studiengebuehren nicht die Studienzeit selbst belasten und wenn die Rueckzahlung proportional zum spaeter erreichten Einkommen erfolgt, dann finde ich "Studiengebuehren" (die dann wohl eher so etwas wie ein Bildungsfond von Akademikern fuer Akademiker sind) sinnvoll. Unter anderen Bedingungen nicht.

  2. @Infamia:

    Sie behaupten also, dass, nur weil es möglich ist, es auch gemacht werden sollte ... oder habe ich etwas überlesen?

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    Ja, genau   Infamia

    Ich glaube, ziemlich deutlich gemacht zu haben, dass ich für Studiengebühren bin. Und nein, ich habe nicht studiert und ja, ich habe ein Tochter, die studieren kann und nein, 500.- Euro schüttel ich nicht so eben aus dem Ärmel. Trotzdem bin ich dafür.

  3. Ich glaube, ziemlich deutlich gemacht zu haben, dass ich für Studiengebühren bin. Und nein, ich habe nicht studiert und ja, ich habe ein Tochter, die studieren kann und nein, 500.- Euro schüttel ich nicht so eben aus dem Ärmel. Trotzdem bin ich dafür.

    Antwort auf "Schwager auf dem Mars"
    • 29.07.2010 um 11:36 Uhr
    • lepkeb

    aber mehr aus dem Grund das so die Professoren und Universitätenin D-land in Regress genommen werden können, wenn sie die vereinbarten Leistungen nicht erbringen.
    Die von Herrn Pinkwart vorgebrachte These das man mit Geld die Qualität erhöht, ist ausgmachter Blödsinn, entspricht aber dem Weltbild eines FDP Mitglieds.
    Viel Geld ist nicht gleich viel Qualität und wenn Herr Pinkwart sich mal die Mühe machen würde, sich im Angloraum an s.g. Elite-Unis umzuschauen, da würde er sehen das nicht Geld über Qualität entscheidet, sondern das Bewertungssystem und die Möglichkeit sich von nichtsleistenden Professoren auch schnell wieder zu trennen.

    "auch hatten wir Rekorde bei den Studienanfängern und Absolventen"

    Das ist im Angloraum ein alter Hut, wenn es wirtschaftlich schlecht geht, gehen mehr Studenten an höhere Bildungseinrichtungen und wenn es gut läuft sinkt die Zahl wieder. Müsste ein "Marktwirtschaftler" eigentlich wissen.

    Hier übrigens mal etwas aus Havard und Studiengebühren
    "
    "Parents with incomes of less than $60,000 will no longer be expected to contribute to the cost of their children attending Harvard. In addition, Harvard will reduce the contributions of families with incomes between $60,000 and $80,000."To find out more about Harvard offering freetuition for families making less than $60,000 a year visit Harvard's financial aid web site at:
    Harvard College Financial Aid Office " (Havard Uni)
    Das würde also den Großteil dt. Familien treffen.

  4. Pinkwart merkt, dass die Qualität in diesem Lande dramatisch sinkt. Was liegt da näher, als denjenigen, von denen man sich Qualität verspricht mehr zu fördern und den dazughörigen Einrichtungen mehr Geld zu verschaffen?
    So weit so logisch.
    Doch Pinkwart unterliegt einem fundamentalen Irrtum, weil seine Annahmen bezüglich der Ursachen falsch sind.
    Dies gilt leider für das gesamte zur Wahl stehende politische Arsenal, von links bis rechts. Ihr Blickwinkel ist der eines Bildungsbürgertums ohne Bezug zum Rest der Bevölkerung. Damit entpuppt sich diese Bürgerlichkeit jedoch als verengtes Spießbürgertum, ohne das dies den Beteiligten auch nur bewusst wird, dass ihre Sicht nur durch eine bereits verengte Wahrnehmung schlüssig bleibt.
    Auch die Bildungspolitik der Grünen, die im Unterschied zum Eliteblick der Liberalen oder Konservativen durchaus mehr Breite wollen, verkennen, das ihre Politik eine(klein-) bürgerliche Geisteshaltung voraussetzt, was aber leider eben nicht den Realitäten entspricht, weshalb alle ihre Massnahmen bisher gescheitert sind und weiter scheitern werden.
    Das Interview mit Frau Löhrmann in NRW spricht da Bände, sie weis, das sie eine Mehrheit gegen sich hat, sie kann nicht einmal plausibel machen, warum die neue Mittelschule nicht wie das bisherige Gesamtschulkonzept scheitern soll, geschweige denn beweisen, sie hält aber unbeirrbar daran fest.
    Meine Kinder machen alle Auslandspraktika, denn ich sehe nicht, das irgendwo Einsicht vorhanden wäre.

    H.

  5. ...sollten Studenten Gebühren dafür zahlen, dass sie später in ihrem Berufsleben gut die Hälfte ihres nennenswerten Einkommens an den Staat abführen dürfen?

  6. Meinetwegen können Sie ja Studiengebühren für richtig halten, sie ignorieren aber, dass in den USA das gesamte System ein Anderes mit mehr Eigenverantwortung ist.
    Wenn Sie Studiengebühren vertreten, müssen sie im Gegenzug konsequenterweise staatliche Steuern und Abgaben senken.
    Nur so wäre das zu rechtfertigen.
    Solange weder die FDP noch eine andere Partei das durchsetzen kann, bleiben Studiengebühren unseriös, leider ebenso sehr wie die gesamte Steuer- und Abgabenpolitik.
    Es ist eben nicht seriös solche Politik zu betreiben ohne die Mehrheit überzeugt zu haben.
    Solche Politik führt letztlich nur zu mehr Staat mit immer mehr Abgaben.

    H.

    Antwort auf "Studiengebühren"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie hier die Studiengebühren vermeintlich gerechtfertigt werden; ohne (Hinter-) Sinn und Verstand.

    Mehr Eigenverantwortung?

    Dieser dümmliche und hohle Pseudo-Begriff steht für zunehmende, besser: grassierende Privatisierung und der Rückzug aus der Sozialstaatlichkeit zu Gunsten Wohlhabender, auf Anordnung der richtlinienkompetenten Konzernvorstände!

    Schavans skrupelloser Ruf nach der Einreiseerleichterung für ausländische Akademiker ist eine Kriegserklärung an die Bevölkerung!

    Zweifel a meiner These?

    Ausgerechnet das PISA-Schlusslicht Deutschland soll sich am amerikanischen – Geld entscheidet über Bildung – System orientieren. Zumindest die Verelendung weiter Bevölkerungsschichten haben wir bereits erfolgreich übernommen.

    Würden diese lobbyistischen Berufsverbrecher mit Mandat die Interessen der Bürger ernsthaft wahren, dann orientierten Sie ihre Bildungspolitik an dem PISA-Gewinner: Finnland; langes, gemeinsamen Lernen, statt Bildungs-Apartheid, inklusive!

    Nun zum Wichtigsten: Was passiert mit der Marie?

    1/3 – in Worten: Ein Drittel – wandert in die Versicherungsindustrie zur Absicherung von Bafög-Rückzahlungsausfällen. Noch dreister ist nur die Bildung einer kriminellen Vereinigung (Regierung und Versicherungskonzerne) im Falle des Riester-Betruges; aber das ist ein Thema für sich.

    Ein großer Teil wandert in die Gebäudesanierung.

    Verbesserung der Lerninhalte und Lehrmittel?

    Aber sicher!...wenn man den Bachelor-Wahnsinn als solches betrachten möchte.

    Ein kleiner Schmunzler zum Abschied:

    Der Bundespräsident der diese Gesetzesänderungen, inkl. Regelstudienzeit unterschrieben hat, heißt: Wolfgang Thierse.

    Seine Studienzeit in Berlin hat dieser akademische Wirbelwind in "nur" 22 Semestern erledigt. Diese Information verschwand kurz vor der Ratifizierung der radikalsten Gesetzesänderung im Bildungswesen seit Gründung der BRD, wie von Zauberhand aus seinem offiziellen Lebenslauf!:-))

    Grüße aus Deutschland, dem Land der Tafeln.

    PS Wirklich relevante Zahlen zu verschiedensten politischen und volkswirtschaftlichen Bereichen erhält der Interessierte hier: http://www.bildungsberich... und hier: www.jjahnke.net

  7. @Infamia:

    Gut. Ich vermisse allerdings Gründe dafür, warum alle Alternativen dann nicht möglich bzw. schlechter sind.
    "Wenn es um Gebühren geht, sind die Betroffenen meist dagegen." und was Pinkwart sonst so äußert, sagt jedoch darnichts über denn Sinn oder Unsinn dieser Gebühren aus.

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