Loveparade-Augenzeugenbericht "Macht die Mauern weg!"

Mit knapper Not entkam unsere Autorin dem Gedränge im Tunnel der Duisburger Loveparade.

»Ey, willst du uns umbringen?« Ein Mädchen steht im Gang der Regionalbahn nach Duisburg und nimmt einen Schluck aus einer Punica-Multivitamin-Flasche. Dann schreit sie wieder fröhlich ihren Freund an, der unter seinem Strohhut aus unschuldigen blauen Augen die Welt betrachtet. Der Multivitaminsaft ist großzügig mit Wodka verdünnt. »Ich hab’s nicht mehr geschafft. Ging einfach nicht mehr. Sieht man den dunklen Haaransatz schon?«, fragt die hübsche Blondine. Alte Regionalbahn, gerammelt voll. Die Menschen schwitzen und trinken Wodka dagegen. Erste Drogendeals auf den Gängen. Große Pupillen wandern nervös über die vorbeifliegende Landschaft. Am Bahnhof steigen im Rhythmus von fünf Minuten Hunderte Menschen aus. Eine Polizistin zählt am Ausgang des Gleises: »50, 50, 50, 50, 50.« Sie macht dazu Striche in ein Notizheft.

Menschen und Dixi-Klos sind das Einzige, was ausreichend vorhanden ist. Vor dem Bahnhof überlege ich, sofort wieder zurück nach Berlin zu fahren. Doch dann hätte ich meinen Reportageauftrag für die ZEIT nicht erfüllen können. Und, ich gebe es zu, ich habe mich auf die DJs gefreut. Meine erste Loveparade überhaupt.

Anzeige

»Das Pep knallt bei mir gar nicht«, sagt ein Junge, der neben mir läuft, und nimmt dazu einen Schluck aus einem Tetrapak Erdbeermilch. »Bei mir total«, sagt sein Freund. Pep ist das neue Ecstasy. Zum Güterbahnhof sind es gerade mal 500 Meter Luftlinie. 1.000.000 Watt für 1.000.000 Menschen sollen da irgendwo auf uns warten. Und die Wirkung von Pep, Ketamin, Ecstasy und Kokain wird unterwegs in die Menge sickern.

Mütter begleiten ihre Töchter, Töchter haben ihre Babys auf dem Arm. Raver wissen vor solchen Partys, dass sie am nächsten Morgen nichts mehr wissen, und haben an ihren Körpern so wenig wie möglich. Die Sonnenbrillen sind bei H&M für fünf Euro gekauft worden, die T-Shirts sind einfach, manchmal selbst bemalt; »Love, Peace & Happiness« steht dann darauf, Perücken wippen, buntes Fell an Hosen. Weil nichts ausgeschildert ist, läuft man der Masse hinterher. Mal stehen wir auf einem Marktplatz, mal in engen Gassen, dann starren verstrahlte Techno-Kinder in die Gesichter erschrockener Duisburger am Straßenrand. Getränkestände auf dem Weg verkaufen ausschließlich Dosenbier und Red Bull. Der Geruch der Loveparade: Red Bull und Pisse.

Das erste Drängeln beginnt durch einen quergestellten Partywagen, das erste Mal nach einer Stunde: Musik. Sehr gut, kurze Verschmelzung mit dem Bass. Die Musik legt sich um uns wie ein warmer Mantel. Ich kann mir gut vorstellen, warum so viele Mädchen sich Engelsflügel auf den Rücken schnallen. Man schwebt auf Schallwellen. Mit jeder Druckwelle des Basses löst sich der Körper in Musik auf wie Aspirin im Wasserglas. Jedenfalls für 60 Sekunden. Es wird immer enger. Wir quetschen uns seitlich am Musikwagen vorbei. Man müsste schon die niedrigen grauen Häuser von Duisburg wegsprengen, um frische Luft in die Straßen zu lassen. Einige haben sich mit Seilen und Bändern aneinandergeknotet, um sich nicht zu verlieren. Das Handynetz bricht zusammen.

Hilfe für Betroffene

Die Polizei hat eine Hotline unter der Telefonnummer 0203/94 000 für Angehörige von Opfern und Vermissten geschaltet.

Unter der Telefonnummer 0201/82 98 091 wird Menschen Hilfe angeboten, die aufgrund ihrer schockierenden Erlebnisse am Samstag ein persönliches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen möchten.

Die Helfer sind auch unter der E-Mail-Adresse Betreuungsangebot.Loveparade@polizei.nrw.de zu erreichen.

Wir kommen auf eine Allee mit dicken, alten Bäumen. Sie ist breit, für mittlerweile über 500.000 Menschen aber nicht breit genug. Vorne geht es wieder nicht weiter. Wir stehen ewig, jeder den anderen bedrängend. Bier wird über mich gekippt. Die Straße ist an den Seiten mit Bauzäunen abgesperrt. Niemand kann weg. Nicht vor, nicht zurück.

Der Sicherheitsservice der Loveparade trägt hellblaue T-Shirts, und dort vorn stecken in diesen hellblauen T-Shirts zwei ältere Damen, die offenbar 500.000 Menschen in Schach halten sollen. Sie stehen da und staunen und versuchen, mit dem ebenfalls hellblauen Himmel unauffällig zu verschmelzen. Es heißt, es gebe Personenkontrolle. »What?«, ruft ein junger, stark betrunkener Mann, ein britischer Soldat, stationiert in Bielefeld.

Leser-Kommentare
  1. Pep oder auch Speed genannt ist kein Ecstasy sondern Amphetamin.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Pep ist das neue Ecstasy."

    Damit will die Autorin sagen, das Pep das ist, was früher das Ecstacy für die Techno-Szene war.

    • dacapo
    • 28.07.2010 um 21:06 Uhr

    Dann ist ja dann in diesem Zusammenhang sehr wichtig, zu wissen, was pep ist.

    "Pep ist das neue Ecstasy."

    Damit will die Autorin sagen, das Pep das ist, was früher das Ecstacy für die Techno-Szene war.

    • dacapo
    • 28.07.2010 um 21:06 Uhr

    Dann ist ja dann in diesem Zusammenhang sehr wichtig, zu wissen, was pep ist.

    • Aleph1
    • 28.07.2010 um 17:12 Uhr

    Welche Sprache wird einem solchen Ereignis gerecht? Ich lese hier schnittige und weniger schnittige Pointen und einen Stil, der wohl literarisch anmuten soll. Was soll überhaupt ein Augenzeugenbericht? Um Informationen geht es hier offenbar nicht, aber worum dann? Das Schreckenserlebnis selbst ist schwerlich kommunizierbar, und ich frage mich, ob ein unmittelbarer Bericht nicht ehrlicher ist, als einer, dessen pointengespickte Sprache höchstens polierter wirkt und sich unterhaltsamer liest. Nicht zu vergessen der gelegentliche satirische Unterton, um sich nebenbei von der allgemeinen Masse zu distanzieren.

  2. 3. Stimmt

    Sehr gute Fragen, zumal man Mitte der 90er Jahre in Berlin auf der Loveparade auch feiern konnte, ohne Ectasy einzuschmeissen, oder sich mit Red Bull oder Amphetaminen auf zu puschen.

    Noch erschreckender als die Massenpanik finde ich die Selbstverständlichkeit mit der der Drogenkonsum hingenommen wird und als Selbstverständlichkeit erscheint.

    Antwort auf
  3. Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen: Ein unaussagekräftiger und vorverurteilender Artikel mit eigentlich keinem Sinn!

    • pirre
    • 28.07.2010 um 17:27 Uhr

    ...nicht alle besucher eines solchen events nehmen drogen. ich wage sogar zu bezweifeln, dass es die mehrheit ist, wenn man alkohol nicht als droge bezeichnet.
    es ärgert, wenn so etwas, was im übrigen mit dem thema überhaupt nicht in zusammenhang steht, immer wieder als aufhänger benutzt wird.

    abgesehen davon halte ich den artikel für gut geschrieben, auch wenn mir, wie Aleph1, die Motivation dafür etwas abhanden gekommen ist.

  4. Panik hatte inmitten von Tausenden, sollte sich so einen Augenzeugenbericht sehr gut durchlesen. Nach eigenen Panikerfahrungen am großen Stern, hundert Meter vor der Siegessäule, mit einem riesigen Tiergarten drumherum, also ohne Mauern, würde ich niemals mit ungeordneten Mengen in einen Tunnel laufen. Wer sowas nicht vorab sieht, war noch nie auf einer Großveranstaltung. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob das Sicherheitskonzept der vergangenen Love-Parades in Berlin eigentlich gut war. In Duisburg ist es schiefgegangen, weil offensichtlich Menschen totgetrampelt wurden, damit andere sich retten konnten. In Berlin sind Menschen auch gestorben, weil sie in der Menge einfach Panik kriegten. Das Thema Drogen ist bei dieser ganzen Sicherheitsdiskussion ja sicher auch zu berücksichtigen. Hierauf konnten Verantwortliche wenig Einfluß nehmen, aber vernünftig einkalkuliert haben sie das vielleicht auch nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    soweit ich weiß und immer wieder berichtet wird, kam es bei den berliner Loveparades nur 1 mal zu einer Messerstecherei mit einem Toten, sowie 2 Drogentoten - aber nie zu einer Massenpanik mit Verletzen oder gar Toten ..

    ich bitte da um Aufklärung!

    falls das nur eine persönliche Ansicht war, dann tut mir das natürlich Leid, aber bei so vielen Leuten, kann es natürlich sein, dass eingie davon in der Masse nicht zurecht kamen ...

    dort wie in Essen und Dortmund wohl auch, ist aber eben deshalb nichts passiert, weil die Leute genug Platz hatten und so keine bedrohliche Enge enstehen konnte - das ist der große Unterschied zwischen einem subjektiven Beengungsgefühl (wonach man solche Veranstlatungen dann auch nicht mehr aufsuchen sollte) und dem kollektiven Gefühl, die dann gefährlich enden kann!

    soweit ich weiß und immer wieder berichtet wird, kam es bei den berliner Loveparades nur 1 mal zu einer Messerstecherei mit einem Toten, sowie 2 Drogentoten - aber nie zu einer Massenpanik mit Verletzen oder gar Toten ..

    ich bitte da um Aufklärung!

    falls das nur eine persönliche Ansicht war, dann tut mir das natürlich Leid, aber bei so vielen Leuten, kann es natürlich sein, dass eingie davon in der Masse nicht zurecht kamen ...

    dort wie in Essen und Dortmund wohl auch, ist aber eben deshalb nichts passiert, weil die Leute genug Platz hatten und so keine bedrohliche Enge enstehen konnte - das ist der große Unterschied zwischen einem subjektiven Beengungsgefühl (wonach man solche Veranstlatungen dann auch nicht mehr aufsuchen sollte) und dem kollektiven Gefühl, die dann gefährlich enden kann!

  5. Ich hoffe zwar, dass die Autorin die Klugheit besitzt, nicht in den Kommentaren hier zu lesen, aber falls das nicht der Fall sein sollte: vielen Dank für den Artikel, ich finde diesen Blick von innen sehr viel eindrücklicher als die Schuldzuschiebungen und die hysterischen Meinungsbilder, die man sonst grade liest. Und ich wünsche Ihnen, dass sie das Erlebte gut bewältigen können.

    Ich würde auch sagen, dass ich den Artikel gut geschrieben finde, aber angesichts des Themas kommt mir so eine Wertung falsch vor und angesichts der beschriebenen Erlebnisse vermute ich, dass es schwierig genug war, überhaupt etwas zu beschreiben.

    Und nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob mir die Zeit ohne Kommentarfunktion nicht sehr viel besser gefallen würde. Grade angesichts dieses Themas.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und man hat nach einem Nahtoderlebnis nichts Besseres zu tun, als blumig dieses zu schildern?

    Sorry, aber dafür habe ich wenig Verständnis.

    Dieser Artikel hätte ebenso gut in der Bild erscheinen können. Eine wirklich geschmacklose Erzählung eines schrecklichen Ereignisses.

    Wenn sich die Leitmedien denn endlich mal damit auseinander setzen würden, wer diese 1,0000,000 Menschen wirklich sind...

    Nein, schon gut, sind alles pillenschluckende "Raver" oder "Techno-Fans".

    Liebe ZEIT-Redaktion, bitte, bitte verzichtet doch in Zukunft auf Artikel dieser Art. Man weiß langsam nicht mehr, auf welches Medium man ausweichen soll...

    Und man hat nach einem Nahtoderlebnis nichts Besseres zu tun, als blumig dieses zu schildern?

    Sorry, aber dafür habe ich wenig Verständnis.

    Dieser Artikel hätte ebenso gut in der Bild erscheinen können. Eine wirklich geschmacklose Erzählung eines schrecklichen Ereignisses.

    Wenn sich die Leitmedien denn endlich mal damit auseinander setzen würden, wer diese 1,0000,000 Menschen wirklich sind...

    Nein, schon gut, sind alles pillenschluckende "Raver" oder "Techno-Fans".

    Liebe ZEIT-Redaktion, bitte, bitte verzichtet doch in Zukunft auf Artikel dieser Art. Man weiß langsam nicht mehr, auf welches Medium man ausweichen soll...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service