Loveparade-Augenzeugenbericht "Macht die Mauern weg!"Seite 2/2
Drei Stunden sind seit der Ankunft am Bahnhof vergangen, als wir die Absperrung vor dem Tunnel erreichen. Es ist jetzt 16.40 Uhr. Die Stimmung wird aggressiv. Die Sonne scheint auf unsere Köpfe und macht müde. Als die Polizei an einer Stelle einen Bauzaun öffnet, drücken die Menschen in Richtung des kleinen Lochs. Ein Nadelöhr. Viele bekommen Angst, zu ersticken. Der Druck von hinten ist so stark, dass ich in der Menge schwimme. Die Polizei räumt erst nach langem Geschrei und ersten panischen Hilferufen alle Zäune an die Seite. Pressen, drücken, Kontakt zum Boden verloren. Ein Mann sagt, eher zu sich selbst, aber laut genug: »Willkommen in der Hölle.« Wir rennen los. Aus ihren Vorgärten schauen uns dicke Duisburger mit Cocktailbecher in der einen und Zigarette in der anderen Hand dabei zu, wie wir uns in den Tunnel hineinschubsen. Die Bewegungen werden wieder langsam. Wir sind eine zähe, wabernde Masse.
Es wird schlagartig dunkel, Kunstlicht macht plötzlich alles fremd. Im zweiten oder dritten Tunnel geht es wieder nicht weiter. Warten. Niemand weiß, warum wir hier schon wieder stehen. Es wird immer enger. Ein Kokon aus Beton. Noch schlimmer, als eingequetscht zu werden, ist, in einem Tunnel eingequetscht zu werden. Zehntausende von Menschen in dem TUNNEL. Mir kommt es so vor, als sei die gesamte Menschheit hier unten zusammengekommen. Die Menschheit aus Münster, Bielefeld, Dortmund, Hamm, Essen, Düsseldorf. »Alter, Scheiße, macht die Mauern weg!« Tausend Trillerpfeifen hallen im Tunnel. So laut kann keine Musikanlage sein.
Ich bekomme Angst. Tiefe, ernste Angst. Ich habe selten Angst. Mir wird schlecht, ich halte mir die Ohren zu, es tut weh. Ich stehe am Rand und gehe in die Knie, halte mich an einem Bordstein fest, Leute treten mir in den Rücken, fallen über mich, und ich bin für einige Sekunden, vielleicht fünf, vielleicht fünfzehn, nicht mehr bei mir. Extrem viele blinkende Pünktchen auf meinem Radar. Als ich wieder verstehe, wo ich bin, liegt neben mir ein Junge, etwa Mitte zwanzig, auf dem Rücken und atmet sehr unregelmäßig. Sein Gesicht ist nass, seine Augen, blutunterlaufen, schauen an die runde Decke. Ich rüttle an seinem Arm, er reagiert nicht. Ich weiß nicht, wie Erste Hilfe geht. Ich weiß nicht mal, was das für ein Zustand sein soll. Ich versuche, wenigstens zu verhindern, dass noch mehr Leute auf seinem Torso, auf seinem Kopf herumtrampeln. Ich sitze ewig so da und sage, dass alles gut wird. Er blinzelt nur kurz. Wir warten sehr lange. Bei der Gelegenheit finde ich meine Tasche. Das Portemonnaie fehlt. Mittlerweile schubsen und drängeln die Leute immer heftiger. Irgendwann kommen zwei Malteser durch die Menge mit Helmen und dicken orangefarbenen Jacken. Sie knien sich neben uns und versorgen den Jungen. Ich will nur noch raus. Als ich die Rampe zum Güterbahnhof hinaufsteige, sehe ich, wie sich viele über die Mauer und die Steintreppe retten.
Oben auf dem Gelände gibt es keinen Notausgang. Keinen Getränkestand. Nur die Hitze. Starke Rückwärtsbewegung zurück in die Tunnel. Einen anderen Ausgang gibt es nicht. Irgendwas ist passiert, was sogar das Pfeifen dort verschluckt hat. Es ist sehr still geworden. Nur von Weitem hören wir einen schwachen Bass. Dann kommen die Sirenen.
Unten im Tunnel liegen am Rand Menschen auf dem Boden. Sind sie tot oder nur ohnmächtig? Ich kann nicht glauben, dass hier Menschen gestorben sein sollen, auch wenn ein Mädchen auf mich zugelaufen kommt und das herausschreit. Die da liegen, sind Mitte zwanzig. So alt wie ich. Am Boden: Schuhe, schmutzige Engelsflügel, Arztzeug, Silberfolien zum Abdecken. Man steht bescheuert herum und glotzt sich an. Taub überall. Wo man auch hinschaut, blickt man in erschrockene Gesichter, verschmierte Schminke. Eine Duisburgerin hat einen weißen Plastikstuhl vor ihr Haus gestellt und guckt uns zu wie im Fernsehen. »Selbst schuld«, sagt sie, »warum müsst ihr auch hierherkommen?«
Ja, warum? Warum besteigt man Berge? Warum läuft man über die Straße? Warum tritt man auf eine Biene? Warum geht man weiter?
- Datum 04.08.2010 - 14:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
- Kommentare 52
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Pep oder auch Speed genannt ist kein Ecstasy sondern Amphetamin.
"Pep ist das neue Ecstasy."
Damit will die Autorin sagen, das Pep das ist, was früher das Ecstacy für die Techno-Szene war.
Dann ist ja dann in diesem Zusammenhang sehr wichtig, zu wissen, was pep ist.
"Pep ist das neue Ecstasy."
Damit will die Autorin sagen, das Pep das ist, was früher das Ecstacy für die Techno-Szene war.
Dann ist ja dann in diesem Zusammenhang sehr wichtig, zu wissen, was pep ist.
Welche Sprache wird einem solchen Ereignis gerecht? Ich lese hier schnittige und weniger schnittige Pointen und einen Stil, der wohl literarisch anmuten soll. Was soll überhaupt ein Augenzeugenbericht? Um Informationen geht es hier offenbar nicht, aber worum dann? Das Schreckenserlebnis selbst ist schwerlich kommunizierbar, und ich frage mich, ob ein unmittelbarer Bericht nicht ehrlicher ist, als einer, dessen pointengespickte Sprache höchstens polierter wirkt und sich unterhaltsamer liest. Nicht zu vergessen der gelegentliche satirische Unterton, um sich nebenbei von der allgemeinen Masse zu distanzieren.
Sehr gute Fragen, zumal man Mitte der 90er Jahre in Berlin auf der Loveparade auch feiern konnte, ohne Ectasy einzuschmeissen, oder sich mit Red Bull oder Amphetaminen auf zu puschen.
Noch erschreckender als die Massenpanik finde ich die Selbstverständlichkeit mit der der Drogenkonsum hingenommen wird und als Selbstverständlichkeit erscheint.
Ich kann mich meinem Vorredner nur anschließen: Ein unaussagekräftiger und vorverurteilender Artikel mit eigentlich keinem Sinn!
...nicht alle besucher eines solchen events nehmen drogen. ich wage sogar zu bezweifeln, dass es die mehrheit ist, wenn man alkohol nicht als droge bezeichnet.
es ärgert, wenn so etwas, was im übrigen mit dem thema überhaupt nicht in zusammenhang steht, immer wieder als aufhänger benutzt wird.
abgesehen davon halte ich den artikel für gut geschrieben, auch wenn mir, wie Aleph1, die Motivation dafür etwas abhanden gekommen ist.
Panik hatte inmitten von Tausenden, sollte sich so einen Augenzeugenbericht sehr gut durchlesen. Nach eigenen Panikerfahrungen am großen Stern, hundert Meter vor der Siegessäule, mit einem riesigen Tiergarten drumherum, also ohne Mauern, würde ich niemals mit ungeordneten Mengen in einen Tunnel laufen. Wer sowas nicht vorab sieht, war noch nie auf einer Großveranstaltung. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob das Sicherheitskonzept der vergangenen Love-Parades in Berlin eigentlich gut war. In Duisburg ist es schiefgegangen, weil offensichtlich Menschen totgetrampelt wurden, damit andere sich retten konnten. In Berlin sind Menschen auch gestorben, weil sie in der Menge einfach Panik kriegten. Das Thema Drogen ist bei dieser ganzen Sicherheitsdiskussion ja sicher auch zu berücksichtigen. Hierauf konnten Verantwortliche wenig Einfluß nehmen, aber vernünftig einkalkuliert haben sie das vielleicht auch nicht.
soweit ich weiß und immer wieder berichtet wird, kam es bei den berliner Loveparades nur 1 mal zu einer Messerstecherei mit einem Toten, sowie 2 Drogentoten - aber nie zu einer Massenpanik mit Verletzen oder gar Toten ..
ich bitte da um Aufklärung!
falls das nur eine persönliche Ansicht war, dann tut mir das natürlich Leid, aber bei so vielen Leuten, kann es natürlich sein, dass eingie davon in der Masse nicht zurecht kamen ...
dort wie in Essen und Dortmund wohl auch, ist aber eben deshalb nichts passiert, weil die Leute genug Platz hatten und so keine bedrohliche Enge enstehen konnte - das ist der große Unterschied zwischen einem subjektiven Beengungsgefühl (wonach man solche Veranstlatungen dann auch nicht mehr aufsuchen sollte) und dem kollektiven Gefühl, die dann gefährlich enden kann!
soweit ich weiß und immer wieder berichtet wird, kam es bei den berliner Loveparades nur 1 mal zu einer Messerstecherei mit einem Toten, sowie 2 Drogentoten - aber nie zu einer Massenpanik mit Verletzen oder gar Toten ..
ich bitte da um Aufklärung!
falls das nur eine persönliche Ansicht war, dann tut mir das natürlich Leid, aber bei so vielen Leuten, kann es natürlich sein, dass eingie davon in der Masse nicht zurecht kamen ...
dort wie in Essen und Dortmund wohl auch, ist aber eben deshalb nichts passiert, weil die Leute genug Platz hatten und so keine bedrohliche Enge enstehen konnte - das ist der große Unterschied zwischen einem subjektiven Beengungsgefühl (wonach man solche Veranstlatungen dann auch nicht mehr aufsuchen sollte) und dem kollektiven Gefühl, die dann gefährlich enden kann!
Ich hoffe zwar, dass die Autorin die Klugheit besitzt, nicht in den Kommentaren hier zu lesen, aber falls das nicht der Fall sein sollte: vielen Dank für den Artikel, ich finde diesen Blick von innen sehr viel eindrücklicher als die Schuldzuschiebungen und die hysterischen Meinungsbilder, die man sonst grade liest. Und ich wünsche Ihnen, dass sie das Erlebte gut bewältigen können.
Ich würde auch sagen, dass ich den Artikel gut geschrieben finde, aber angesichts des Themas kommt mir so eine Wertung falsch vor und angesichts der beschriebenen Erlebnisse vermute ich, dass es schwierig genug war, überhaupt etwas zu beschreiben.
Und nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob mir die Zeit ohne Kommentarfunktion nicht sehr viel besser gefallen würde. Grade angesichts dieses Themas.
Und man hat nach einem Nahtoderlebnis nichts Besseres zu tun, als blumig dieses zu schildern?
Sorry, aber dafür habe ich wenig Verständnis.
Dieser Artikel hätte ebenso gut in der Bild erscheinen können. Eine wirklich geschmacklose Erzählung eines schrecklichen Ereignisses.
Wenn sich die Leitmedien denn endlich mal damit auseinander setzen würden, wer diese 1,0000,000 Menschen wirklich sind...
Nein, schon gut, sind alles pillenschluckende "Raver" oder "Techno-Fans".
Liebe ZEIT-Redaktion, bitte, bitte verzichtet doch in Zukunft auf Artikel dieser Art. Man weiß langsam nicht mehr, auf welches Medium man ausweichen soll...
Und man hat nach einem Nahtoderlebnis nichts Besseres zu tun, als blumig dieses zu schildern?
Sorry, aber dafür habe ich wenig Verständnis.
Dieser Artikel hätte ebenso gut in der Bild erscheinen können. Eine wirklich geschmacklose Erzählung eines schrecklichen Ereignisses.
Wenn sich die Leitmedien denn endlich mal damit auseinander setzen würden, wer diese 1,0000,000 Menschen wirklich sind...
Nein, schon gut, sind alles pillenschluckende "Raver" oder "Techno-Fans".
Liebe ZEIT-Redaktion, bitte, bitte verzichtet doch in Zukunft auf Artikel dieser Art. Man weiß langsam nicht mehr, auf welches Medium man ausweichen soll...
Verstehe Ihren Punkt nicht. Der Artikel ist aus persönlicher Perspektive und verherrlicht nichts, berichtet lediglich. Was hat das mit Akzeptanz und Toleranz zu tun?
Sie waren wohl noch nie auf Technofestivals, dort ist ein Konsum solcher Substanze weit verbreitet, genauso, wie das Saufen auf dem Oktoberfest 'dazugehört'. Auf Rockfestivals riecht es eben nach Pisse und Bier, und weiter? Trotzdem ist das eine einmalige Erfahrung, die ich bspw. nie missen möchte. Sie können das nun gut finden oder nicht. Bei letzterem gehen Sie einfach nicht hin, fertig.
Antwort zu "Welche Sprache wird einem solchen Ereignis gerecht?"
Keine.
"Was soll ein Augenzeugenbericht"? Gegenfrage: Was soll ein offizieller Bericht? Richtig, darstellen, was passiert ist. Nur da jeder Mensch unterschiedlich wahrnimmt und die Wahrheit die Kombination aller Wahrnehmungen ist, vermittelt ein persönlicher, mit Pointen gespickter und literarisch anmutender Text ein 'Gefühl' von dem, was da passiert ist - deswegen liest man auch Romane und nicht nur Tatortberichte.
"Nicht zu vergessen der gelegentliche satirische Unterton, um sich nebenbei von der allgemeinen Masse zu distanzieren."
Korrekt. Und zwar wegen Kommentatoren wie Ihnen und Ihrem Vorredner. Da handelt es dich um den berühmten McDonald's-Effekt: keiner geht hin, aber jeden trifft man da. Jeder (auch Sie) glauben, sie seien etwas besonderes und nicht teil der Masse. Gibt man das jedoch zu, manövriert man sich ins gesellschaftliche Aus.
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