Marlene Dietrich Heillose Wollust

Marlene Dietrich gehört zu den schönsten und anrüchigsten Frauen des Kinos. Die Box "Diva Highlights" sammelt nun ihre besten Filme, von Lubitsch bis Sternberg.

Die Diva und ihr Glitzerkleid - Marlene Dietrich auf der Bühne

Die Diva und ihr Glitzerkleid - Marlene Dietrich auf der Bühne

Manchmal sieht sie aus wie ein großes, exotisches Insekt: die Augen unter schweren Lidern zu Schlitzen verengt, das paillettenbesetzte Kleid ein schillernder Panzer, Schleier wie angelegte Flügel. Und wenn man ihr zu nahe kommt, könnte es sein, dass sie sticht. Marlene Dietrich gehört zu den schönsten Frauen des Kinos, aber auch zu den gefährlichsten. Wenn sie auftritt, hält jeder Film den Atem an, von den Männern ganz zu schweigen. In Josef von Sternbergs Der Teufel ist eine Frau wird der ältliche Lionel Atwill praktisch ferngesteuert von der kapriziösen spanischen Tänzerin in der Carmen- Nachfolge, die Dietrich hier spielt. Dem weltgewandten, charmanten Melvyn Douglas wiederum geht der Dialog aus; er kann nur noch starren, nein, wirklich: glotzen, als er in Ernst Lubitschs halluzinatorischer Dreieckskomödie Engel einer geheimnisvollen Schönen begegnet, die sich später als vernachlässigte Politikergattin auf Abwegen entpuppt. Und selbst Victor McLaglen, ein ausgesprochener Alpha-Mann, lässt sich als russischer Fliegeroffizier in dem lasziven Spionagedrama Entehrt, wieder unter der Regie von Sternbergs, irgendwann aufs Kreuz legen.

Der erotische Anspielungsreichtum bei Lubitsch, die schwüle Atmosphäre der Sternberg-Filme und die Promiskuität ihrer Heldinnen: Das alles war in den Dreißigern, Dietrichs klassischem Jahrzehnt, anrüchig (den Stoff von Der Teufel ist eine Frau hat sich später Buñuel in Dieses obskure Objekt der Begierde angeeignet). Und anrüchig ist es eigentlich auch heute noch. Denn hinter der polierten Oberfläche der Produktionen, denen das Studio Paramount seinen unverwechselbaren Glamour mitgegeben hat, steckt etwas, das mit gutem Geschmack nichts zu tun hat: eine heil- und ziellose Form von Wollust, die sich eben nicht auf »diesen Mann« und »jene Frau« richtet. Marlene Dietrich, die man am besten als gefrorene Schönheit aus ikonischen Einstellungen, von inszenierten Publicityfotos oder aus Billy Wilders TV-Dauerbrenner Zeugin der Anklage kennt, ist in diesen Filmen, die Koch Media unter der Marke »Diva Highlights« in einem Schuber versammelt, tatsächlich ständig in Bewegung. Wenn sie an einer Zigarette zieht, den Kopf beim Klavierspielen in den Nacken wirft oder in einem Wutanfall mit dem Fuß stampft – dann scheint sie stets den Moment zu genießen. Als ob es kein Davor und Danach gäbe, als ob sie immer bei sich wäre, in ihrem eigenen Biotop.

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Am Ende von Entehrt steht sie vor einem Erschießungskommando, gleich wird sie sterben. Aber sie zieht sich noch in aller Ruhe die Lippen nach, entblößt ein perfekt geformtes Bein und richtet sich den Strumpf. Hofft sie, den kommandierenden Offizier im letzten Augenblick zu verführen? Oder will sie einfach die Welt nicht mit rutschenden Strümpfen verlassen? Eine schöne Autarkie ist da jedenfalls im Spiel. Diese Diva scheint gar kein Publikum zu brauchen. Wenn man ihr zuschaut, fühlt man sich immer ein bisschen privilegiert. Sabine Horst

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe mehere Filme der Dietrich gesehen, aber ihr Talent als Schauspielerin habe ich in der Verfilmung von Heinrich Manns Roman,Professor Unrat,(Der Blaue Engel),am meisten geschaetzt.

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  • Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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