Die Stimmung in dem schmucklosen Sitzungsraum am Basler Centralbahnplatz ist angespannt. Es ist der Montag dieser Woche. Für den ganzen Tag haben sich Notenbankgouverneure und Finanzaufseher aus 27 Ländern im ersten Stock des Hauptquartiers der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eingeschlossen. Sie verhandeln über ein neues Grundgesetz für die internationale Finanzbranche – im Branchenjargon Basel III genannt.

Am Tisch sitzen Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank und Kopf des Gremiums, sowie der Schweizer Notenbankchef Philipp Hildebrand. Die USA sind gleich in Mannschaftsstärke angereist: Notenbankpräsident Ben Bernanke, sein Regulierungsfachmann Daniel Tarullo, der Präsident der Zentralbank von New York, William Dudley, und Sheila Bair, die Vorsitzende des amerikanischen Einlagensicherungsfonds. Deutschland wird von Jochen Sanio, dem Präsidenten der Finanzaufsicht BaFin, und Bundesbankvorstand Franz-Christoph Zeitler vertreten.

Die deutsche Delegation ist unzufrieden mit dem Entwurf, der an die Teilnehmer der Runde verteilt wurde. Sie befürchtet, dass die hiesigen Banken unfair behandelt werden. Die anderen Staaten sehen das nicht so, Deutschland ist isoliert. Nach einigem Hin und Her wird entschieden, in die zur Veröffentlichung bestimmte Zusammenfassung des Entwurfs eine Fußnote einzufügen. Sanio dringt darauf, Deutschland darin explizit zu erwähnen, kann sich aber nicht durchsetzen. So heißt es dort nur, "ein Land" habe Vorbehalte.

Um wen es sich handelt und vieles mehr, erfahren die, die es wissen wollen, über andere Kanäle, und so schält sich folgende Interpretation der Geschehnisse am Montagabend heraus: Seite an Seite mit der Bankenlobby bringen die Deutschen die Finanzregulierung zu Fall . "Deutschland hält neuen Basler Akkord auf", titelt das Wall Street Journal . "Die Staaten knicken vor der Bankenlobby ein, Deutschland sitzt im Bremserhäuschen", moniert Sven Giegold von den Grünen im Europaparlament. Es ist ein PR-Desaster für die Bundesregierung, die sich international bei jeder Gelegenheit für strengere Finanzregeln ausspricht.

Die Auseinandersetzung ist ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen. Auf dem G-20-Gipfel in Seoul Ende November soll Basel III feierlich verabschiedet werden. Die eigentlichen Entscheidungen aber werden fernab der großen Politik getroffen, von Menschen wie Sanio, Bernanke und Trichet. Was sie beschließen, ist von weitreichender Bedeutung für die Banken und die gesamte Volkswirtschaft. Basel III regelt, wie viel Eigenkapital die Branche bei ihren Kreditgeschäften vorhalten muss – und damit auch, wie stark die Banken belastet werden und wie viele Kredite sie an die Wirtschaft vergeben können.

Die Finanzbranche zeigt sich zunehmend nervös. Sie muss sich ja nicht nur auf verschärfte Eigenkapitalvorschriften einstellen. In den USA wurde die größte Reform des Finanzsystems seit den dreißiger Jahren auf den Weg gebracht, auch in der EU schreitet die Regulierung voran. Man werde die "zusätzlichen Kapitalanforderungen", die aus den regulatorischen Initiativen entstehen könnten, "aufmerksam verfolgen", schreibt die Deutsche Bank in ihrem Bericht für das erste Halbjahr.

Denn auch wenn der erste Entwurf vom vergangenen Dezember jetzt etwas abgeschwächt wurde, haben es die neuen Regeln noch in sich. Weil eine Verwässerung einkalkuliert worden war, war die Vorlage besonders streng. Wäre sie umgesetzt worden, das ergab eine intern von den Aufsehern erstellte Auswirkungsstudie, wären weltweit rund 50 Prozent des vorhandenen Eigenkapitals im Kreditgewerbe nicht mehr anerkannt worden. Die Änderungen seien "inhaltlich gerechtfertigt", sagt Gerhard Schröck, Partner bei der Finanzberatung Oliver Wyman.