Sexuelle Orientierung Der ist doch schwulSeite 2/2

Umgekehrt, erzählt eine italienische Studentin, gelte unter Italienern in Berlin die einfache Formel: »Die Schwulen sehen wie Heteros aus – und die Heteros wie Schwule.« Anfangs habe sie beim Anblick der schlanken Indie-Jungs mit ihrem Welpenblick an leidende Homosexuelle gedacht – und nicht an ganz normale Studenten, zu deren Grundausstattung in Deutschland nun mal eine Art Weltschmerz gehöre. Sie musste ihr Männerbild neu justieren.

In der amerikanischen Fernseherie Ugly Betty versucht ein verständnisvoller Chef, für seinen schwulen Angestellten ein Date zu finden. Er zeigt auf einen Mann an der Bar, den eine Aura von Eleganz umgibt. »Aber nein, das ist doch bloß ein Europäer«, sagt der Schwule – und ergänzt: »Anfängerfehler.« Manche US-Bürger halten Europäer gleich grosso modo für homosexuell. Europäische Anzüge sind oft enger geschnitten, sie sehen modischer aus – ergo können ihre Träger kaum etwas mit Amerikas Heterosexuellen gemeinsam haben. Die tragen – wie in den achtziger Jahren – breitschultrige Jacketts und Bundfaltenhosen, und ihre Stimme wummert tief wie die von Larry King in seinen besten Zeiten. Stilistische Experimente oder auch nur der Anschein von Nachdenklichkeit scheinen echten amerikanischen Männern fernzuliegen.

Und wahrscheinlich ist es das, worauf die Frage »Philipp Lahm schwul« eigentlich abzielt: Wo verlaufen die Grenzen der Hetero-Norm? Wie anders darf der Einzelne in Bezug auf die Allgemeinheit sein? Die Kulturwissenschaft prägte dafür den Begriff »Othering«: Indem man eine andere Kultur als völlig fremd darstellt, vergewissert man sich seiner eigenen Identität. Wenn zum Beispiel die Literatur des 19. Jahrhunderts ein Orientbild mit hinterlistigen Wüstenkriegern und geheimnisvoll verschleierten Frauen konstruierte, sagte das vor allem aus: Wir im Abendland sind nicht so. Michael Warner, einer der Vordenker der amerikanischen Queer Theory , glaubt, dass diese Art der Beschäftigung mit dem anderen eine rein regressive Funktion erfüllt: Sie bestätige das konservative Bild einer Gesellschaft, in der als schwul (oder lesbisch) immer das bezeichnet werde, was den Mainstream verunsichere. Dass die Frage hierzulande zuletzt vor allem anhand der Nationalmannschaft verhandelt wurde, passt auch dazu: Schließlich sind Fußballer dem durchschnittlichen Deutschen von allen öffentlichen Vorbildern noch immer am nächsten.

Was also erzählt uns die Obsession mit »schwulen« Prominenten über den Mann im Wandel der Zeiten? Halten wir fest: Der deutsche Mann darf mit über 30 Jahren noch unverheiratet sein und vielleicht sogar die Haare jungenhaft lang tragen. Aber wenn er zu sehr auf seine Figur achtet, diese in eng geschnittenen Hemden zur Geltung bringt und trotz all dieser Vorzüge seine langjährige Ehefrau nicht mit brasilianischen Strandschönheiten betrügt, dann ist das doch irgendwie...also, normal ist das nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. Alle Menschen haben gleich viele Muskeln.
    Alles andere wäre verächtig (sic!).

  2. Alle die jetzt nach "Philipp Lahm schwul" suchen werden künftig auf Zeit.de landen.
    Andererseits: Gleich im ersten Absatz erwähnen Sie dass bei Steffen Seibert noch vor "Steffen Seibert schwul" "Steffen Seibert Uni Regensburg" vorgeschlagen wird.
    Seltsamerweise haben diese beiden, also Seibert und Regensburg offenbar überhaupt nichts miteinander zu tun.

    Seltsam also die vorgeschlagene Suchkombination. Ich denke, dass google suggest manchmal auch unsinnige, blödsinnige Vorschläge liefert, die so nur vereinzelt vorher getätigt wurden und die man nicht überbewerten sollte.

    • tisass
    • 31.07.2010 um 16:53 Uhr

    als ob zwischen schwul und hetero eine befestigte Mauer mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Minenfeldern gezogen wäre.

    Aber wenn das so derart von Interesse ist, wird das Vielleicht bald im Personalausweis aufgenommen.

    Nationalität: deutsch
    Augenfarbe: braun
    Sexualität: hetero, mutmaßlich

    Doktorspielchen und Experimente aus dem Ferienlager kommen dann ins polizeiliche Führungszeugnis.

    Wenn man dem Artikel folgt sind dann sowieso alle schwul, jedenfalls kann man sich dem Verdacht nicht entziehen, ob man nun zu modisch, zu gepflegt, zu sportlich, zu unverheiratet, zu betont machohaft, zu feministisch oder sonstwas ist.

    In zwanzig Jahren sind solche Artikel wahrscheinlich wie folgt überschrieben:"Der ist doch bestimmt hetero".

    Ich freue mich darauf.

    • spacko
    • 31.07.2010 um 16:53 Uhr

    neigen homosexuelle dazu, gern mal nach promis zu googeln, von denen sie meinen, dass die auch homo sind (obwohl ich nicht glaube, dass jemand mit etwas meschenkenntnis lahm oder merte für schwul halten könnte).
    von den jungs auf dem foto bewegt sich nur einer schwul, nämlich nummer 11. spekulatius.

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    • Buh
    • 01.08.2010 um 7:05 Uhr

    1. googeln sicher nicht nur Homosexuelle danach. Oder haben sie bewise dafür?
    2. braucht es keine "Menschenkenntnis" um zu erahnen ob jemand Homosexuell ist. Homosexelle haben keinen geheimen Verhaltenskodex, den man erahnen kann. Das ist doch keine Sekte oder so. Das muss man einem nicht unbedingt ansehen. Sicher, es kommt häufiger als bei Heteros vor, dass sie gängige Geschlechterklischees überwunden haben, und dann siehtm an das auch. (Wenn sich eiN Mann "tuntig" verhält, oder eine Frau "Butch" ist)
    Aber zu denken, es gebe eine Homosexuelle art sich zu verhalten finde ich irgendwie abartig.

    PS: Schon mal überlegt, dass wenn man auf Männers teht auch Bisexuel sein kann? wie verhalten sich diese Leute ihrer Meinung anch, und nach was googeln die?

    • Buh
    • 01.08.2010 um 7:05 Uhr

    1. googeln sicher nicht nur Homosexuelle danach. Oder haben sie bewise dafür?
    2. braucht es keine "Menschenkenntnis" um zu erahnen ob jemand Homosexuell ist. Homosexelle haben keinen geheimen Verhaltenskodex, den man erahnen kann. Das ist doch keine Sekte oder so. Das muss man einem nicht unbedingt ansehen. Sicher, es kommt häufiger als bei Heteros vor, dass sie gängige Geschlechterklischees überwunden haben, und dann siehtm an das auch. (Wenn sich eiN Mann "tuntig" verhält, oder eine Frau "Butch" ist)
    Aber zu denken, es gebe eine Homosexuelle art sich zu verhalten finde ich irgendwie abartig.

    PS: Schon mal überlegt, dass wenn man auf Männers teht auch Bisexuel sein kann? wie verhalten sich diese Leute ihrer Meinung anch, und nach was googeln die?

    • wewe
    • 31.07.2010 um 17:15 Uhr

    Endlich hat sich ein Autor dieser ominösen Angelegenheit angenommen. Ständig wird über Prominente, die mit gewissen Vorlieben behaftet sind, gemutmaßt, dass sie schwul sein könnten, und das wäre dann ja fast schon eine beleidigende Mutmaßung, so wohl das Credo des Autors. Eigentlich wäre alles ganz einfach, wenn der Gesellschaft die sexuelle Orientierung eines Menschen egal wäre. Ist sie aber nicht. Noch immer werden Schwule zusammengeschlagen, erst vor ein paar Tagen wurden zwei auf einem Cruiser-Parkplatz erschossen. Und so fragt sich, warum der Autor diesen Punkt nicht näher beleuchtet, als darüber eine Jammerorgie zu starten, dass doch eigentlich ganz und gar richtige Männer einfach auf die schwule Verhandungsliste gesetzt werden. Dabei müssen die Schwulen keine Verhandlungsliste aufstellen, auch nicht über Goggle suchen, da jeder Schwule wohl irgend in seinem Leben im schwulen Leben abtauchen wird. Schwule Prominente demanch naturgemäß in der Szene bekannt sind, diese aber dicht hält. Also sind dann wohl die Heten die Neugierigen? Die Journalisten? Vielleicht sogar ein paar Hinterwäldler, denen es gar nicht angenehm ist, dass es auch noch andere sexuelle Orientieringen, als die eigene gut heterosexuelle mit der allgegenwärtigen Missionarsstellung zur vorrangigen Zeugung von Kindern für das Rentenportfolio gibt. Egal ..., nein, nicht egal.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Zum Zusammenhang zwischen Schwulsein und dem Äusseren ein erweiternder Link:
    http://de.wikipedia.org/w...

    • Folko
    • 31.07.2010 um 18:37 Uhr

    Das ist das übliche Problem. Nachdem sich einge Politierk geoutet haben gab es kurz große (Medien-)Aufregung und nun wird weniger spekuliert.
    Ähnlich wäre es bei Fußballern. Da die Medien immer wieder schreiben wir wissen wer schwul ist und kennen einige schwule Fußballprofis kochen sie doch aus Auflageninteresse die Stories immer wieder hoch.
    Sollen sich ein paar outen, kurze Aufregung und gut ist. Auch Fußballfans sind im Großteil weltoffen.

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