Further Drachenstich Ritter Udos neuer Kunde
Seit Jahrhunderten feiert die Oberpfalz den Drachenstich. Jetzt tritt erstmals ein Hightech-Ungeheuer an. Ein Gespräch über Feuernasen und den perfekten Lanzentreffer.
© Drachenstich - Festspiele e.V.

Mit zwei Gasflammen im Mund kann der Hightech-Drache bis zu fünf Meter Feuer speien
DIE ZEIT: Herr Bauer, seit über 500 Jahren wird in Ihrer Heimatstadt Furth im Wald der »Drachenstich« aufgeführt – das wohl älteste deutsche Volksschauspiel. In diesem Jahr bekommt die Hauptfigur, der Ritter Udo, einen neuen Drachen als Widersacher. War der alte nicht mehr gut genug?
Sandro Bauer: Der alte Drache, Baujahr 1974, bestand aus einem Gabelstapler, den man mit Styropor und Bauschaum als Drachen verkleidet hat. Er hatte keine Füße, sondern Räder, und der Bauch lag immer platt auf dem Boden. Der neue kann gehen, sich ducken und seinen Schwanz aufstellen. Er ist funkgesteuert und einer der größten Roboter der Welt. Sehr eindrucksvoll.
ZEIT: Was macht ihn so besonders?
Bauer: Er wirkt lebendig. Zum Beispiel kann er die Augenbrauen bewegen. Formen Sie ein A, sieht er gutmütig aus. Bilden Sie ein V, wirkt er bedrohlich. Die Pupillen können Schlitze sein oder freundlich-rund. Der Drache kann die Zähne fletschen oder die Mundwinkel nach oben ziehen, bis er fast lächelt. Im Stück ist er ja anfangs ein lieber Drache und wird erst dann zur Bestie. Gestaltet hat ihn der Münchner Filmregisseur Sikander Goldau.
ZEIT: Speit der Drache auch Feuer?
Der 41-Jährige Elektroingenieur hatte 2001 die Idee, einen Roboter-Drachen zu bauen. Als "Projektleiter Drachen" machte er sich mit einem 15köpfigen Team der Zollner Elektronik AG an die Arbeit. Sandro Bauer nimmt seit seiner Jugend an den Drachenfestspielen in seiner Heimatstadt Furth im Wald teil.
Bauer: Na klar! Er hat zwei Gasflammen in der Nase. Schaltet man die ein, zischt Feuer aus seinen Nüstern. Und er hat eine Flamme im Rachen, mit der er fünf Meter weit Feuer ausstoßen kann. Außerdem kann er die Flügel ausbreiten – die haben 12 Meter Spannweite! – und wie ein Adler seine Beute umschließen. Insgesamt ist er 16 Meter lang.
ZEIT: Das klingt, als gefiele Ihnen der neue Drache besser als der alte.
Bauer: Natürlich fasziniert mich der neue, ich bin ja »Projektleiter Drachen« in der Firma, die ihn entwickelt hat. Aber der alte Drache ist mir ans Herz gewachsen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag im Jahr 1974, als er in einem Festzug nach Furth kam. Ich war fünf und stand an der Straße und hab den Drachen bestaunt. Seither hab ich ihn jedes Jahr bei den Spielen gesehen.
ZEIT: Warum interessieren Sie sich so für den Drachenstich?
Bauer: Als Further kriegt man das in die Wiege gelegt. Hier sind die Spiele die fünfte Jahreszeit. Schon mein Opa und mein Vater haben da mitgemacht, und ich hab bereits mit 15 einen reitenden Boten gespielt. In fast jeder Familie war mal irgendwer wenigstens als Statist dabei. Hier sagt man: Furth lebt, solange der Drache stirbt.
ZEIT: Wie kam es denn seinerzeit zu dem Fest?
Bauer: Ursprünglich war das ein Teil der Fronleichnamsprozession. Bei der wurden auch Heiligenstatuen durch die Straßen getragen, unter anderem St. Georg, der Drachentöter. Irgendwann im 16. Jahrhundert hatten Further die Idee, Georg einen Drachen zu basteln, den er am Ende der Prozession erstochen hat. Aber die Kirche war sauer, weil das Drachenstechen die Leute viel mehr interessierte als die eigentliche Prozession. Da hat man daraus ein eigenes Fest gemacht. Und aus dem heiligen Georg einen Ritter. Soweit wir wissen, wurde seither der Drachenstich jedes Jahr als Theaterstück in unserer Stadt gefeiert.
© Armin Weigel/dpa

Der neue Roboter-Drache wird in Furth im Wald von Zuschauern bestaunt
ZEIT: Wer wählt die Darsteller aus?
Bauer: Die Festspielleitung. Am wichtigsten sind ja der Ritter, der den Drachen tötet, und die Ritterin, die die größte Rolle hat. Das Ritterpaar wird bei einem Ball verkündet. Vorher gibt’s hier im Ort jede Menge Getuschel. »Die X hat ein neues Dirndl gekauft, die könnte es werden.« Auf jeden Fall müssen es zwei Ledige sein. Oft sind sie danach ein Paar, weil sie so viel Zeit zusammen verbracht haben. Ich selbst war 1990 Ritter, und meine Ritterin ist bis heute eine gute Freundin.
© Tourismusverein Furth

Wenn es nicht gegen Drachen kämpft, ist Furth im Wald ein ruhiger Ort in der Oberpfalz
ZEIT: Wie war es, Ritter zu sein?
Bauer: Großartig! Ständig wird man auf der Straße angesprochen, in den Schaufenstern hängen ja überall Fotos des Ritterpaars. Und ich hab dem bayerischen Ministerpräsidenten die Hand geschüttelt, er ist Schirmherr der Spiele.

Hier werden dem Vorgänger des Robo-Drachens die Zähne geputzt. Er wurde trotz regelmäßiger Teilnahme am Drachenstich 30 Jahre alt
ZEIT: Und welches ist der aufregendste Augenblick im Theaterstück?
Bauer: Wenn man auf dem Pferd sitzt, und der Drache schaut einen an mit weit aufgerissenem Maul. Und man muss losgaloppieren und ihm die Lanze ins Maul stechen. Ich war total aufgeregt. Man hat ja nur einen Versuch, und wenn die Lanze nicht stecken bleibt, ist das total peinlich. Ich hatte Glück. »Perfekter Lanzentreffer« stand am nächsten Tag in der Zeitung.
ZEIT: Seit einigen Jahren spielen Sie den Bösewicht.
Bauer: Das ist meine liebste Rolle. Der Bösewicht will die Ritterin heiraten, die aber in Udo verliebt ist, und am Schluss wird er aus der Stadt gejagt. Der Bösewicht spinnt Intrigen und ist feige, aber eben auch sehr menschlich.
ZEIT: Wie lange probt man da?
Bauer: Sobald im Juli die Festspielarena aufgebaut ist, stehen wir auf der Bühne, wir proben auf einem großen Platz mitten in der Stadt, da laufen ständig Touristen vorbei und schauen zu. Viele haben von dem neuen Drachen gehört und wollen ihn sehen. Er ist aber erst ab den Hauptproben dabei.
© Drachenstich - Festspiele e.V.

Zähne fletschen, Flügel spreizen: Der Roboter-Drache ist der jüngste Star in Furth im Wald
ZEIT: Und der alte Drache kommt jetzt auf den Müll?
Bauer: Nein, er wird in unser Drachenmuseum gestellt. Da kommt außerhalb der Festspielzeit auch der neue Drache hin. Die beiden sind so was wie die Wahrzeichen unserer Stadt.
Das Interview führte Cosima Schmitt
Die Festspiele finden vom 31. Juli bis zum 15. August statt. Infos unter www.drachenstich.de
- Datum 29.07.2010 - 14:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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Gratulation, Drachenteam beim Zollner und Hrn. Bauer. So einen Roboter hat es wohl noch nicht gegeben und ich hab euch das auch nicht zugetraut, so ein Ungetüm zu bauen...
Man sieht sich auf der Freinacht!
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