Second-Life -Phänomen die Leinwand übernommen. Auch in den Science-Fictions dieses Sommers. In Jaco von Dormaels Mr Nobody lebt ein und derselbe Held zwei verschiedene, durch Zufall getrennt verlaufende Existenzen: zwei Frisuren, zwei Karrieren, zwei Familien. In Moon von Duncan Jones begegnet ein Astronaut auf dem Mond einer Vielzahl von Klonen seiner selbst, fein säuberlich nach Verfallsdaten gestaffelt. Und nun hat Hollywoods neues Wunderkind Christopher Nolan, der zuletzt Batman in eine düstere Gegenwart katapultierte, seine ganz eigene Identitätsexplosion auf die Leinwand gebracht. Tatsächlich wirkt Inception so, als hätte man den Regisseur und Drehbuchautor Nolan zwei Jahre lang mit einem Ballerspiel, Freuds Traumdeutung und ein paar LSD-Trips in eine Gummizelle gesperrt.

Was geschieht mit den Filmhelden unserer Zeit? Was ist los mit einem Kino, das seine Figuren permanent verdoppelt, spaltet, in verschiedene Identitäten, Existenzen aufteilt? Längst ist der Avatar als mental gesteuerter Doppelgänger zur festen Größe der Zukunfts- und Fantasyerzählungen geworden, hat das

Leonardo DiCaprio spielt den Dieb Dom Cobb, der sich Zugang zu den Träumen anderer Menschen verschafft und deren Geheimnisse klaut. Plötzlich erhält er den umgekehrten Auftrag: einen Gedanken in den Kopf eines Konzernerben zu pflanzen. Dafür begibt er sich mit seinem Team in einen eigens für das Opfer entworfenen Traum – und begegnet den Dämonen seines eigenen Unbewussten. Inception ist einerseits ein kleiner Volkshochschulkurs über das Verhältnis von Bewusstsein, Unbewusstem und Verdrängung. Und andererseits ein Action-Spektakel, dessen Schießereien nicht interessanter werden, nur weil sie auf verschiedenen Traumebenen stattfinden. Zudem geistert durch die Seelentiefen der Handlung auch noch Cobbs traumatisierte Frau (Marion Cotillard), die ihren Mann in schwere Schuldgefühle stürzt. Am Ende werden DiCaprios Grübelfältchen immer tiefer und die Beziehungsdiskussionen immer länger. »Schluck doch einfach mal Lithium!«, möchte man Leonardo zurufen, »schreib Tagebuch oder mach eine Therapie!« Mit Inception ist das Kino der gespaltenen Existenzen auf dem Höhe- und Tiefpunkt angekommen.

Man sehnt sich zurück nach anderen Helden. Nach Männern wie Robert Mitchum oder Steve McQueen, die sich stets einen lässigen Umgang mit jedem Sprung in der Schüssel bewahrten. Nach den angeschlagenen Helden des New-Hollywood-Kinos der siebziger Jahre, deren Krisen immer auch die Krise Amerikas spiegelten. In den neuen Geschichten ist die Krise nicht mehr Symptom oder Zeitbild, sondern sie bleibt reiner Selbstzweck. Im Grunde erinnern diese Filme, die permanent das Innerste nach außen kehren, an besoffene Partybesucher, die die anderen Gäste vor dem längst abgeräumten Buffet mit ihren Psycho- und Eheproblemen behelligen. Letztlich ist Inception eine 160 Millionen Dollar teure therapeutische Sitzung.