Bret Easton Ellis »Ich bin American Psycho«Seite 4/4
ZEIT: Würde das nicht alle Eitelkeiten beseitigen?
Ellis: Vielleicht, die gründen auf Unsicherheiten. Aber hätte ich eine Wahl, ich wäre lieber langweilig und frei von Angst. Ich glaube nicht, dass Ängste Menschen unbedingt interessanter machen. Außerdem gibt es Menschen, die weder ängstlich sind noch langweilig.
ZEIT: Ängstigen sich Menschen vor Ihnen, weil sie Sie mit Patrick Bateman oder Clay verwechseln?
Ellis: Ja, absolut. Sie haben auch Angst vor Bret Easton Ellis. Sie werden nervös und verhalten sich merkwürdig. Ich verstehe das, es geschieht einfach. Ein Teil von mir möchte ihnen das Gegenteil beweisen, ein anderer ist erleichtert darüber. Es ist gut, Distanz zu halten, all diese Menschen sind Fremde.
ZEIT: Als Ihr Verlag American Psycho wegen der Gewaltpassagen nicht veröffentlichen wollte, hätte Ihre Karriere vorbei sein können. Wie denken Sie heute über Patrick Bateman?
Ellis: Ich denke, inzwischen ist genug Zeit verstrichen, und das Buch ist so akzeptiert, dass ich offener darüber sprechen kann, wo die Ursprünge dieses Romans liegen.
ZEIT: Was heißt das?
Ellis: Ich habe jahrelang diese bedeutenden Statements abgegeben, die leicht zu glauben waren: Bret schrieb das Buch, weil er über die Wall Street und Yuppies nachdachte. Die Wahrheit aber ist, ich habe über mich selbst nachgedacht. American Psycho ist ein sehr persönlicher, sehr autobiografischer Roman, und ich finde, dass ich Patrick Bateman sehr gut getroffen habe. Mit vielen seiner Ansichten und seiner Empfindungen stimmte und stimme ich überein.
ZEIT: Sie identifizieren sich mit Patrick Bateman?
Ellis: Ja, und es fühlt sich gut an, das jetzt zuzugeben.
ZEIT: Lesen Sie Ihre Kritiken? Konnten Sie schon etwas Interessantes über Ihr neues Buch lesen?
Ellis: Von den etablierten Kritikern lernt man nie etwas. Manchmal stehen im Internet, in Blogs, interessante Verbindungen, die Lesern aufgefallen sind und über die ich noch nicht nachgedacht habe.
ZEIT: Als Unter Null erschien, wurde es mit dem Fänger im Roggen verglichen. Heute wird jedes Buch, das Drogen, Sex und Musik erwähnt und in erster Person geschrieben ist, mit Ihnen und Salinger verglichen. Wie fühlt sich das an?
Ellis: Ich liebe es. Ich bekomme jedes Mal einen Orgasmus, wenn ich lese, dass ich jemanden dazu gebracht haben soll, sein Buch zu schreiben.
ZEIT: Welche Bedeutung haben erste und letzte Sätze für Sie?
Ellis: Beide sind wichtig, und ich habe sie gern, bevor ich anfange zu schreiben. Es hilft mir, mich auf den Roman zu konzentrieren und ihn zu verstehen, sie sind ein Bezugspunkt.
ZEIT: Ihr letzter Satz in Königliche Schlafgemächer klingt fast wie ein allerletzter Satz.
Ellis: Ja, das tut er, das ist wahr.
ZEIT: Es ist ein furchterregender Satz
Ellis: Es ist entweder das Ende von etwas oder ein Anfang.
Das Gespräch führte Henning Kober
- Datum 30.07.2010 - 11:28 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren