Ferdinand von Schirach Täter wie wir
Wie schuldig ist Ferdinand von Schirach? Eine Begegnung – und eine Untersuchung seines neuen Buches.
© privat

Der Anwalt Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach hat sich als Anwalt auf Todesdelikte spezialisiert. Die interessierten ihn. Die ganz gewöhnlichen Morde hätten es ihm angetan, nicht die von Psychopathen, Serienkillern, sexuell Verwirrten verübten. Letztere seien nicht nur selten, sagt Ferdinand von Schirach, sie seien derart kurios, dass sie einen nicht angriffen. Erst wenn der Mord einer sei, den prinzipiell jeder verüben könne, ihn eingeschlossen, sei er an dem Fall interessiert.
Ferdinand von Schirach sitzt im Manzini, einem bekannten Restaurant im wohlhabend-melancholischen Teil des Berliner Westens, unweit des Kurfürstendamms, unweit seiner Kanzlei. Die Hitzewelle ist abgeklungen, und es weht ein recht frischer, beinahe herbstlicher Wind, aber Ferdinand von Schirach sitzt an diesem späten Nachmittag draußen, denn drinnen darf man ja nicht mehr rauchen, und er raucht sehr gern, wenn er erzählt. Als Anwalt in eigener Sache, geht es doch in diesem Gespräch um Schuld, sein neues Buch, das in der kommenden Woche erscheint und das noch besser sei als sein vorheriges.
Schuld folgt Verbrechen . Verbrechen hatte er vor einem Jahr im Alter von 45 Jahren veröffentlicht. Zuvor war Ferdinand von Schirach bereits einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, da er Prominente vertreten hatte, den BND-Spion Norbert Juretzko, Günter Schabowski im Politbüroprozess, die Familie des Schauspielers Klaus Kinski. Und auch wegen seines belasteten Nachnamens. Ferdinand von Schirach ist ein Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach.
Verbrechen vereint, wie auch sein neues Buch, Geschichten, mit denen Ferdinand von Schirach im Laufe seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt zu tun hatte. Es beruht auf wahren Fällen, die er verfremdete, literarisch verdichtete. Sein Debüt fand mehr als 150.000 Leser. Man las überaus Nachvollziehbares, schicksalhafte Verkettungen, die immer ins Unglück führen. Wie jene: Jahrzehntelang wird ein Mann von seiner Frau gereizt. Er rieche schlecht, er sei unordentlich, er sei ein Idiot und so weiter. Der gewöhnliche Terror des Alltags, nichts Besonderes. Der Mann, ein Arzt von gemütlicher Wesensart, ist mittlerweile 72, als er von seiner Frau den Vorwurf hört, schon wieder das Fenster im Gästezimmer nicht verschlossen zu haben. Der Mann, ein Hobbygärtner, spaltet ihr daraufhin mit einer Axt die Schädeldecke. Es war ein Vorwurf zu viel gewesen. Es kann so schnell gehen.
Das ist der typische Plot, der dem Leser auch in Schuld häufig begegnet: Alles ist gut, man hat sich eingerichtet, das Haus wird abbezahlt, Steuern werden entrichtet, Kinder gezeugt. Wäre da nicht diese eine Marotte des Gatten oder die Herzenskälte, die man in den ersten Jahren noch zu ignorieren wusste und die schließlich einen Gewaltausbruch provoziert. Oder aber ein ganz zufälliges Ereignis verändert alles: »Sie hatten sich verabredet. Zwei Jahre später hatten sie geheiratet, acht Jahre war das her. Die Dinge hätten gut gehen können. Aber dann war die Sache in der Hotelsauna passiert.«
Karger, lakonischer, schmuckfreier lässt sich kaum erzählen. Er sei eben kein Freund der Metapher, sagt Ferdinand von Schirach, er suche nach keinem Synonym für »atmen«, wenn einer seiner Protagonisten atme. Wenn einer atme, schreibe er eben, dass dieser atme. Auf den Plot komme es an, wie in amerikanischen Storys. Wenn der Plot stimme, werde die Geschichte gut. Keine Geschichte werde gut dadurch, dass man sie rhetorisch überlade. Er verspüre eine gewisse Distanz zur deutschen Gegenwartsliteratur.
Schirachs Figuren kennen keine Introspektion, der Erzähler räsoniert nicht über ihre Psyche. Man hat das Gefühl, sie haben gar keine Wahl. Sie morden nicht aus Passion, sie morden, weil es folgerichtig ist zu morden. Sie vergewaltigen, weil es folgerichtig ist zu vergewaltigen. Sie schlagen zu, weil es eben an der Zeit ist zuzuschlagen. »Er konnte nicht anders«, heißt es, kurz bevor Paulsberg, ein Geschäftsmann, dem Liebhaber seiner Frau mit einem schweren Aschenbecher den Kopf einschlägt. »Es gab nur diesen Mann und nur dieses Leben«, sagt sich eine Frau, die jahrelang von ihrem Mann verprügelt wird. Immer wieder, immer heftiger, anlasslos prügelt er auf sie ein. Eben weil der Mann so ist, wie er eben ist. Er ist Sadist. Er genießt es, zu quälen. Einmal nur schlägt die Frau zurück. So brutal, wie es der Mann niemals vermocht hatte.
»Die Dinge sind, wie sie sind«, ein Aristoteles-Satz ist dem Band vorangestellt. Es könnte genauso gut das Kleistsche Diktum vorangestellt sein, dass die Welt eine »gebrechliche Einrichtung« sei, dass die Menschen immer rechtschaffen und entsetzlich zugleich seien. In einer Geschichte lässt Ferdinand von Schirach ein Paar am Wannsee sich umbringen. Dort also, wo sich auch Heinrich von Kleist und Henriette Vogel umbrachten. Die Schuld von Schirachs Protagonisten ist umfassend. Sie sind schuldig, weil sie leben. Die Juristerei mag definieren, dass Schuld die Vorwerfbarkeit eines vorsätzlichen oder fahrlässigen Verhaltens bedeutet. Sie mag von der Willensfreiheit ausgehen. In den Geschichten Ferdinand von Schirachs ist diese als romantische Spinnerei weggeräumt. In Verbrechen glaubte man noch diverse Handlungsoptionen seiner Protagonisten zu erblicken. In Schuld nicht mehr. Schuld ist radikaler, die Geschichten sind schlanker, sie sind überwältigend kalte Versuchsanordnungen.
Man muss sich Ferdinand von Schirach als ausgesprochen heiteren Menschen vorstellen. Er hat eine ungeheure Freude an seinen Geschichten, den unwahrscheinlichen Wendungen, Freude an der fatalistischen Tragik, die vielleicht jedem Leben eingeschrieben ist. Aber es schwingt kein Zynismus mit, wenn er über seine Mandanten oder seine Protagonisten spricht und lacht. Eher Mitgefühl mit dem Allzumenschlichen, dem sie erliegen. Man scheitere, sagt von Schirach, an der Türschwelle, nicht an einer Revolution. Die beiläufige Geste der Geliebten vermag dem Leben eine neue Wendung zu geben, der hässliche Satz eines Kollegen, eine kleine Demütigung, reiche schon aus für das ganz große Unglück.
Die erste Geschichte in Schuld handelt von Schirach selbst. Ein junger Anwalt, sein Alter Ego, der Icherzähler all dieser Geschichten, verteidigt eine Blaskapelle. Die Männer, »ganz normale Männer«, hatten im Trubel eines Kleinstadtfestes eine Bedienung brutalst vergewaltigt. Der Körper der Frau ist nach der Tat eine einzige Wunde. Sie urinieren noch auf ihn. Ganz normale Männer, ganz rechtschaffene. Es sei zu heiß gewesen an jenem Tag, sagt einer der Mandanten seinem jungen Verteidiger.
Der Anwalt ist parteiisch, er hat parteiisch zu sein. Er findet eine Strategie, die zum Freispruch führt. Schirach sagt, er würde die Männer heute genauso verteidigen wie damals. Das sei sein Beruf. Es gehe eben nicht darum, ob er einen Mandanten sympathisch finde, es gehe nicht einmal darum, ob dieser die Wahrheit sage. Gerade weil alle im Rechtssystem ihren vorgezeichneten Rollen, ihren festgelegten Aufgaben folgten, wie er als Strafverteidiger, sei es in letzter Konsequenz gerecht und menschenfreundlich.
Der Anwalt hat alles richtig gemacht, er konnte nicht anders handeln. Und gerade weil er mit seinen Anwaltskollegen in diesem Fall alles richtig gemacht hat, hat er sich schuldig gemacht: »Wir wussten, dass wir unsere Unschuld verloren hatten und dass das keine Rolle spielte. Wir schwiegen auch noch im Zug in unseren neuen Anzügen neben den kaum benutzten Aktentaschen, und während wir nach Hause fuhren, dachten wir an das Mädchen und die ordentlichen Männer und sahen uns nicht an. Wir waren erwachsen geworden, und als wir ausstiegen, wussten wir, dass die Dinge nie wieder einfach sein würden.«
Man muss kein Verbrechen begangen haben, um schuldig zu sein. Man kann ein Verbrechen begehen und dabei schuldlos handeln. Der Rechtsbegriff von Schuld deckt sich nicht mit unserem moralischen Empfinden. Diese Paradoxie grundiert beinahe jede dieser Geschichten, die übrigens, womöglich auch deshalb, ziemlich komisch sind, nah am Sarkasmus, bisweilen am Slapstickhumor entfalten sie ihre Wucht. In Schirachs Erzählungen liegt mitunter eine Leiche unbeholfen herum und muss irgendwie weggeschafft werden, man sägt und zerteilt, nicht einfach.
Dann diese untüchtigen Kleinganoven. Ein Koffer voller Geldscheine liegt ganz klassisch in einem Berliner Bahnhofsschließfach, irgendein Drogengeschäft. Doch dann frisst der Hund des einen Gangsters den Schlüssel, man schüttelt ihn, er fällt nicht aus dem Maul. Man verabreicht dem Tier Abführmittel, das Auto versaut. Der Hund muss schließlich aufgeschlitzt werden. Ganz und gar unwahrscheinlich. Aber ausgerechnet die abwegigsten Szenen des Buches, sagt Ferdinand von Schirach, seien tatsächlich so passiert. Derlei könne man nicht erfinden. Gerade dort, wo man als Leser denke, da sei dem Autor die Fantasie durchgegangen, habe er sich an die Fakten gehalten.
Ob er sich verändert habe über all die Jahre als Strafverteidiger, möchte man gegen Ende des Gesprächs wissen. Ob sich sein Blick auf den Menschen gewandelt habe. Ja, sagt von Schirach. Man urteile nicht mehr über den Menschen, man betrachte ihn. Das sei der entscheidende Perspektivwechsel, den er vollzogen habe. Es klingt freundlich und versöhnlich. Und man glaubt es unbedingt: Ferdinand von Schirach mag die Menschen. Es sind Täter.
- Datum 02.08.2010 - 10:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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"Man urteile nicht mehr über den Menschen, man betrachte ihn. Das sei der entscheidende Perspektivwechsel, den er vollzogen habe." Eine weise Frau aus Bayern sagte mir einmal in einem Gespräch über Lebenseinstellungen: "Gell, dös bläde Werten!" Ja, das blöde Werten. Mein indischer Meister beschreibt einen Bewusstseinszustand, den er "Kosmisches Bewusstsein" nennt und in dem man die Dinge betrachtet, ohne sie zu bewerten: "Die Dinge sind, wie sie sind" - vielleicht kannte Aristoteles diesen Bewusstseinszustand. Dem jüdischen Mystiker Friedrich Weinreb gelingt es sogar, die Geschichte des letzten Jahrhunderts aus dieser Perspektive zu sehen. Als chassidischer Weiser geht er davon aus, dass nichts ohne den Willen Gottes geschehen könne. Mein indischer Meister, der Guru der Beatles, ging aber noch weiter. Es gebe auch noch die Möglichkeit des "Einheitsbewusstseins" und damit die Möglichkeit, Spannungen in der Gesellschaft aufzulösen. (Er sagte schon Ende der 70er Jahre den Fall der Berliner Mauer voraus.) Spannungen müssen sich nicht aufbauen und in Mord und Totschlag entladen, wenn Entspannung populär wird - Entspannung allerdings nicht als Konzept, als "mood-making", sondern als Realitität eines neuen Zeitalters, in dem schon die Kinder in der Schule nicht nur Lesen und Schreiben lernen, sondern Meditation und Yoga.
Nicht mehr über Menschen und ihre Handlungen zu urteilen, sonder sie lediglich zu betrachten, wäre auch nur eine Art sich vom Leben zu verabschieden. Dies ist ist aber sowieso nicht durchführbar (man versuche es mal im Freundes- bzw. Familienkreis!) und bestenfalls als literarisches Programm aus der Distanz des nicht unmittelbar Betroffenen vorstellbar.
Mit etwas "Vorbildung" habe ich diesen Artikel von Adam Soboczynski gelesen. "Vorbildung", weil ich Ferdinand von Schirachs erstes Buch "Verbrechen" gelesen habe. Sozusagen, "in einem Rutsch", weil mich die Geschichten, ja, ich muss es gestehen, in ihren Bann zogen. Warum war das so? Weil Schirach im Grunde genommen ohne Stilmittel schreibt, ohne Schnitte und Collagen. Eine "Dorfstraße" ist nicht die "Startbahn in die schöne neue Welt". Sondern nur eine unscheinbare Dorfstraße. Scheinbar.
Natürlich kommt hinzu, dass all diese publizierten Fälle keiner Anwalts-Fantasie entsprungen sind, sondern so oder zumindest erkennbar ähnlich in diesem, unserem Lande passiert sind. Und jetzt gerade wieder passieren. Und morgen wieder. Nur, dass wir irgendwann merken, dass der freundliche, neue Nachbar seine Heckenrosen nicht mehr schneidet. Und seine Frau die Lokalzeitung schon lange nicht mehr auf der Terrasse liest. Wo sind sie geblieben?
Ja, solche Fragen stellen wir uns vielleicht. Aber wir denken dabei nicht an Chicago oder Dallas. Wir denken an die Wartenstraße und an Herrn Feldmayer.
Wer je Ferdinand von Schirach gesehen hat, wenn er Auskunft gibt, der muss eigentlich zu der Überzeugung kommen, dem Titel für sein erstes Buch wären die An- und Abführungsstriche abhanden gekommen. Als wolle von Schirach jeden Moment das "Verbrechen" relativieren. "Wir", so sagt es Schirach immer wieder, "wir können auch zu Tätern werden.
Ich freue mich schon jetzt auf das neue Buch "Schuld".
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