Ferdinand von Schirach Täter wie wirSeite 2/2

Man muss sich Ferdinand von Schirach als ausgesprochen heiteren Menschen vorstellen. Er hat eine ungeheure Freude an seinen Geschichten, den unwahrscheinlichen Wendungen, Freude an der fatalistischen Tragik, die vielleicht jedem Leben eingeschrieben ist. Aber es schwingt kein Zynismus mit, wenn er über seine Mandanten oder seine Protagonisten spricht und lacht. Eher Mitgefühl mit dem Allzumenschlichen, dem sie erliegen. Man scheitere, sagt von Schirach, an der Türschwelle, nicht an einer Revolution. Die beiläufige Geste der Geliebten vermag dem Leben eine neue Wendung zu geben, der hässliche Satz eines Kollegen, eine kleine Demütigung, reiche schon aus für das ganz große Unglück.

Die erste Geschichte in Schuld handelt von Schirach selbst. Ein junger Anwalt, sein Alter Ego, der Icherzähler all dieser Geschichten, verteidigt eine Blaskapelle. Die Männer, »ganz normale Männer«, hatten im Trubel eines Kleinstadtfestes eine Bedienung brutalst vergewaltigt. Der Körper der Frau ist nach der Tat eine einzige Wunde. Sie urinieren noch auf ihn. Ganz normale Männer, ganz rechtschaffene. Es sei zu heiß gewesen an jenem Tag, sagt einer der Mandanten seinem jungen Verteidiger.

Der Anwalt ist parteiisch, er hat parteiisch zu sein. Er findet eine Strategie, die zum Freispruch führt. Schirach sagt, er würde die Männer heute genauso verteidigen wie damals. Das sei sein Beruf. Es gehe eben nicht darum, ob er einen Mandanten sympathisch finde, es gehe nicht einmal darum, ob dieser die Wahrheit sage. Gerade weil alle im Rechtssystem ihren vorgezeichneten Rollen, ihren festgelegten Aufgaben folgten, wie er als Strafverteidiger, sei es in letzter Konsequenz gerecht und menschenfreundlich.

Der Anwalt hat alles richtig gemacht, er konnte nicht anders handeln. Und gerade weil er mit seinen Anwaltskollegen in diesem Fall alles richtig gemacht hat, hat er sich schuldig gemacht: »Wir wussten, dass wir unsere Unschuld verloren hatten und dass das keine Rolle spielte. Wir schwiegen auch noch im Zug in unseren neuen Anzügen neben den kaum benutzten Aktentaschen, und während wir nach Hause fuhren, dachten wir an das Mädchen und die ordentlichen Männer und sahen uns nicht an. Wir waren erwachsen geworden, und als wir ausstiegen, wussten wir, dass die Dinge nie wieder einfach sein würden.«

Man muss kein Verbrechen begangen haben, um schuldig zu sein. Man kann ein Verbrechen begehen und dabei schuldlos handeln. Der Rechtsbegriff von Schuld deckt sich nicht mit unserem moralischen Empfinden. Diese Paradoxie grundiert beinahe jede dieser Geschichten, die übrigens, womöglich auch deshalb, ziemlich komisch sind, nah am Sarkasmus, bisweilen am Slapstickhumor entfalten sie ihre Wucht. In Schirachs Erzählungen liegt mitunter eine Leiche unbeholfen herum und muss irgendwie weggeschafft werden, man sägt und zerteilt, nicht einfach.

Dann diese untüchtigen Kleinganoven. Ein Koffer voller Geldscheine liegt ganz klassisch in einem Berliner Bahnhofsschließfach, irgendein Drogengeschäft. Doch dann frisst der Hund des einen Gangsters den Schlüssel, man schüttelt ihn, er fällt nicht aus dem Maul. Man verabreicht dem Tier Abführmittel, das Auto versaut. Der Hund muss schließlich aufgeschlitzt werden. Ganz und gar unwahrscheinlich. Aber ausgerechnet die abwegigsten Szenen des Buches, sagt Ferdinand von Schirach, seien tatsächlich so passiert. Derlei könne man nicht erfinden. Gerade dort, wo man als Leser denke, da sei dem Autor die Fantasie durchgegangen, habe er sich an die Fakten gehalten.

Ob er sich verändert habe über all die Jahre als Strafverteidiger, möchte man gegen Ende des Gesprächs wissen. Ob sich sein Blick auf den Menschen gewandelt habe. Ja, sagt von Schirach. Man urteile nicht mehr über den Menschen, man betrachte ihn. Das sei der entscheidende Perspektivwechsel, den er vollzogen habe. Es klingt freundlich und versöhnlich. Und man glaubt es unbedingt: Ferdinand von Schirach mag die Menschen. Es sind Täter.

 
Leser-Kommentare
  1. "Man urteile nicht mehr über den Menschen, man betrachte ihn. Das sei der entscheidende Perspektivwechsel, den er vollzogen habe." Eine weise Frau aus Bayern sagte mir einmal in einem Gespräch über Lebenseinstellungen: "Gell, dös bläde Werten!" Ja, das blöde Werten. Mein indischer Meister beschreibt einen Bewusstseinszustand, den er "Kosmisches Bewusstsein" nennt und in dem man die Dinge betrachtet, ohne sie zu bewerten: "Die Dinge sind, wie sie sind" - vielleicht kannte Aristoteles diesen Bewusstseinszustand. Dem jüdischen Mystiker Friedrich Weinreb gelingt es sogar, die Geschichte des letzten Jahrhunderts aus dieser Perspektive zu sehen. Als chassidischer Weiser geht er davon aus, dass nichts ohne den Willen Gottes geschehen könne. Mein indischer Meister, der Guru der Beatles, ging aber noch weiter. Es gebe auch noch die Möglichkeit des "Einheitsbewusstseins" und damit die Möglichkeit, Spannungen in der Gesellschaft aufzulösen. (Er sagte schon Ende der 70er Jahre den Fall der Berliner Mauer voraus.) Spannungen müssen sich nicht aufbauen und in Mord und Totschlag entladen, wenn Entspannung populär wird - Entspannung allerdings nicht als Konzept, als "mood-making", sondern als Realitität eines neuen Zeitalters, in dem schon die Kinder in der Schule nicht nur Lesen und Schreiben lernen, sondern Meditation und Yoga.

    • allbay
    • 02.08.2010 um 18:45 Uhr

    Nicht mehr über Menschen und ihre Handlungen zu urteilen, sonder sie lediglich zu betrachten, wäre auch nur eine Art sich vom Leben zu verabschieden. Dies ist ist aber sowieso nicht durchführbar (man versuche es mal im Freundes- bzw. Familienkreis!) und bestenfalls als literarisches Programm aus der Distanz des nicht unmittelbar Betroffenen vorstellbar.

    • hagego
    • 06.08.2010 um 15:27 Uhr

    Mit etwas "Vorbildung" habe ich diesen Artikel von Adam Soboczynski gelesen. "Vorbildung", weil ich Ferdinand von Schirachs erstes Buch "Verbrechen" gelesen habe. Sozusagen, "in einem Rutsch", weil mich die Geschichten, ja, ich muss es gestehen, in ihren Bann zogen. Warum war das so? Weil Schirach im Grunde genommen ohne Stilmittel schreibt, ohne Schnitte und Collagen. Eine "Dorfstraße" ist nicht die "Startbahn in die schöne neue Welt". Sondern nur eine unscheinbare Dorfstraße. Scheinbar.

    Natürlich kommt hinzu, dass all diese publizierten Fälle keiner Anwalts-Fantasie entsprungen sind, sondern so oder zumindest erkennbar ähnlich in diesem, unserem Lande passiert sind. Und jetzt gerade wieder passieren. Und morgen wieder. Nur, dass wir irgendwann merken, dass der freundliche, neue Nachbar seine Heckenrosen nicht mehr schneidet. Und seine Frau die Lokalzeitung schon lange nicht mehr auf der Terrasse liest. Wo sind sie geblieben?

    Ja, solche Fragen stellen wir uns vielleicht. Aber wir denken dabei nicht an Chicago oder Dallas. Wir denken an die Wartenstraße und an Herrn Feldmayer.

    Wer je Ferdinand von Schirach gesehen hat, wenn er Auskunft gibt, der muss eigentlich zu der Überzeugung kommen, dem Titel für sein erstes Buch wären die An- und Abführungsstriche abhanden gekommen. Als wolle von Schirach jeden Moment das "Verbrechen" relativieren. "Wir", so sagt es Schirach immer wieder, "wir können auch zu Tätern werden.

    Ich freue mich schon jetzt auf das neue Buch "Schuld".

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service