Europas VorkriegsgeschichteGeheime Flugstunden in Russland
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Noch im April 1941 zeigt Stalin den Deutschen seine Rüstungsfabriken

Noch im April 1941 zeigt Stalin den Deutschen seine Rüstungsfabriken

Trotz aller Spannungen führten die meisten Angestellten der Fliegerschule ein recht angenehmes Leben; die Gehälter, anfangs sogar in Dollar ausbezahlt, waren ausgezeichnet. So hätte sich ein Fluglehrer wie Albert Blumensaat in Berlin nur einen recht bescheidenen Lebensstandard leisten können; in Lipezk bewohnte er mit Frau und Kind ein neues, stattliches Holzhaus samt Garten, mit Köchin und Kinderfrau. Man lud sich gegenseitig ein, feierte die Feste, wie sie kamen, unternahm Segeltouren, Kanupartien und Jagdausflüge – die Wolfsjagd war besonders beliebt – oder sonnte sich am Strand von Lipezk. In ihren Tweedanzügen, mit Knickerbockern und Schlägermützen waren die Deutschen leicht zu erkennen. Und wenn der Bayer Max Ibel in seinen Lederhosen die Dörfer der Umgebung erwanderte, ausgiebig fotografierte und mit den Bauern plauderte, wurden die Heimatforscher vom Geheimdienst OGPU unruhig und schrieben einmal mehr eine Notiz über die fidelen Deutschen von der »Awiaschkola«.

Im Herbst 1933 endete die Zusammenarbeit. Der Grund war keinesfalls ein Machtwort Hitlers, sondern eine bereits im Sommer 1932 unter ökonomischen Gesichtspunkten getroffene Entscheidung: Ausbildung und Erprobung ließen sich, nachdem die Versailler Bestimmungen gelockert worden waren, mit weniger Aufwand in Deutschland viel effektiver durchführen.

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Es gehört zu den erstaunlichen Erkenntnissen aus Lipezk und den anderen Unternehmungen der Kooperation, dass bereits damals das militärische Denken der späteren Gegner erkennbar ist. Trotz der umfangreichen Erprobungen legte die Reichswehr vor allem Wert auf taktische Ausbildung – im Gegensatz zu den Russen, deren Technikhunger unstillbar schien. Wenn man bedenkt, wie schwer sich ein talentierter Pilot wie Günther Lützow bei der Ausbildung in Lipezk tat, begreift man, wie hoch die Anforderungen waren. Taktik wurde intensiv trainiert – an der Landkarte, am Sandkasten, beim Fliegen. Die Kursanten sollten anhand von Schlachten des Ersten Weltkrieges taktische Aufgaben lösen. Dabei kam es immer auf Schnelligkeit an, nie auf akademische Darlegung: Innerhalb von Minuten mussten sie, die nicht einmal Offiziere waren, Entscheidungen treffen und begründen.

Dahinter stand eine Eigenart des deutschen Militärs: die Auftragstaktik. Keine Armee hatte sie so verinnerlicht wie die deutsche. Sie bedeutet, dass ein Offizier bei einem Einsatzbefehl selbst über die taktischen Mittel entscheidet. Ihm wird nur der Auftrag erteilt, das heißt das Ziel vorgegeben, alles andere ist seine Sache. Klingt einfach, ist wirkungsvoll, aber schwer zu erreichen. Es setzt viel voraus: gute Ausbildung, das Training selbständiger Entscheidungen, gegenseitiges Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen.

Für die Sowjets war die Auftragstaktik undenkbar. Immer wieder fiel den deutschen Offizieren auf, wie sehr die Rotarmisten an ihren Vorschriften klebten. Für jede Situation mussten Anordnungen her, die stur auswendig gelernt wurden. Die Rote Armee wollte den reinen Befehlsempfänger.

Etwa 120 Jagdpiloten und 100 Beobachter wurden in Lipezk ausgebildet. Beim Ausbau der Luftwaffe von 1933 an, der nach den Jahren in Lipezk aus dem Stand beginnen konnte, nahmen sie Schlüsselpositionen ein. Mehr als ein Dutzend von ihnen wurde im Spanischen Bürgerkrieg als Jagdflieger eingesetzt, wie Eberhard d’Elsa, Harro Harder, Günther Lützow, Douglas Pitcairn, Günther Radusch und Hannes Trautloft. Auch auf der Gegenseite traten in Spanien »Lipezker« auf, darunter Ptuchin und Pumpur. Nicht auszuschließen, dass sich einige im Luftkampf begegneten.

Später, während des Kriegs gegen die Sowjetunion, entgingen die Stätten der einstigen deutsch-sowjetischen Militärkooperation der Besatzung. Im Juli 1942 allerdings gelang es deutschen Fliegern, den Flugplatz von Lipezk zu attackieren, auf dem viermotorige Bomber lagen. Ironie der Geschichte: Es war ein ehemaliger Lipezker Flugschüler, der den Angriff führte.

Walter Stahrs Leben endete in Not und Elend. 1938 als Generalmajor ausgeschieden, zog er sich nach Bad Saarow östlich von Berlin zurück. Seine beiden Söhne fielen kurz vor Kriegsende. Stahr, der vor der Roten Armee nicht hatte fliehen wollen, wurde mehrmals vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und verhört, obwohl er im Krieg keinen einzigen Tag im Einsatz gewesen war. Rotarmisten überfielen das einsam gelegene Wohnhaus, vergewaltigten seine Frau und seine Tochter, die daraufhin Selbstmord beging. Er selbst wurde angeschossen. Im März 1948 starb er an Erschöpfung.

Als die Bundeswehr gegründet wurde, waren nicht wenige Lipezker zur Stelle: Josef Kammhuber wurde Inspekteur der Luftwaffe, Hermann Plocher und Hannes Trautloft wurden zu stellvertretenden Inspekteuren ernannt, Max Ibel brachte es bis zum Brigadegeneral, Douglas Pitcairn diente als Oberst.

Bleibt die Frage, wie die Wehrmacht, die das militärische Potenzial der Sowjetunion so gut kannte, das Land überfallen und in den grausamsten Krieg des 20.Jahrhunderts stürzen konnte. Die Deutschen verfügten über einen ganzen Stab von Experten, von denen viele exzellent Russisch sprachen und jahrelang im Land gelebt hatten. Kein anderes Militär kannte die Rote Armee und die sowjetische Rüstungsindustrie so gut wie das deutsche.

Zu denken gibt besonders eine Episode aus dem April 1941: Stalin lud eine Gruppe von Offizieren der Luftwaffe, darunter mehrere Lipezker, zu einer Besichtigungsreise ein, auf der es auch die neuesten Rüstungsfabriken zu sehen gab. Die Deutschen waren beeindruckt, vor allem von den gigantischen Dimensionen der Flugzeug- und Motorenwerke, und schrieben einen deutlichen Bericht. Er wurde ignoriert. Hitler und seine Generäle wollten nur eins: den Krieg.

Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin

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Leserkommentare
  1. Sowjetunion und Rußland sind zwei total verschiedene Dinge!

  2. Lipezk war doch auch zu Sowjetzeiten in Russland, bzw. der russischen SFSR.

    • 42317
    • 01. August 2010 13:49 Uhr

    Natürlich ignorierten die Nazis und die ihnen angeschlossenen Generäle die Berichte zum gigantischen Umfang sowjetischer Fabriken und Materialreserven: Die hingen ja der Meinung an, dass es im Krieg ausschließlich auf den Willen zum Opfer und zum Sieg ankäme, um ihn zu gewinnen, als ob man wirtschaftliche Gesichtspunkte ignorieren könne.

  3. Geheime Aufbaumaßnahmen im Reich des Kommunismus, der gute Draht der Weimarer Republik zu den Sowjetherrschern... Und gleichzeitig die verletzte Ehre der Deutschen. Durch den Versailler Vertrag geknechtet, wollten die besiegten Machthaber schnell wieder zu militärischer Macht gelangen. Die totale Aufrüstung begann dann 8-10 Jahre später, um 12 Jahre später wieder am Boden zu sein und 60 Jahre später der drittgrößte Weltexporteur von Rüstung. So wichtig ist uns dieser Bereich.

    • Urrmann
    • 05. August 2010 16:09 Uhr
    5. Urmann

    Anfang XVI Jahhundert übersiedelten hierher viele aus der Ukraine, wovon die Benennungen im Gebiet Lipezk zeugen, z. B., "Lebedjan" (der Flüß "Laba" oder "Elbe"), "Kosaken Pokrova"(Frauengestalt), Poroy, Michailovka u. a., sowie selbst Lipezk (griechisch "λιπο" - rennen (ran) - Synonim "Rannenburg" (nördlich von Lipezk) und Baigora (aus griechischen - Rannenburg). Man sagt, das auf die Stadt Lipezk während des Krieges keine einzige Bombe fiel da Hering da eine Gelibte hatte. Stimmt das?

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