China Bei Regen kommt der Tod

Mysteriöse Sterbefälle in der chinesischen Provinz Yunnan: Ist der »Kleine Weiße« schuld?

Immer in den Monsunmonaten von Juni bis August, häufen sich in der chinesischen Provinz Yunnan plötzliche Todesfälle

Immer in den Monsunmonaten von Juni bis August, häufen sich in der chinesischen Provinz Yunnan plötzliche Todesfälle

Manche fielen mitten im Gespräch tot vom Stuhl. Herzstillstand, ohne Vorwarnung, von einem Moment auf den anderen. So geht das seit 30 Jahren. Mit grausamer Regelmäßigkeit, und immer in den Monsunmonaten von Juni bis August, häufen sich in der chinesischen Provinz Yunnan plötzliche Todesfälle. Immer durch Herzversagen ohne erkennbare Ursache. Mehr als 400 Menschen sind seit 1978 in der zwischen 1800 und 2400 Höhenmetern gelegenen Region im Norden der Provinz dem mysteriösen Leiden zum Opfer gefallen. Während andernorts der einsetzende Regen für Freude sorgt, versetzt er die Bewohner von Yunnan in Angst vor den bevorstehenden Wochen. »Zu Beginn des Monsuns fragen wir uns, wer wird in diesem Jahr zuerst sterben? Und wer danach?«, sagt Li Guanhui, Arzt in dem Dorf Wangjiacun, eine Autostunde östlich des Touristenortes Dali.

Über Jahre suchten Wissenschaftler vergeblich nach einer Ursache für das rätselhafte Sterben. Doch es gab keine Gemeinsamkeit, keine Hinweise. Der Tod schlug scheinbar zufällig zu. Es traf Kinder, Erwachsene und alte Menschen; Männer und Frauen. Manchmal gingen dem plötzlichen Ableben Symptome wie Übelkeit, Schwindelgefühl und Herzrasen voraus, in anderen Fällen geschah es plötzlich. Die Obduktionen blieben ohne erhellendes Ergebnis. Bald hatte die unerklärliche Krankheit auch international einen eigenen Namen: Yunnan Sudden Death Syndrome.

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Nach mehr als 30 Jahren des Rätselns sind sich einige Wissenschaftler nun sicher, die Ursache gefunden zu haben. Der Schuldige soll ein leicht verderblicher Pilz sein, der »Kleine Weiße«. Er wächst in der Region vorwiegend während der Monsunzeit und wird von Einheimischen verzehrt. Häufig schon hatten die Forscher einen Verdacht, aber diesmal scheint alles so einleuchtend und naheliegend, dass sich die Frage aufdrängt, warum es Jahrzehnte gedauert hat, den Kleinen Weißen als Ursache zu identifizieren.

Zwar galt lange schon angesichts der regionalen Begrenzung der Krankheit und ihrer zeitlichen Abhängigkeit von den klimatischen Bedingungen ein Umweltfaktor als wahrscheinlich; bereits 2002 fand sich auf einer Liste der örtlichen Gesundheitsbehörde mit möglichen Ursachen für die Todesfälle auch der Verzehr von Pilzen. »Angesichts der Arrhythmien dachten wir ebenfalls zuerst an giftige Pilze, die solche Wirkungen haben können«, sagt Robert Fontaine vom US-amerikanischen Gesundheitsministerium , der an den Untersuchungen beteiligt ist. Doch zunächst fanden sich keine Hinweise, die einen Verdacht erhärteten. Seltsamerweise kamen auch die Bewohner, die die Tragödie vor Ort über Jahrzehnte unfreiwillig beobachteten, nicht auf die Idee, dass der unscheinbare Pilz eine Rolle bei den Todesfällen spielen könnte.

In langen Gesprächen mit den Einwohnern erfuhr schließlich ein Forschungsteam vom chinesischen Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention nach fünf Jahren detektivischer Recherche, dass Pilzsammler den Kleinen Weißen als Speisepilz pflückten. Sie konnten ihn wegen seiner geringen Haltbarkeit nicht exportieren und aßen ihn selbst – einer der Gründe, warum der Pilz den Forschern lange verborgen geblieben war. Als in vielen Häusern, in denen es zu Todesfällen gekommen war, der Pilz oder Spuren von ihm gefunden wurden, rückte er in den Fokus der Wissenschaftler. Sobald ein neuer Todesfall bekannt wurde, eilten sie mit Fotos des Pilzes zu den Hinterbliebenen – mit jedem Nicken wuchs ihre Zuversicht, das Rätsel endlich gelöst zu haben.

Der Kleine Weiße gehört zur Gattung der Trogia, die bislang wenig erforscht ist. Erste Untersuchungen zeigten, dass der Pilz drei giftige Aminosäuren produziert. Für Mäuse sind sie tödlich, wie Forscher im Labor inzwischen nachgewiesen haben, aber für den Menschen scheinen sie in der Regel nicht gefährlich zu sein; ein großer Anteil der Bewohner der Yunnan-Provinz verzehrt den Pilz, aber nur ein Bruchteil von ihnen stirbt. Derzeit versuchen die Forscher herauszufinden, wann der Trogiaverzehr riskant ist und ob die Pilzgifte womöglich nur besonders anfälligen Menschen zum Verhängnis werden.

Fest steht, dass der Pilz eine zentrale Rolle spielt. Andere mögliche Ursachen hat man wieder verworfen. Ein Zeit lang vermutete das Forschungsteam aus Peking, dass es womöglich die Keshan-Krankheit sei, ein Leiden, das in Gegenden auftritt, die einen Mangel des Spurenelements Selen aufweisen. Die Ergebnisse der Obduktionen widerlegten den Verdacht. Dann galt ein Coxsackie-Virus als mögliche Ursache – doch das verbreitete Virus ließ sich nur bei einem Bruchteil der Verstorbenen isolieren.

Es könnte allerdings sein, dass die Trogia nicht allein für alle 400 Todesfälle verantwortlich ist. Das Schwermetall Barium, das sich auch in den Pilzen ansammelt, löst Herzrhythmusstörungen aus. Es befindet sich zwar auch im Trinkwasser und anderen Nahrungsmitteln, aber womöglich begünstigt der Trogia die Wirkung von Barium.

Doch alles deutet darauf hin, dass es keine Todesfälle gibt, wenn der Kleine Weiße nicht verzehrt wird. Im vergangenen Jahr hatte man in jenen Teilen der Provinz die Bewohner davor gewarnt, den Pilz zu essen. Niemand starb. Inzwischen wurde die Warnung auch auf Regionen ausgedehnt, die man vorher als nicht gefährdet eingestuft hatte. Und tatsächlich: 2010 hat es bisher noch keinen verdächtigen Todesfall gegeben. Wenn das so bleibt, können sich die Bewohner von Yunnan zum ersten Mal nach 30 Jahren auf den Sommer freuen.

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