Martenstein »Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter«

Harald Martenstein über die langen Titel der neuen Minister in Nordrhein-Westfalen

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Ich interessiere mich auch ein wenig für Politik. Deshalb habe ich die neue nordrhein-westfälische Kabinettsliste gelesen und die dazugehörigen Fotos betrachtet. Eine sympathisch wirkende Person, die Barbara Steffens heißt, grün, leitet jetzt offenbar in Düsseldorf eine Behörde mit dem unglaublichen Namen »Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter«. Frau Steffens kann, anders als all diese Ministerpräsidenten, niemals zurücktreten, denn bis sie allein schon den Namen ihres Amtes ausgesprochen hat, ist die Legislaturperiode vorbei.

Ich habe mich gefragt, wieso der Bereich »Pflege« in der »Gesundheit« nicht sowieso drin ist. Wer Pflege braucht, ist doch in den seltensten Fällen gesund. Dieses Amt ist aber noch gar nichts, verglichen mit der Familien-, Kinder-, Jugend-, Kultur- und Sportministerin Ute Schäfer, SPD. Johannes Remmel, grün, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, schießt, in Anbetracht seines Arbeitsbereiches »Natur« bietet diese Formulierung sich an, den Vogel ab. Ich schlage vor, dieses Haus aus Gründen der Zeitersparnis sowie des Klimaschutzes die »Remmelbehörde« zu nennen.

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Relativ maßvoll klingt der Titel Angelica Schwall-Dürens, »Ministerin für Bund, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen«. Auch die Ministerinnen für »Innovation, Wissenschaft und Forschung« sowie für »Schule und Weiterbildung« lassen es erst mal ruhig angehen. Man kann das ja später noch ausbauen, etwa zu »Innovation, Wissenschaft, Risikoabwägung, Gleichstellung und Forschung« oder »Ministerium für Schule, Weiterbildung, vorschulischen Unterricht und Lernen im Alter«, falls Barbara Steffens, die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, dies nicht als Übergriff auf ihr Ressort empfindet. Zum Ausgleich kann Frau Steffens ja das Teilressort »Gesundheitsforschung« von ihrer Kollegin, der Ministerin für Innovation, Wissenschaft, Risikoabwägung, Gleichstellung und Forschung, übertragen werden.

Warum tun sie »Kultur« mit »Sport« zusammen? Klar, es gibt Sportler, die Memoiren schreiben, aber diesen Bereich könnte man doch mit einer gewissen Logik als Ressort »nachsportliche kulturelle Betätigungen im Alter« an das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter geben, oder besser gleich an den braven Guntram Schneider, der als »Minister für Arbeit, Integration und Soziales« nur einen der kürzeren Titel abbekommen hat.

Vor Nordrhein-Westfalen hat der untergegangene Staat Österreich-Ungarn als das beim Erfinden von barocken Titeln kreativste Gemeinwesen der Geschichte gegolten. Kaiser Franz Joseph nannte sich (unter anderem) König von Slawonien, Lodomerien und Illyrien, Herzog von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara, Gefürsteter Graf von Kyburg, Herr auf der Windischen Mark und Großwojwode der Wojwodschaft Serbien. Das mussten damals alle Schulkinder auswendig lernen. Weil dieser Titel sich im Alltag als unpraktisch erwies, führte man in der Donaumonarchie den »mittleren« und den »kleinen Titel« ein, die in Situationen verwendet werden durften, in denen Zeitdruck herrschte, etwa auf dem Schlachtfeld, wenn das Heer der Mamelucken sich rasch näherte.

Ähnliches ist wohl auch von Barbara Steffens zu erhoffen, für den Fall, dass die Finanzkrise sich rasch verschärft. In Anbetracht der neun Milliarden neuer Schulden, die auch diese Regierung zu machen versprochen hat, ist das nicht völlig auszuschließen. Eines steht jedenfalls fest, ein »Ministerium für Sparsamkeit« wird es in Deutschland so bald nicht geben.

 
Leser-Kommentare
    • tom310
    • 29.07.2010 um 8:26 Uhr

    Fetzig, eine Ministerin für Emanzipation und ein Minister für Gleichstellung. Das birgt Konfliktpotential. Klimaschutz ist nicht Umeltschutz, das ist wiederum nicht mit Naturschutz zu verwechseln!
    Man sieht mal wieder, das gerade in der Politik Schein wichtiger ist als Sein. Man darf den Neger als Neger behandeln, ihn aber nicht so nennen. Es ist traurig...

    PS: Nicht dass ich das N-Wort gutheiße, ich störe mich an der Tatsache, dass man glaubt, ein Problem durch Umbennung abschaffen zu können. Das gilt auch und insbesondere für PolitikerInnen.

  1. Mit dem Beispiel der österr. Kaisers zeigt Herr Martenstein, dass die Titelblähung ein altes Leiden ist. Naheliegender als Franz-Josef wären noch die Komiker aus Ost-Berlin gewesen mit ihren Titelschwänzen, deren Nennung immer die halbe Sendezeit der Aktuellen Kamera verbrauchte. Der Westen hat schon früh gekontert: Mit dem unsäglichen Doppelnamenquatsch und dann mit der Marotte, den Straßennamen sämliche Titel und Vornamen des Namensgebers zuzufügen. Die alte Weisheit bleibt aber wohl bestehen: Je länger und aufwendiger das Titelgesumms, desto schwachbrüstiger der Inhalt.

    • alkyl
    • 30.07.2010 um 9:32 Uhr

    Die scheinbare Phantasie bei der Taufe der Ministerien hat einen lächerlich profanen Grund. Jedes Schlagwort des Titels bedeutet nämlich mindestens eine eigene Abteilung. Und jede Abteilung bedeutet eine Abteilungsleiterin oder einen Abteilungsleiter. Wenn also mehr Parteifreunde für eine gute Tat aus der Vergangenheit entlohnt werden müssen als attraktiv bezahlte Stellen vorhanden sind, muß eben noch ein schillernder Name an´s Ministerium drangehängt werden.

    Die SPD war in NRW schon immer besonders kreativ. Jahrzehntelang hieß das Arbeitsministerium MAGS (= Arbeit, Gesundheit, Soziales). Daraus wurde in den Neunzigern das MASSKS (= Arbeit, Soziales, Stadtentwicklung, Kultur, Sport). Bei ebenjenem hatte ich damals mich um eine ausgeschriebene Stelle beworben. Kurz darauf eingestellt wurde ich allerdings dann bei´m MASQT (=Arbeit, Soziales, Qualifikation, Technologie). Das hielt nicht allzulang und wurde zum MWA (= Wirtschaft und Arbeit). Die Kolleginnen und Kollegen sprachen schon nicht mehr vom "Ministerium", sondern vom "Mysterium".

    Karl-Josef Laumann brachte 2005 das MAGS zurück. Es wundert mich kein bißchen, daß die SPD das so nicht stehenlassen konnte :-) .

  2. Die vielen Elemente in den Titel zeigen, dass man diverse Unterabteilungen eines Ministeriums sprachlich nicht unter einem Oberbegriff zusammenzufassen vermag. Ob man keine Geamtansicht hat?

  3. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hatten wirklich lange Titel, wie z.B. Ferdinand II (orig. dt. Übersetzung von 1638):

    »Allerdurchläuchtigster/ Großmächtigster Fürst und Herr/
    Herr Ferdinand II. /erwehlter Römischer Kayser/
    allezeit Mehrer deß Reichs/ König in Teutschland/
    Hungarn/ Böhmen/Dalmatien/ Croatien/Schlavonien/
    Ertzhertzog zu Oesterreich/ Hertzogen zu Burgundien/ Braband/ Steyr/ Kärnten/ Cräin/ Marggraff in Mähren/ Hertzogen zu Lützelburg/ Ober= und Nieder=Schlesien/ Würtenberg und Teck/ Fürst in Schwaben/
    Graff zu Habsburg/ Tyrol/ Kyburg und Goritz/
    Marggraff deß Heiligen Römischen Reiches in Burgaw/
    Ober= und Nieder=Laußnitz Herr der Wendischen Marck/
    Herr zu Naon und Salin/«

  4. Man könnte einige Erfinder gerade dadurch auf die Idee bringen. Das "Ministerium für Umbenennungen" würde den Namen mit Botox aufblasen, so dass niemand den eigentlichen Behuf des o.g. Ministeriums erkannt. Wo dieses Ministerium sparen würde, brauch ich wohl nicht erörtern. Auf keinen Fall an Wortkonglomeraten.
    Sparet Anmut nicht, noch Mühe.
    @ Kaventsmann: Küß die Hand auch recht schön, Herr Hofrat! Tolle Sammlung.

  5. Die Kinderhymne sollte ja mal die deutsche Nationalhymne werden. Aber wenn man sich auf der einen Seite Wortbandwürmer und auf der anderen Seite extreme Abkürzungen merken muss, ist für genaue Zitate kein Platz.

  6. 8. Danke

    Ihr Beitrag hat mir Gott sei Dank, an dem heutigen Tag ein Lächeln ausf Gesicht gezaubert. Danke das sie mich daran erinnert haben, das Humor gänzlich die Schärfe des Lebens in leicht verdaulichen zuckersüßen Joghurt verwandelt.
    In diesem Sinne, wie Wladimir Kaminer kürzlich schrieb, das Leben ist kein Joghurt. Ich sage doch! Und man bedenke, wir sind nicht was wir tun und daran wird auch kein Titel etwas ändern, wir sind was wir sind, wenn wir mutig sind.

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