Lebensmittel Gentechnik auf dem Teller
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Was könnten Kunden auf künftigen Essenspackungen finden?

Es klingt paradox: Die traditionellen Rollen im Zank um die grüne Gentechnik sind vertauscht. Ausgerechnet jene, die bei der Einführung der EU-weiten Kennzeichnungspflicht im Jahr 2004 am lautesten protestiert hatten, sehnen sich mit einem Mal nach weitreichenden Regeln. Dagegen fordern die einstigen Verfechter der Kennzeichnung Zurückhaltung und loben das lückenhafte System. Und die deutsche Verbraucherschutzministerin rennt – statt sich für ein möglichst verbraucherfreundliches System starkzumachen – durch den Roggen.

Mit der Abfuhr für Aigner, dem non aus Brüssel, ist das Thema noch lange nicht vom Tisch. Die Arbeit der Interessenverbände hat gerade erst begonnen. Und wer weiß, wie lange es bis zu einer Verbraucherklage dauert und sich ein Richter des »Ohne Gentechnik«-Siegels annimmt? Praktisch alle Beteiligten in der Lebensmittelproduktionskette sind unzufrieden mit dem deutschen Kennzeichnungsflickwerk und wünschen sich neue Regeln.

Brokkoli

Der Streit um das Gemüse füllt die Zeitungen. Zumindest Gentechnik-Gegnern aber müsste dieser Brokkoli schmecken: pure Natur, durch Kreuzung gezüchtet, wie seit Jahrhunderten. Nur bei der Auswahl der zu kreuzenden Kandidaten hat die Firma Plant Bioscience Technik benutzt. Mit einem Marker-Gen hat sie Pflanzen selektiert, die besonders viel des (angeblich) krebsvorbeugenden Stoffs Glucosinolat produzieren. Fremde Gene enthält die Züchtung nicht, das Siegel »Ohne Gentechnik« bekäme der Anti-Krebs-Brokkoli problemlos.

Patentrechte

Gerade deshalb wird heftig gestritten. Die Firma hat nämlich ein Patent erhalten – auf ihre Auswahlmethode, aber auch auf die Brokkoli-Sorte selbst. Das ist nur dann rechtens, wenn ein technisches Verfahren angewendet wurde; Ergebnisse biologischer Methoden wie Kreuzung dürfen nicht geschützt werden. Die Regel: keine (Gen-)Technik, kein Patent. Das Europäische Patentamt prüft nun, ob das Verfahren ausreichend technisch ist.

Grundsatzdebatte

Umweltschützer, Bauern und Politiker nehmen dies zum Anlass für eine Grundsatzdebatte über Patente auf Pflanzen und Tiere. Ilse Aigner (CSU), Bundesministerin unter anderem für Landwirtschaft, hat wiederholt betont: »Die Schöpfung gehört allen Menschen.« Um Patente auf Leben zu verhindern, müsste das Gesetz geändert werden. Bisher prüfen Patentbeamte nur, ob eine Erfindung wirklich neu ist – egal ob sie lebt oder nicht.

Wirtschaftliche Interessen

Neben ethischen Bedenken spielen wirtschaftliche Interessen eine Rolle: Eigentlich sollen Patente die Forschung fördern, indem sie deren Ergebnisse schützen. Wenn aber kleinste Erfindungen und damit viele Produkte Patente bekommen, die wenige Unternehmen unter sich aufteilen, gerät der Wettbewerb in Gefahr. Der Saatgutmarkt ist auf dem Weg dorthin. Auch die Vermarktung des Brokkoli-Patents will offenbar ein Großkonzern übernehmen, der US-Agrogigant Monsanto.

Und wie sollten die aussehen? Was könnten Kunden auf künftigen Essenspackungen finden? Zwischen ausdifferenzierter Beschreibung für jede einzelne Zutat im Kleingedruckten und dem alles vereinheitlichenden großen G sind viele Abstufungen denkbar. Die Mehrheit der Verbraucherschützer ist sich einig, dass mit dem pauschalen Extrem dem Konsumenten nicht gedient ist. »Da wäre es besser, die bestehenden Regelungen beizubehalten«, sagt Jutta Jaksche, Referentin für Ernährungspolitik und Lebensmittelsicherheit beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. »Was gewinnt man durch eine Kennzeichnung, die keine Orientierung vermittelt? Das Ziel ist nicht allein, Informationen zu geben, man muss auch Optionen schaffen.«

Ein sehr praktisch gedachter Vorschlag kommt ausgerechnet aus dem wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik des BMELV. Er empfiehlt, die bestehende EU-Kennzeichnungspflicht auf tierische Produkte auszuweiten – nach einer dreijährigen Übergangsfrist. So hätten Landwirte und Mastbetriebe Zeit, auf gentechnikfreies Futter umzusteigen.

Nach der Ausweitung der Kennzeichnungspflicht für die grüne Gentechnik empfiehlt der Rat nach einer weiteren Übergangszeit eine separate Kennzeichnung aller Vitamine, Hilfs- und Aromastoffe, die mithilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen im Labor hergestellt wurden – im Fachjargon als »weiße Gentechnik« bezeichnet. Der mit 14 Professoren besetzte Beirat sieht in grüner beziehungsweise weißer Gentechnik verschiedene Anwendungen, deren »Folgewirkungen« jeweils anders zu beurteilen seien. »Eine einheitliche Kennzeichnung würde diesen Unterschieden und damit dem Informationsbedürfnis der Verbraucher nicht gerecht werden.«

Die Konsequenz allerdings wäre eine echte Herausforderung für den mündigen Konsumenten: Er müsste künftig häufiger das Kleingedruckte lesen. Und er müsste lernen, was ein Backtreibmittel aus biotechnischer Produktion von einem Sojalecithin aus gentechnisch veränderten Pflanzen unterscheidet und das wiederum von einem transgenen Maismehl: Gentechnik im Bioreaktor, Gentechnik auf dem Acker, Gentechnik auf dem Teller. Denn darüber soll in Zukunft am Supermarktregal entschieden werden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Sikumu
    • 28.07.2010 um 15:22 Uhr

    Dass sich die meisten Hersteller vor einer verbraucherfreundlichen Kennzeichnung fürchten, ist wohl berechtigt.
    Man braucht sich nur an den Streit um die gentechnisch veränderten Wachstumshormone von Monsanto erinnern, mit denen in den USA Milchkühe behandelt wurden, um die Milchproduktion zu steigern. Was zur Folge hatte, dass die damit behandelten Kühe übergroße Euter mit ständigen Entzündungen entwickelten.
    Monsanto setzte sich gegen eine Kennzeichnung lange erfolgreich zur Wehr. Milch von behandelten wie von unbehandelten Kühen stand nebeneinander im Regal.
    Der Tag, an dem ein Label für unbehandelte Milch zugelassen wurde, war das Ende dieser Monsanto Milch. Weil sie niemand mehr gekauft hat.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Buh
    • 28.07.2010 um 15:41 Uhr

    Der Verbraucherschutz dieser Tage beschränkt sich darauf, die verbraucher möglichst am Leben zu erhalten. Alles andere fällt dem Kapitalismus gnadenlos zum Opfer. Im zweifel sind niedliche Tiere, saftige Früchte oder lächelnde Schönheiten wichtiger als Kennzeichnungen zum inhalt. Warum? Weil es dem wirtschaftssystem dienlicher ist. So wird mehr konsumiert, und vorallem: billiges konsumiert, wodruch massenhafter konsum erst möglich wird.
    Im zweifel eben für das Geld und gegen den verbaucherschutz. Die ewigen Prädigten Pseudoliberaler Politiker haben sich nicht erfüllt. Der markt hat auch hier in der Slebstregulierung versagt. Er hat es nicht geschafft durch Konkurenzdruck hoche Sicherheit und guten Service herzustellen. Nur bessere verpackungen und billigeren inhalt. Der Verbraucher lässt sich eben leicht täuschen.

    Ich fordere daher endlich ausführliche Angaben zum Inhalt anstaatt übertriebender MArketingschale. Ich will wissen ob ein Prdukt vegan oder vegetarisch ist, ob zur herstellung gelantine verwendet wird ,w ie beif ast allen Säften, ob die Farbstoffe aus Läusen gewonnen werden, wie bei Campari, ich will bei verarbetitetn PProdukten die GENAUE Inhaltsangabe lesen können und alle stoffe die zur herstellung genutzt werden als auch Nährwertangaben, ich will wissen ob Genmanipuliertes Bestandteil sit,welche pestizide verwendet wurden und wo es hergestellt wurde (sozialer faktor)!

    Wer den mündigern Bürger enrst nimmt muss ihm diese Infos geben, damit er entscheiden kann.

    • MyBaum
    • 29.07.2010 um 9:26 Uhr

    Sind denn alle Redakteure im Urlaub? Dieser Artikel ist leider kaum ernst zu nehmen. Aufgebläht auf zwei Seiten wird dort spekuliert und polemisiert.
    Interessant: Warum der Verbraucher ein Wahlrecht haben sollte wird vorrausgesetzt, aber kaum ausgeführt. Greenpeace (!) wird zitiert und warnt vor Umweltschäden. Es wird gesagt, die Wissenschaft hätte keine Hinweise auf Gesundheitsgefahren.

  1. Als Agraringenieur der sich seit Jahrzehnten mit der AGRO-Gentechnik beschäftigt, kann ich nur sagen:
    Die AGRO-Gentechnik muss - zum Schutz der Konsumenten - verboten werden, denn sie ist einfach nicht beherrschbar.

    Sollten wir nicht endlich aus den negativen Erfahrungen mit der Atomenergie die KOnsequenzen ziehen und bei der Gentechnik wesentlich vorsichtiger sein?
    Die Atomenergie greift nur in den Kern der toten Materie - die Gentechnik manipuliert den Kern des Lebendigen, das ist noch viel gefährlicher!

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    ...aber es ist sehr fraglich, ob Ihnen eine objektive Meinung zuzutrauen ist.

    Laut Ihrer Homepage haben Sie im "ökologischen Anbau" gearbeitet, d.h. sie sind offensichtlich voreingenommen, da dieser Teil der Landwirtschaft aus den irrationalen Ängsten der Bevölkerung Gewinn schlägt.

    Des Weiteren scheinen Sie sich ja zur Zeit hauptsächlich mit dem spirituellen Thema der Reinkarnation zu beschäftigen, was mich zweifeln lässt, ob sie es mit wissenschaftlichen Aussagen so genau nehmen.

    Ihrer Biographie nach zu urteilen, handelt es sich bei Ihnen um einen Anhänger der "Grünen Ideologie", die in Deutschland anscheinen weit verbreitet ist (siehe Homöopathie Diskussion), daher liebe Forenteilnehmer: Mit Vorsicht genießen.

    P.S. zum Thema Kernkraft - sie hat die zweit niedrigste Zahl von Tode/GWy [1][2]

    [1] http://www.withouthotair.com
    [2] http://www.inference.phy....

    ...aber es ist sehr fraglich, ob Ihnen eine objektive Meinung zuzutrauen ist.

    Laut Ihrer Homepage haben Sie im "ökologischen Anbau" gearbeitet, d.h. sie sind offensichtlich voreingenommen, da dieser Teil der Landwirtschaft aus den irrationalen Ängsten der Bevölkerung Gewinn schlägt.

    Des Weiteren scheinen Sie sich ja zur Zeit hauptsächlich mit dem spirituellen Thema der Reinkarnation zu beschäftigen, was mich zweifeln lässt, ob sie es mit wissenschaftlichen Aussagen so genau nehmen.

    Ihrer Biographie nach zu urteilen, handelt es sich bei Ihnen um einen Anhänger der "Grünen Ideologie", die in Deutschland anscheinen weit verbreitet ist (siehe Homöopathie Diskussion), daher liebe Forenteilnehmer: Mit Vorsicht genießen.

    P.S. zum Thema Kernkraft - sie hat die zweit niedrigste Zahl von Tode/GWy [1][2]

    [1] http://www.withouthotair.com
    [2] http://www.inference.phy....

  2. ...aber es ist sehr fraglich, ob Ihnen eine objektive Meinung zuzutrauen ist.

    Laut Ihrer Homepage haben Sie im "ökologischen Anbau" gearbeitet, d.h. sie sind offensichtlich voreingenommen, da dieser Teil der Landwirtschaft aus den irrationalen Ängsten der Bevölkerung Gewinn schlägt.

    Des Weiteren scheinen Sie sich ja zur Zeit hauptsächlich mit dem spirituellen Thema der Reinkarnation zu beschäftigen, was mich zweifeln lässt, ob sie es mit wissenschaftlichen Aussagen so genau nehmen.

    Ihrer Biographie nach zu urteilen, handelt es sich bei Ihnen um einen Anhänger der "Grünen Ideologie", die in Deutschland anscheinen weit verbreitet ist (siehe Homöopathie Diskussion), daher liebe Forenteilnehmer: Mit Vorsicht genießen.

    P.S. zum Thema Kernkraft - sie hat die zweit niedrigste Zahl von Tode/GWy [1][2]

    [1] http://www.withouthotair.com
    [2] http://www.inference.phy....

    • jaru86
    • 08.08.2010 um 14:04 Uhr

    "Für die Käseproduktion einer Pizza wird Chymosin eingesetzt, ein Enzym, das ursprünglich aus dem Labferment von Kälbermägen gewonnen wurde. Heute wird es gentechnisch hergestellt."

    Was soll denn bitte "genetisch hergestellt" bedeuten? In der Natur( Kälbermägen ) wird das und alle anderen Enzyme "genetisch" hergestellt, das ist doch ganz natürlich.

    Wenn ich auf irgendeine Weise, wie auch immer ein Enzyme herstelle, welches genau wie das Original aus der Natur ist, und es dann einsetzte, wie es bisher immer eingesetzt wurde macht es doch gar keinen Unterschied. Was soll denn mit der Pizza bzw. dem Käse passieren, was sonst nicht passiert?

  3. Ich hab mir mal erlaubt unsere Gesellschaft auf die Schippe zu nehmen. Bin in meinem Zukunftsszenario natuerlich auch auf die Gentechnik und ihre Folgen eingegangen.

    Das Kapitel heisst: Eine kleine Geschichte der Gentechnik.

    Steht unter: http://planetofthecrazyap...

    Hab in dem Kapitel alles heute bekannte zusammengefasst und das Verhalten der Firmen beschrieben und in die Zukunft projektiert.

    Hier nur eine Sache: Wenn von offizieller Seite her behauptet wird Genmanipulation sei ungefaehrlich, dann ist das ein Witz, da genug Forschungzergebnisse vorliegen, die anderes vermuten lassen. Doch leider wird die Gentechnik kritische Forschung strukturell und mit allen Mitteln bekaemft. Ueber das Patentrecht ist es heute sogar unmoeglich eine freie Studie ueber die einzelnen veraenderten Pflanzen durchzufuehren, da man dafuer die Samen kaufen muss und somit dem Patentrecht unterliegt. Sprich man darf die Forschungsergebnisse nur nach Absprache mit dem Patentinhaber veroeffentlichen. Und was das bedeutet kann sich wohl jeder denken. Schoene neue Welt der Konzerne wird das. Is aber kein Problem, denn sie wollen ja das Beste fuer uns und was gibt es denn schoeneres als zu konsumieren?

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