Einfrieren oder Zucht – immer bleibt nur ein genetisch verarmter Bestand
© SVF

Die Auswahl der Embryonen erfolgt unter dem Mikroskop
Lehrstuhl für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie in München . Ähnlich sieht es Saperstein: »Bücher, die man gelesen hat, wirft man schließlich nicht einfach weg. Man bewahrt das Wissen für nachfolgende Generationen in einer Bibliothek auf.«
Auch wenn sich Experten einig sind, dass Haustierrassen geschützt werden müssen – über das »Wie« streiten sie sich. »Es macht Sinn, interessante Genvarianten zu konservieren. Man weiß nie, wofür man sie noch brauchen kann«, sagt Eckhard Wolf vom
Neben der Kryobank gibt es auf der Farm deshalb eine Datenbank. Sie enthält die Steckbriefe aller konservierten Rassen, Informationen über die Gesundheit der Tiere und ihren Stammbaum, ein Foto und die den Proben zugeordnete Nummer, damit die Embryonen wiedergefunden werden können. Deren spezifische Eigenschaften sind in einer weiteren Kartei namens Freezerworks gespeichert. Führt man beide Datenbanken zusammen, findet man in kürzester Zeit die Embryonen, die man braucht. »Das Tolle an unserem System ist, dass innerhalb einer Generation bereits 150 Tiere der einst bedrohten Züchtung wiederbelebt werden können und dann genügend Samen vorhanden ist, um die reine Art fortzupflanzen«, sagt Bowley. Wolf hingegen hält die Reproduktion einer Herde für logistisch ungünstig. Zudem sei es undenkbar, in kürzester Zeit genügend Tiere zu züchten, die den Bedarf an Fleisch, Milch oder Wolle decken. Insgesamt hält er es schlicht für unnötig: »Wenn man die Genvarianten identifiziert hat, dann lassen sie sich theoretisch in Zukunft auch synthetisch herstellen.«
Doch das ist vorläufig nur eine Hoffnung. Anstatt Tiere einzufrieren, plädieren viele dafür, sie lebend zu erhalten. Ein Vorzeigeprojekt auf diesem Gebiet ist Deutschlands größter Tierpark für seltene und vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen: die Arche Warder . Mitten in Holstein im Naturpark Westensee leben auf 40 Hektar rund 800 Tiere 70 verschiedener Rassen, die auf Deutschlands Roter Liste der bedrohten Nutztierrassen stehen.
Einfrieren oder Zucht – immer bleibt nur ein genetisch verarmter Bestand
»Um eine genetische Variabilität zu garantieren, können die Rassen nur in Netzwerken erhalten werden«, sagt Kai Frölich, Direktor der Arche Warder. Zum Erhalt einer Rasse seien verschiedene Maßnahmen erforderlich – Kryokonservierung allein reiche nicht aus. Bei beiden Methoden ist der Genpool begrenzt, doch nehmen die Forscher Inzucht in Kauf, um einen geringen Bestand an Tieren für die Zukunft zu sichern.
Projekte wie jenes in den USA seien eine Ergänzung zur Lebenserhaltung und sicherlich nichts Falsches, wenn das nötige Geld vorhanden sei, sagt Antje Feldmann, Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) . »Für die langfristige Zucht braucht man allerdings Tiere, die sich an die wechselnden Umweltbedingungen anpassen können.« Tierzucht sei etwas Dynamisches, Einfrieren von Embryonen hingegen statisch. Herden am Leben zu erhalten sei deshalb unverzichtbar.
Doch die Aussterberaten belegen: Nicht alle Tiere lassen sich in Herden bewahren. Bevor eine Rasse verschwindet, ist Einfrieren die letzte Rettung.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio
- Datum 31.07.2010 - 13:56 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren