Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland scheint es gut zu gehen. Er expandiert gegen alle Widerstände ins Internet. Er hat ein Gesetz ertrotzt, das es erlaubt, die Rundfunkgebühr in jedem Haushalt zu erheben, unabhängig davon, ob dort Empfangsgeräte existieren. Die politischen und juristischen Siege verschärfen indes auch die Legitimationskrise eines Systems, das in Wahrheit nur noch wenig von dem liefert, was seine Finanzierung durch Zwangsgebühren rechtfertigen könnte.

Diese Legitimationskrise ist nicht heute und nicht gestern entstanden – und erst recht nicht durch das Internet. Wenn es eine Ursache gibt, dann liegt sie in der Konkurrenz der privaten Sender, die den Quotendruck hergestellt hat, der als Mutter aller Missstände gelten kann. Wann immer eine gute Sendung aus dem Programm genommen wird, heißt es: Die Quote war schlecht, und wann immer eine schlechte Sendung im Programm gehalten wird: Die Quote war gut. Über Qualität und Angebot von Sendungen nach der Zuschauerquote zu urteilen bedeutet aber für die öffentlich-rechtlichen Sender, dass sie sich wie reine Wirtschaftsunternehmen verhalten, das heißt nach Maßgabe der Produktverkäuflichkeit, ohne Blick auf eine weitergehende Verantwortlichkeit. Warum sollen Sender, die sich wie Privatakteure auf dem Markt verhalten, eine Gebühr bekommen, die sie von der Rücksicht auf den Markt befreit? Dies ist die Legitimationskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Er wird für eine Freiheit bezahlt, die er nicht nutzt.

Das ist im Übrigen bekannt. Von dem ursprünglichen Volksbildungs- und Aufklärungsauftrag, der staatsbürgerlichen und kulturellen Verantwortung der Sender wird nur noch ironisch gesprochen oder um Absurditäten wie den Theaterkanal zu begründen. Gelegentlich wird sogar behauptet, dass die Tendenz zu Verflachung und Verdummung in der Eigenlogik der elektronischen Massenmedien angelegt sei: Sie könnten gar nicht anders sein, als sie sind – beziehungsweise kämen erst in der absoluten Trivialisierung ganz zu sich selbst. Dagegen spricht die Qualität der Sendungen, die sich auch das Fernsehen immer wieder gleichwohl leistet – bis sie auf hintere Sendeplätze oder gänzlich verschwinden. Dagegen spricht vor allem die staunenswerte Qualität von Deutschlandradio und Deutschlandfunk, die täglich beweisen, dass Radio kein Dudelfunk sein muss.

Warum also duldet der Staat die Gebührenfinanzierung eines Systems, das sich diese Qualität nur am Rande und nur in Ausnahmen leistet? Eine zynische Antwort könnte lauten: Die Parteien und Politiker wollen den öffentlich-rechtlichen Sendern einen Konkurrenzvorteil gegenüber den Privaten verschaffen, weil sie damit über ein Instrument zur Beeinflussung der Wähler verfügen, das sie ihrerseits beeinflussen können. Ohne Zynismus ist indes eine Rundfunkgebühr nur zu rechtfertigen, wenn sie Qualität nicht allein in Nischenprogrammen, sondern überall von dem schielenden Blick auf den Markt befreit, mit anderen Worten: Unabhängigkeit herstellt, die zu einem idealistischen Handeln befähigt. Idealismus meint hier nichts Wolkiges, sondern etwas ganz Präzises: die Orientierung an moralischen, kognitiven und ästhetischen Normen, kurz gesagt, an dem Guten, dem Wahren und dem Schönen. Die Programmmacher werden sich wahrscheinlich dagegen verwahren, dass solche ehrwürdigen, die Philosophiegeschichte von 2500 Jahren mit sich schleppenden Kategorien an ihr abgebrühtes Medium herangetragen werden. Indes sind die Kategorien weder weltfremd noch unverbindlich, wie ihre Anwendung zeigt.

Beginnen wir mit dem Guten – der Moral, um deren Geltung es nicht ganz so schlecht bestellt ist. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist kein böses Medium. Rechnet man zur Moral indes auch die Abwesenheit von Korruption, von versteckter Manipulation, also allem, was sich unter Betrug subsumieren lässt, sieht es nicht mehr ganz so gut aus. Man kann sich die Fälle sparen, in denen Wissensmagazine ganze Sendungen von Pharmafirmen eingekauft haben, die dort im Mantel von medizinischer Aufklärung oder Kinderpflegetipps Werbung machen konnten. Das waren Einzelfälle, hoffentlich ebenso wie die undurchsichtigen Absprachen mit Sponsoren in der Sportberichterstattung.

Ein empörendes Dauerbeispiel ist allerdings die versteckte Werbung, das Unwesen des Product-Placements, das es allen Beteuerungen zum Trotz auch in selbst produzierten Sendungen gibt, man denke nur an den Fuhrpark, den die Automobilhersteller manchen Fernsehserien zur Verfügung stellen. Wie absurd es ist, wenn Polizisten neueste und teuerste Automobile zur Verfügung haben, wird schon gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Auch hierin liegt übrigens ein Widerspruch zur Gebührenfinanzierung, die ja streng genommen von Werbung unabhängig machen müsste – aber wenn sie es schon nicht tut, weil der Geldhunger der Anstalten unermesslich ist, dann sollten sie wenigstens auf deklarierter Werbung bestehen.

Und was ist mit dem Schönen, das heißt mit Kultur und Niveau der Sendungen? Zunächst und vor allem ist eine groteske Entbürgerlichung zu beobachten. Es lässt sich zwar zweifeln, ob von einer neuen Bürgerlichkeit als gesellschaftlicher Tendenz gesprochen werden kann, aber wenn es diese Tendenz gibt, dann jedenfalls nicht im Fernsehen. Das Fernsehen, weit davon entfernt, die Zuschauer auf die Höhen der bürgerlichen Bildung zu heben (wie eine berühmte Formulierung der deutschen Arbeiterbewegung lautete) oder ihnen auch nur die Chance auf Teilhabe zu eröffnen, konkurriert mit den billigsten Boulevardmedien um die niedrigsten Instinkte der dümmsten Bevölkerungsteile.