Falsche Vorstellungen spielen eine große Rolle dabei, die Geschichte zu formen, und die Euro-Krise ist dafür ein typisches Beispiel. Dass der Euro ein offensichtlich fehlerhaftes Konstrukt ist, war seinen Architekten zum Zeitpunkt seiner Erschaffung bewusst. Doch sie gingen davon aus, dass seine Mängel in dem Maße, wie sie akut werden würden, korrigiert werden könnten. Der größte Mangel, das Fehlen einer gemeinsamen Fiskalpolitik, ist weithin bekannt. Ein weiterer struktureller Fehler ist, dass nur die Gefahr der Inflation bedacht und die Möglichkeit einer Deflation ignoriert wurde.

Doch der gravierendste Mangel im Design des Euro ist: Es ist nicht auf Fehler eingestellt. Es setzt voraus, dass die Mitgliedsstaaten sich an die Maastricht-Kriterien halten – die vorgeben, dass das Haushaltsdefizit drei Prozent und die Staatsverschuldung insgesamt 60 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt nicht überschreiten darf –, ohne einen angemessenen Mechanismus zu ihrer Durchsetzung festzulegen. Und jetzt, da mehrere Länder meilenweit von den Maastricht-Kriterien entfernt sind, gibt es weder einen Anpassungs- noch einen Ausstiegsmechanismus. Von diesen Ländern wird nun erwartet, dass sie zu den Maastricht-Kriterien zurückkehren, selbst wenn ein solcher Schritt eine Deflationsspirale in Gang setzen würde. Dies steht im direkten Widerspruch zu den Lehren aus der Großen Depression der 1930er Jahre und dürfte Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Phase anhaltender Stagnation drücken – wenn nicht Schlimmeres. Dies wiederum wird zu Unzufriedenheit und sozialen Unruhen führen. Es ist schwer vorherzusagen, wie diese Wut und Frustration zum Ausdruck kommen werden. Schlimmstenfalls könnten diese politischen Trends die Demokratie gefährden und die Europäische Union lähmen oder gar untergraben.

Falls es hierzu kommt, trägt Deutschland einen Großteil der Verantwortung dafür, denn als stärkstes und kreditwürdigstes Land bestimmt es, wo es langgeht. Indem es auf einer prozyklischen Politik beharrt, bringt Deutschland die EU in Gefahr. Ich bin mir bewusst, dass dies ein schwerwiegender Vorwurf ist, doch ich fürchte, er ist berechtigt.

Sicher, man kann Deutschland nicht vorwerfen, dass es eine starke Währung und einen ausgeglichenen Haushalt will. Aber man kann ihm vorwerfen, dass es seine Vorliebe anderen Ländern mit anderen Bedürfnissen und Vorlieben aufzwingt – wie Prokrustes, der andere Leute zwang, in seinem Bett zu liegen, und sie in die Länge zog oder ihnen die Beine abschnitt, um sie passend zu machen. Das Prokrustesbett, das derzeit der Euro-Zone aufgezwungen wird, heißt Deflation.

Leider ist sich Deutschland nicht bewusst, was es da macht. Alles, was es tun möchte, ist, seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und nicht länger der Zahlmeister für das restliche Europa zu sein. Doch als stärkstes Land mit der höchsten Kreditwürdigkeit hat es das Sagen. Infolgedessen bestimmt Deutschland objektiv die Finanzpolitik und die makroökonomische Politik der Euro-Zone. Wenn alle Mitglieder versuchen, wie Deutschland zu sein, schicken sie damit die Euro-Zone zwangsläufig in eine Deflationsspirale. Dies sind die Auswirkungen der von Deutschland verfolgten Politik, und da Deutschland das Sagen hat, ist es die der Euro-Zone aufgezwungene Politik.

Man kann sich den deutschen Denkfehler am besten vor Augen führen, wenn man ein kleines Gedankenexperiment anstellt. Was würde geschehen, wenn Deutschland die Euro-Zone verließe? Die dann wieder eingeführte Mark würde die Schallmauer durchbrechen, und der Euro würde ins Bodenlose fallen. Dies würde dem Anpassungsprozess der anderen Länder in der Tat helfen, aber Deutschland würde feststellen, wie schmerzhaft es sein kann, eine überbewertete Währung zu haben. Seine Handelsbilanz würde ins Negative drehen, und es gäbe weitverbreitete Arbeitslosigkeit. Die deutschen Banken würden schwere Wechselkursverluste erleiden und große Kapitalspritzen durch die öffentliche Hand benötigen. Aber die Regierung würde es politisch akzeptabler finden, deutsche Banken zu retten als Griechenland oder Spanien. Und es gäbe noch andere Kompensationen: Deutsche Rentner könnten sich in Spanien zur Ruhe setzen und dort wie die Könige leben – und so dem spanischen Immobilienmarkt zu einer Erholung verhelfen.

Ich möchte betonen, dass dies ein absolut hypothetisches Szenario ist. Der Zweck dieses Gedankenexperiments besteht darin, Deutschland zu überzeugen, sein Verhalten zu ändern, ohne die tatsächlichen Erfahrungen, die seine gegenwärtige Politik birgt, zu durchlaufen.