Es gehört zu den problematischsten Formen der Argumentation in der Medizin, wenn von Einzelbeispielen auf das generelle Handeln geschlossen wird. So geschah es vergangene Woche in einem Beitrag von Michael de Ridder. Er berichtete von einem Patienten, der in schwerster, aussichtsloser Krankheit seinen Arzt bat, ihm dabei zu helfen, sein Leben zu beenden.

Der Autor stellte die Frage, ob unsere Gesellschaft mitfühlend genug sei, Menschen in einer solchen Situation diesen Wunsch zu erfüllen – eine rhetorische Frage, die er wie vermutet beantwortete: Es sei die Pflicht der Ärzteschaft, Beihilfe zum Suizid zu leisten. Eine Verweigerung leiste einer kommerzialisierten Sterbehilfe von »dilettierenden Nicht-Ärzten« Vorschub. Einwände von Palliativmedizinern, die andere, dem Töten des Patienten regelrecht diametrale Verhaltensweisen vorschlagen und einen assistierten Suizid als nicht erforderlich ansehen, ließ de Ridder nicht gelten.

Wer so scherenschnittartig argumentiert, dem fällt es nicht schwer, das Zulassen des Sterbens Schwerstkranker mit dem Beistand zum Sterbeverlangen gleichzusetzen.

Die Schlussfolgerung de Ridders, dass nämlich jenseits der Palliativmedizin die Suizidbeihilfe zu einer »unverzichtbaren ärztlichen Aufgabe« werden kann, die mit Sanktionen zu belegen unangemessen sei, ist keine Konsequenz, die ich persönlich aus den vorgetragenen Argumenten ziehen würde. Und auch die beschwichtigende Feststellung, die Beihilfe zur Selbsttötung würde die Anerkennung der Palliativmedizin in einer Gesellschaft noch erhöhen, es handle sich ja bei einem solchen Vorgehen nicht um das Beenden eines menschlichen Lebens, sondern geradezu um die einzig verbliebene Möglichkeit, die »Integrität« einer schwerstkranken Persönlichkeit zu wahren, gibt Fragen auf: Wie steht es um unser Menschenbild? Welche Vorstellung haben wir vom Tod? Wie viel trauen wir jener zwischenmenschlichen Hilfestellung zu, die sich darauf beschränkt, alles Erdenkliche zu tun, Leiden zu mindern, die Sterben zulässt, aber nicht herbeiführt?

Wer diese Fragen beantworten will, muss zuallererst über die Bandbreite an palliativmedizinischen Versorgungsmöglichkeiten aufklären: Ein zentrales Ziel der Palliativmedizin ist der Versuch, Sterbende in eine Situation zu bringen, in der sie sich in Würde dem Tod nähern, sich auf ihn vorbereiten und ihn, wenn möglich, aktiv erleben können. Dabei darf nicht ausgeblendet werden, dass es furchtbare und für alle Beteiligten extrem belastende Krankheitsverläufe gibt. Auch darauf können Ärzte reagieren: bis hin zur sogenannten palliativen Sedierung, die es möglich macht, jede spürbare Wahrnehmung des Patienten auszuschalten, hat die Medizin heute ein umfangreiches Handlungsspektrum.

Diese Möglichkeiten haben medizinisch und juristisch mit Sterbehilfe oder assistiertem Suizid nichts zu tun, wie der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Palliativstiftung, Thomas Sitte, zu Recht wiederholt betont. Das machen auch die gerade veröffentlichten Leitlinien der European Association for Palliative Care für den Einsatz sedierender Maßnahmen noch einmal deutlich. Dass dabei gilt, Selbstbestimmung und Fürsorge sorgsam gegeneinander abzuwägen, hat nicht zuletzt der Nationale Ethikrat in seiner Stellungnahme im Jahr 2006 formuliert.

Zur ärztlichen Sterbebegleitung gehören: die körperliche Pflege, das Lindern von Hunger- und Durstgefühlen, das Abwenden von Übelkeit, Angst und Atemnot. Gleichzeitig geht es um menschliche Zuwendung, seelsorgerischen Beistand und die erklärte Bereitschaft, den Sterbenden und seine Angehörigen niemals allein zu lassen. Wenn Therapien am Lebensende versagen, kann es angebracht sein, eine Behandlung zu begrenzen oder zu beenden, um einen Patienten friedlich sterben zu lassen. All dies hat nichts mit Beihilfe zur Selbsttötung zu tun. Der assistierte Suizid zielt darauf ab, einem Lebenden ein todbringendes Mittel zu verschaffen, oder unterstützt ihn auf andere Weise bei der Durchführung einer eigenverantwortlichen Selbsttötung. Es handelt sich also nicht nur um etwas graduell anderes, sondern um etwas vollständig anderes: Es geht um die Übernahme der Verantwortung für den Tod eines Menschen.