Jamal, wie ihn die Berliner Zeitungen nennen, wäre so ein Fall für Kirsten Heisig. Seit vergangener Woche berichten die Medien über den Dealer mit den weichen Gesichtszügen. Ein Dutzend Mal haben Polizisten den Jungen in den vergangenen zwei Monaten beim Drogenverkauf gefass t, auch in dem Bezirk, für den Heisig als Jugendrichterin zuständig war, dem Norden von Neukölln. Aber Polizei und Justiz sind machtlos. Jamal sagt, er sei elf Jahre alt, also noch nicht strafmündig. Er gilt als staatenlos und darf nicht abgeschoben werden. Aus einem Heim, in das er gebracht wurde, lief er am nächsten Tag wieder weg.

Jamal, nur einer von mehreren Fällen, hat eine politische Debatte ausgelöst. Landesinnenminister fordern geschlossene Heime für Strafunmündige in allen Bundesländern, mal wieder. Man kann sich gut vorstellen, wie die Richterin in diesen Tagen gefragte Gesprächspartnerin wäre, wie ihre ungeschminkten Ansichten gewirkt hätten, Balsam für die meisten, eine Provokation für andere.

Kirsten Heisig ist tot. Vier Wochen nach ihrem Suizid ist das Buch der Jugendrichterin erschienen, es baut auf 20 Jahre Erfahrung in der Berliner Strafjustiz. Das Ende der Geduld wirkt wie ein Fazit ihrer Arbeit. Es ist sachlich geschrieben, ein Fachbuch einer Expertin, mit trocken klingenden Kapitelüberschriften wie Der Jugendrichter – Zuständigkeiten, Möglichkeiten, Grenzen. Diese Nüchternheit aber macht das Buch über seine 208 Seiten so beunruhigend, seine Lektüre so beklemmend. Etwa, wenn Heisig über »Vergewaltigungen von unglaublicher Rohheit« schreibt, die Jugendliche teils mit Komplizen an der »Ex« begehen.

Stimmt das alles, was Heisig beschreibt? Leider, muss man sagen, deutet nichts darauf hin, dass die beschriebenen Zustände über Gebühr dramatisiert werden. Im Gegenteil: Neukölln ist (fast) überall. Wenn die Richterin die »Karrieren« jugendlicher Krimineller schildert, wie sie mit Diebstählen und Sachbeschädigungen beginnen und sich dann zu Körperverletzungsdelikten steigern, zu scheinbar anlassloser Brutalität, ohne dass jemand sie stoppt, so hat das, was die Juristin aus dem Berliner Problembezirk berichtet, bundesweit Gültigkeit – zumindest in größeren Städten.

Überall dort dürfte es auch Belege geben für Eltern, die mit diesen Kindern völlig überfordert sind. Aber auch für die Hilflosigkeit, mit der diverse Behörden nebeneinanderher agieren, die mangelnde Bereitschaft, über die eigene Zuständigkeit hinaus zu handeln, Maßnahmen zu koordinieren. Die Defizite sind dabei seit Jahren dieselben und öffentlich bekannt, natürlich geht es auch um fehlendes Geld. Warum aber wirkt etwa Datenschutz immer noch zu oft als Täterschutz?

Bei allem Klartext ist dieses Buch aber eine Überraschung – zumindest für die, die Heisig postum zur Verfechterin von law and order küren möchten. Härtere Strafen lehnt die Richterin ab – ebenso rigoros wie die Idee, das Strafmündigkeitsalter von derzeit 14 auf 12 Jahre herabzusenken. Heisig hält es zudem für durchaus angebracht, das »mildere« Jugendrecht auch auf Heranwachsende, also 18 bis 21 Jahre alte Erwachsene, anzuwenden. Die bestehende Regelung habe sich bewährt, weil sie jedem Einzelfall gerecht werden könne. Wer Das Ende der Geduld liest, wird merken, wie sehr »Richterin Gnadenlos« Verfechterin des bestehenden Jugendgerichtssystems und seines Erziehungsgedankens war – wenn es denn konsequent angewendet wird.

Es sei »notwendig, eine ehrliche Debatte jenseits von Ideologien zu führen«, schreibt Heisig in einem persönlichen Nachwort. »Sie wird kontrovers, wahrscheinlich auch schmerzhaft sein. Deutschland wird sie aushalten – und mich auch.«