Chemnitz Neuer Jugendstil
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»Wohnen und Arbeiten – das liegt nah beieinander.«

Als der Unternehmer das Gelände kaufte, bekam er einen Brief des Insolvenzverwalters. Dieser teilte dem sehr geehrten Herrn Dr. Stephan Kieselstein mit, dass ein gewisser Dr. Stephan Kieselstein das Areal erworben habe und dass deswegen er, Dr. Stephan Kieselstein, ein paar Hundert Euro aus dem Sozialplan erhalte. Die Streifen flirren schon wieder, da legt der Hausherr noch einmal nach: »Der damalige Insolvenzverwalter ist heute übrigens mein Untermieter.«

Hauptmieter, das ist der Eigentümer selbst. Seine Firma für Drahtziehmaschinen mit 50 Beschäftigten ist Weltmarktführer. »Wenn der Name Kieselstein fällt«, sagt er, »muss die Welt an Draht denken.« Der Unternehmer hat außerdem einen Patentanwalt beauftragt, auf seinen Nachnamen praktisch alle möglichen Markenrechte anzumelden. So gibt es inzwischen etwa einen »Riesling vom Kieselstein«.

Eine eingetragene Untermarke ist das Projekt »3K« – Kunst, Kaßberg, Kieselstein. Um zu erfahren, was sich dahinter verbirgt, muss man einige Türen der Villa Kieselstein öffnen und einen Flur durchlaufen, der mit gelbgrünem Linoleum ausgelegt ist und in dem es noch nach Kombinat riecht. Dieser Flur führt zu Räumen, in denen früher Konstrukteure am Reißbrett arbeiteten. Nun hat der Künstler Klaus Süß hier sein Atelier. Kieselstein verlangt zwei Euro Warmmiete pro Quadratmeter – die Betriebskosten. »Ich habe hier mehr Platz, als ich brauche, und als Unternehmer will ich meinen Leerstand vermieten«, sagt er. Zu den Nutzern auf 1300 Quadratmetern gehören ein Fotograf, eine Modedesignerin, einige Musiker. Bald zieht wohl noch eine kleine Druckerei ein. Ein Stockwerk unter dem Atelier von Süß hat Kieselstein die Forschung und Entwicklung seiner Drahtziehfirma untergebracht.

Diese Verzahnung von Wirtschaft und Kunst, von Arbeiten und Wohnen auf dem Kaßberg, sie kann eine Chance für Chemnitz sein, sagt Kieselstein. Der Wettbewerb um Fachkräfte sei schon jetzt global und hart, das gelte auch in Chemnitz. »Es geht allein darum, die Leute hier zu halten« – und dazu muss eine Stadt mehr bieten als gute Arbeit. Sie muss ein Lebensgefühl schaffen. Er selbst wohnt nur 500 Meter von der Arbeit entfernt. Die Strecke fährt er meist trotzdem mit der S-Klasse.

Eckehard Bauer beobachtet, wie immer mehr junge Leute den Kaßberg für sich entdecken, weil dies in dieser Stadt kein Widerspruch ist: hervorragende Wohnlage bei Kaltmieten ab vier Euro. Bauer ist in Chemnitz ein bekannter Musiker und sitzt für die SPD im Stadtrat. Er schwärmt vom Kiezkneipen-Charakter des Viertels und klagt, wie viele hier, über die wachsende Parkplatznot. Man kennt diese Erzählungen von den Boomvierteln anderer Städte.  

Der Saldo aus Zu- und Wegzügen ist für den Kaßberg seit Jahren positiv, während die Stadt als Ganzes stets geschrumpft ist. Die Menschen in dem Quartier sind jünger als im Chemnitzer Durchschnitt, der Ausländeranteil ist höher, die Arbeitslosenquote geringer. »Das Leben ist hier dichter«, sagt Bauer, das Viertel führe Künstler und Studenten zusammen, Industrielle und Schriftsteller, Akademiker und auch Arbeiter.

Bauer, 51, erzählt, wie vom Kaßberg aus die Gewerbegebiete der Stadt strahlenmäßig gut zu erreichen seien; und wie sich damit die Gefahr, dass Chemnitz durch Wegzüge und Überalterung einmal zur Geisterstadt werden könnte, als Vorteil für die Dagebliebenen erweist: »Sie müssen hier nicht pendeln wie in anderen Städten. Wohnen und Arbeiten – das liegt nah beieinander.«

Bald soll sich das Leben noch mehr vermischen. Die Anfrage eines Jugendzentrums ist bei Unternehmer Stephan Kieselstein auf Wohlwollen gestoßen: In eine alte Halle, mitten auf dem Firmengelände, wollen die Jugendlichen eine Halfpipe bauen.

 
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