Subprime-Kredite gab es nicht
Was ist, wenn die Preise fallen? »Die Preise fallen nicht. Wir hatten gedacht, dass sie während des Winters sinken würden, aber das ist nicht eingetreten. Jetzt läuft die Hochzeitssaison, und alle müssen kaufen.« Keine Angst, dass die Blase platzt? »Davor hat niemand Angst. Dazu stehen zu viele Leute in den Startlöchern. Wenn hier wirklich jemand seinen Kredit nicht bedienen kann, wird immer die Familie einspringen.«
Es gibt Chinesen, die solche Entwicklungen mit Verdruss betrachten. Und zwar nicht deshalb, weil sie einen Rückgang der chinesischen Wirtschaft befürchten oder weil sich die soziale Spaltung der Gesellschaft vertieft. Ihr Unbehagen hat einen anderen Grund. Die glücklichen Wohnungseigentümer beweisen in ihren Augen, dass die Gesellschaftsplanung der chinesischen Führung erfolgreich war. Die Skeptiker machen darauf aufmerksam, dass die Partei inzwischen ganz auf die junge Generation setzt, die dynamisch ins Leben strebt und nicht einmal weiß, dass es in China eine Demokratiebewegung gibt. Diese Generation – und sie wird ihres Materialismus und ihrer Orientierungslosigkeit wegen sehr wohl heftig kritisiert – ist das Produkt einer Erziehung, die mit Propaganda nichts mehr zu tun hat. Es sind Kinder der globalen Medienwelt, entpolitisierte Bürger, deren Traum vom Glück aus einem gutem Job, einem dicken Auto und einer großen Wohnung besteht. Zhang Yue durchschaut das und nimmt es mit Humor: »Was soll ich tun? Man kann sich natürlich aus allem heraushalten: keine Wohnung, kein Bankett, keine Fotos, aber welche Familie macht das mit? Wir nennen so etwas dann eine ›Nackthochzeit.‹«
Es kann sein, dass Nackthochzeiten von diesem Jahr an einen besseren Ruf haben werden. 2010, so hat es die chinesische Regierung beschlossen, soll das Jahr der Geldmengenreduktion und der schrittweisen Rückkehr zur Solidität werden. Die People’s Bank of China erhöhte die Mindestreservesätze für Banken; deren Eigenkapitalquote soll auf 13 Prozent steigen. Um das Bankensystem zu sanieren und massenhafte Insolvenzen zu verhindern, hält die Zentralbank den Abstand zwischen Kreditzinsen und der Verzinsung von Spareinlagen möglichst groß. Das stärkt die Banken und zwingt die Sparer, Vermögen in den Geschäftssektor zu transferieren.
Im vergangenen Monat wurden der Spekulation Zügel angelegt
Tatsächlich liegt die effektive Verzinsung von Spareinlagen bei steigender Inflation bereits im negativen Bereich. Was tun die Sparer, die aufgrund der Kapitalmarktkontrollen Geld nur im Inland anlegen dürfen? Sie investieren ihren Bedürfnissen und Gewohnheiten gemäß in Wohnraum. Für Geldanlagen ist die Börse inzwischen zu unberechenbar geworden. Sicherer und einträglicher ist es, auf dem Immobilienmarkt zu dealen.
Nachdem Premierminister Wen Jiabao auf dem jüngsten Nationalen Volkskongress von einem »wilden Pferd« gesprochen hat, sind im vergangenen Monat der Spekulation mit Immobilien Zügel angelegt worden. Die Steuern für Transaktionen wurden erhöht, auch die Spekulationsfrist wurde von zwei auf fünf Jahre verlängert. Ob das reicht, um den Boom zu bremsen, weiß niemand.
Es spricht aber einiges dagegen, dass die Blase tatsächlich platzt: Sie bläht sich auf dem Wohnungsmarkt, nicht im Bereich der Geschäftsimmobilien. Auch sind in China nie Subprime-Kredite wie in den USA vergeben worden, also Kredite an einkommensschwache Hauskäufer ohne Eigenmittel. Die Eigenkapitalquote bei den chinesischen Hausherren liegt bei 40 Prozent, und die Disziplin, den Kredit zu bedienen, ist hoch.
Eine McKinsey-Studie aus dem Jahr 2008 beziffert das Potenzial derer, die in den kommenden 15 Jahren vom Land in die Städte streben, auf 350 Millionen Menschen. Dann würden eine Milliarde Einwohner Chinas unter urbanen Bedingungen leben. 115 Millionen neue Wohnungen müssten gebaut werden. Die Nutzflächen würden weiter schrumpfen. Hinter solchen Zahlen verbirgt sich der Ernst der Stadtplanung. Dass sie bisher funktioniert, hat auch mit der Standardisierung der Träume zu tun. Shanghai ist zum Schauplatz eines sozialen und ökonomischen Experiments mit bald 25 Millionen Menschen geworden.
- Datum 31.07.2010 - 10:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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....und keiner weiß die Antwort. Dass in China große Fehlallokationen sich kumuliert haben müssen ist offensichtlich. Nur wann diese zu Blasenbildungen führen und wann solche Blasen dann platzen bleibt doch recht unvorhersehbar. Sicher ist nur, dass sie irgend wann platzen.
China könnte so viel aus unseren Fehlern lernen (die wir ja auch gerne wiederholen), warum wird das nur so geflissentlich vermieden?
Dahinter steckt bestimmt wieder eines dieser altchinesischen Strategeme: "Die Balken stehlen und gegen morsche Stützen austauschen." Leider wohl in mehrfacher Hinsicht - billig gebaute Immobilien, die nur bis zum nächsten Erdbeben oder Sturm halten, und daraus baut man dann auch noch eine Blase.
Historiker haben bekanntlich im Nachhinein immer Recht, denn sie beurteilen nur die Vergangenheit. Hier kann jeder schon Historiker sein und ahnen, wo es hinführt. Wie bei der US-Immobilienblase sehen alle in China offenbar lieber weg wenn das Unglück angerollt kommt.
Sie schreiben in Ihrem Artikel an einer Stelle:
"Ein Amerikaner zieht im Schnitt siebenmal im Leben um, der Chinese zehnmal. Der Europäer packt nur fünfmal seine Sachen."
Könnten Sie bitte eine genauere Quelle für diese Daten angeben. Handelt es sich um Durchschnitte der letzten Jahre oder um Punktwerte?
Herzlichen Dank.
"Keine Angst, dass die Blase platzt? »Davor hat niemand Angst. Dazu stehen zu viele Leute in den Startlöchern. Wenn hier wirklich jemand seinen Kredit nicht bedienen kann, wird immer die Familie einspringen.«"
In der Blase wird immer schwadroniert "dieses Mal ist alles anders" oder, wie hier im Artikel geschehen " bei uns ist alles anders".
it's never different.
Ich empfehle das Buch:
This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of. Financial Crises , by Reinhart & Rogoff.
....This time it really IS different!
;)
....This time it really IS different!
;)
Die chinesische Volkswirtschaft hat schon im vergangenen Jahr Deutschland von der dritten Stelle verdrängt, und wird vermutlich in den nächsten Jahren auch noch Japan überholen. Aber Chinas Bevölkerungszahl ist enorm, und pro Kopf liegt das BIP noch hinter Albanien. Ein derart rasantes Wachstum lässt sich nun mal auf die Dauer nicht aufrecht erhalten. Wie eine alte Börsenweisheit besagt: Wenn etwas wächst wie Unkraut, dann handelt es sich meist um Unkraut.
....This time it really IS different!
;)
Das wesentliche Ereignis des letzten Jahrhundert dürfte vielen von uns entgangen sein: das Ende des neolithischen Zeitalters, nicht mehr und nicht weniger. In der Tat, am Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich noch über 75 % der (produzierenden) Arbeitskräfte mit Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Landwirtschaft bzw.mit dem ländlichen Raum. Am Ende des selben Jahrhunderts war dieser Anteil auf weniger als 2 % geschrumpft. Warum sollte das neolithische Zeitalter nicht auch in China zu Ende gehen?
Bin momentan in China; da berichtet die Presse u.A. einen Wohnungsleerstand von ueber 28%. Der Artikel verfehlt m.E. eine wichtige Dynamik: Selbst 'Mittelklasse-Einkommen' reichen der Generation die jetzt in den Wohnungsmarkt einsteigen soll bei weitem nicht aus, um in Ballungszentren auf die "Leiter" zu kommen, gleichzeitig ist die 'take-off' Generation derer, die es im Verlauf der letzten 10 Jahre zu 'multiple homeownership' gebracht haben, in der Lage an unvermieteten Objekten satte Renditen nur durch die Preissteigerung bei Immobilien einzufahren. Mieten sind niedrig, der soziale Druck (Heirat, oder Altersversorgung) geht voellig in Richtung Immobilie. Jetzt steigen noch die Lebensmittelpreise, und die Gegenmassnahmen greifen nur unzulaenglich.
Wenn das mit den 28% stimmt (die Zahl wurde anscheinend mit Hilfe von Daten aus der Wasser- und Elektrizitaetsversorgung ermittelt), scheint mir da mehr im Argen zu liegen, als dem Autor vorschwebt.
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