US-Präsident Reagan senkte den Spitzensatz von 70 auf 28 Prozent

Im März 1920 verabschiedete der Reichstag die große Steuerreform des Finanzministers Matthias Erzberger. In nur neun Monaten baute der Zentrumspolitiker die Finanzverwaltung um und erhöhte den Spitzensteuersatz auf 60 Prozent. Erzberger hatte schon als Unterzeichner des Waffenstillstandes von Compiègne 1918 den Hass der Rechten auf sich gezogen, seine Reformpolitik brachte sie nun noch mehr gegen ihn auf. Am 26.August 1921 wurde er von Mitgliedern der rechtsradikalen Organisation Consul ermordet.

Erzbergers Reform wirkte lange fort. Bis in die achtziger Jahre hinein lag der Spitzensteuersatz in Deutschland bei 56 Prozent. Ähnlich sah es in anderen europäischen Staaten und in den USA aus. Die Amerikaner führten 1913 eine abgestufte Einkommensteuer ein, zunächst mit einem Spitzensatz von sieben Prozent. Doch Kriege und Krisen trieben die Sätze schnell nach oben.

Als während der Großen Depression nach dem Börsencrash von 1929 die Staatseinnahmen wegbrachen, hob der republikanische Präsident Herbert Hoover im Jahr 1932 die Steuern insgesamt an und setzte die Spitzenabgabe auf 63 Prozent. Im Zweiten Weltkrieg, unter Hoovers demokratischem Nachfolger Franklin D. Roosevelt, kletterte der Satz sogar auf 94 Prozent. Als der Krieg vorbei war, ließ sich Washington mit der Senkung der Steuern Zeit: Bis Ende der siebziger Jahre fiel der Spitzensatz nicht unter 70 Prozent. Der Vietnamkrieg brachte noch einmal eine Erhöhung um zehn Prozent.

In den frühen Jahren lagen die Einkommensgrenzen allerdings so hoch, dass kaum jemanden der Höchstsatz traf. Die Abgabe von 79 Prozent (1936) galt für Jahreseinkünfte von mehr als fünf Millionen Dollar – nach heutiger Kaufkraft etwa 50 Millionen Dollar. Es ging das Gerücht um, in ganz Amerika zahle überhaupt nur einer diesen Satz: John D. Rockefeller. In den sechziger und siebziger Jahren wurde der Schwellenwert dann auf 200.000 Dollar gesenkt. Nach Berechnungen von Emmanuel Saez, Ökonom an der Universität in Berkeley, führten Topverdiener damals insgesamt rund 70 Prozent des Einkommens an den Fiskus ab. Für den keynesianisch inspirierten Mainstream der damaligen Zeit war das aber kein Problem: Keynes glaubte, der Wohlstand einer Nation hänge vor allem von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ab – und Superreiche geben ohnehin nur einen geringen Anteil ihres Einkommens für den Konsum aus.