Internet und TV

Was dürfen die im Netz?

Der Streit um die Internetangebote von ARD und ZDF eskaliert. Für die Regelung zuständig wären die Ministerpräsidenten der Länder. Sie sind der Aufgabe nicht gewachsen.

Ein Briefwechsel zwischen Peter Boudgoust (links) und Frank Schirrmacher sorgt für Streit

Ein Briefwechsel zwischen Peter Boudgoust (links) und Frank Schirrmacher sorgt für Streit

Wenn für Außenstehende kaum noch zu verstehen ist, worum es eigentlich geht, und keiner eine Lösung sucht, handelt es sich gemeinhin um einen ritualisierten Streit. Ein schönes Beispiel dafür ist die simple Frage: Was und vor allem wie viel dürfen ARD und ZDF im Netz? Verdrängen sie mit ihrem großen Gebührentopf die privaten Wettbewerber wie Spiegel Online, FAZ.NET oder ZEIT Online? Der Streit zu diesem Thema währt schon lange, fast so lange, wie es das Internet gibt. In der Neuauflage im Sommer 2010 kommen die wahren Verantwortlichen viel zu glimpflich davon: die Ministerpräsidenten.

Anzeige

Stattdessen prügeln sich in vorderster Front: Michael Hanfeld, Medienredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und Peter Boudgoust, amtierender ARD-Vorsitzender. Und in einer Nebenrolle dabei: Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Papier hatte im Auftrag der ARD-Gremien in einem Gutachten ausloten sollen, wann genau es sich um »presseähnliche« Angebote im Netz handelt – da solche den öffentlich-rechtlichen Sendern qua Staatsvertrag untersagt sind, wenn es keinen Bezug zu einer Sendung gibt. Nun kam Papier zu dem für die ARD recht komfortablen Schluss, dass eigentlich alles im Internet Rundfunk ist und nur die genaue Wiedergabe einer Zeitung im Netz eine Ausnahme. Papier ging sogar so weit, festzustellen: »Begibt sich die Presse allerdings auf das Gebiet des Rundfunks, der im modernen Sinne auch Internetangebote umfasst, muss sie die öffentlich-rechtliche Konkurrenz aushalten.«

Den Sendern ist fast alles erlaubt, nur keine Links zu den Archiven

Hanfeld warf den ARD-Gremien daraufhin vor, »bestellte Wahrheiten« in Auftrag gegeben zu haben: Man verkünde nichts anderes »als einen totalen Machtanspruch, das Ende der freien Presse und die Herrschaft des Staatsjournalismus«. Wer Hanfelds Berichterstattung verfolgt, könnte geneigt sein, dessen Wortwahl zu kritisieren, aber sollte man deshalb gleich aus der Fassung geraten? Peter Boudgoust jedoch keilte in einem offenen Brief an Hanfelds Chef Frank Schirrmacher zurück: »Geschichtsvergessen« sei das. »Maßlos«.

Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, warf sich ebenfalls in die Schlacht und kündigte reflexhaft an, dass der Verband wieder nach Brüssel ziehen werde, um dort den Internetangeboten von ARD und ZDF mittels der EU-Kommission Einhalt zu gebieten.

So ging unter, was wirklich wert wäre, diskutiert zu werden: Denn in dieser Woche präsentierten die Rundfunkräte nicht nur das Gutachten von Papier, sondern auch die Ergebnisse einer mehr als einjährigen Prüfung.

Die für die Rundfunkpolitik zuständigen Ministerpräsidenten der Länder hatten die Gremien damit betraut, alle Angebote, die ihre Sender im Netz präsentieren, mit einem dreistufigen Test auf ihren gesellschaftlichen Mehrwert, ihre Auswirkungen auf den Wettbewerb und ihre Finanzierbarkeit hin zu prüfen. Gutachter mussten für die Wettbewerbsfrage hinzugezogen werden, sie schrieben Tausende von Seiten voll, die von den ehrenamtlichen Räten gelesen werden sollten. 300 Sitzungen später wurde von den 37 zu prüfenden »Telemedienkonzepten« der Sender und Gemeinschaftsangeboten wie zum Beispiel tagessschau.de, boerse.ard.de oder sportschau.de keines im Kern beanstandet. Nur ein Großteil der Archive muss gelöscht werden, nicht nur Sport und Unterhaltung betreffend, sondern auch Nachrichten. Das wiederum dürfte vor allem die Gebührenzahler ärgern, die diese Angebote alle schon bezahlt haben und jetzt auf Links von ARD und ZDF klicken, die im Internetfriedhof enden.

Die Gutachten, die zur genaueren Bestimmung der Auswirkungen auf den Wettbewerb eingeholt werden müssen, haben zudem insgesamt Millionen Euro verschlungen. Beim ZDF hat man allein 760.000 Euro rund um den Dreistufentest ausgegeben. Andere Sender wollen die Zahlen lieber erst gar nicht veröffentlichen. Das legt den Schluss nahe: Der Mehrwert des Tests liegt offenbar vor allem in der Arbeitsbeschaffung für medienwissenschaftliche Gutachter.

 
Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Bei all dem Gejammer der Zeitungsfürsten frage ich mich wer fragt hier eigentlich einmal die (potentiellen) Nutzer der Internetangebote der Sender ? Der TV-Zuschauer erwartet heute von einem modernen TV-Sender, dass ausgestrahlte Sendungen aus dem Internet-Archiv abgerufen und Zusatzinformationen zu den Sendungen sowie darin behandelten Themen auf den Internetseiten der Sender zu finden sind. Das dies den Zeitungsverlegern ein Dorn im Auge ist, weil sie am liebsten das geschriebene Wort als ihr alleiniges Gut betrachten kann ich zwar verstehen aber nicht für gut heissen. Warum stellen die Verleger sich nicht der Konkurrenz und investieren ihre Resourcen darin ein für den Rezipienten attraktives Angebot zu erstellen anstatt sich in Schlammschlachten zu suhlen ? Profitgier um nichts anderes geht es hier den Verlegern !

  2. ...daß der freie, unbefristete Zugang zu den Archiven der Nachrichtendenungen, "Polit-Talks", Dokumentationen und Ähnlichem ein unschätzbares Gut für jede Demokratie wäre, die eine solche nicht nur dem Namen nach ist. Ebenso steht außer Frage, dass das Netz und die Mediatheken zweifelsohne wunderbare Möglichkeiten bieten würde, komplizierte Themen frei vom Aktualitätszwang aufzubereiten und mit den relevanten Beiträgen der letzten Jahre und Jahrzehnte zu verknüpfen.

    Stattdessen geht es um die Existenzsicherung des besseren Twitter-Journalismus alla Spiegel-Online. Zum Kotzen!

    • 30.07.2010 um 10:05 Uhr
    • ERM

    Die öffentlichen werden doch vom Volk bezahlt. Also sollen sie dem Volk auch alles bieten können was geht. Es ist ja schon bezahlt worden.
    Warum da schon wieder die Freiheit einschrängen und 100 Hürden einbauen, damit ja keiner Benachteilig ist.
    Soviel zum Thema Bürokratie.

    ERM

  3. Kompromiss-Vorschlag: ZDF auflösenund die ARD-Anstalten dürfen sich gegenseitig mehr konkurrenz machen.

    Mal im Ernst: Das ZDF - von Ausnahmen abgesehen - als Medien-Vasall der Politik kann man doch ohne Verluste auflösen und die Überbleibsel in den ARD-Anstalten aufgehen lassen. Nicht dass die ARD nicht auch genügend senil-sedierenden Schwachsinn über den Äther jagt, aber das ZDF besteht doch fast nur noch aus Volks-Verblödung - was natürlich immer noch unschwer oberhalb der Prekariats-"Unternhaltung" der privaten Anbieter aufschwimmt ..

    Die ARD hat Formate, die den Bürger informieren können, nur sollten die Anstalten bundesweit agieren können. Diese Schwächung durch regionale Vereinzelung sollte man beenden und dadurch den Kostenblock ZDF überflüssig machen.

    Für einen Kapitalismus ist es IMO auch UNERTRÄGLICH, dass derjenige, der hier per Gebühr die unterste Stufe der Informationsversorgung bereit stellt, - dass derjenige nach seiner Zahlung ENTEIGNET wird! Sind wir in einer privatwirtschaftlichen Feudalherrschaft? Wie kann man es denn nicht "RAUB" nennen, wenn die ÖR gezwungen werden, die Ergebnisse unserer Zahlungen im Keller verschimmeln zu lassen?!

    Die ÖR liefern eine Informations-Grundversorgung, die die Bürger mit ihren Gebühren bezahlen. Wenn die Privaten es (nachweislich) nicht besser machen können, dann sollen sie eben verschwinden, bis sie es besser als die ÖR-Anstalten können! Niemand hat den Privaten eine Existenz- oder Profit-Garantie gegeben!

    Y.S.

  4. Wir alle, also die Gebührenzahler, haben die Inhalte von ARD und ZDF doch schon bezahlt. Somit verstehe ich das ganze Problem nicht und habe die Meldungen der letzten Tage über die "Löschaktionen" bei ARD und ZDF nur mit Kopfschütteln gelesen.

    Manchmal denke ich, die öffentlich rechtlichen Sender sollten ihre Inhalte einfach unter "Creative Commons Lizenz" ins Netz stellen. Dann könnte jeder diese Inhalte (nicht kommerziell) verwenden und sicher würde sich dann auch ein Community-Projekt finden, welches einfach Tagesschau.de und Co auf dauer spiegelt.

  5. Warum soll ich dann überhaupt noch eine GEZ-Gebühr bezahlen, wenn die Inhalte auf den Homepages gelöscht werden sollen, da ich weder Radio noch Fernseher habe und man seit einiger Zeit ja auch für den PC GEZ-Gebühr berappen muss??

  6. auch gar nichts zu suchen! Ein Internetangebot gehört nicht zur Grundversorgung!
    Niemand hat einen öffentlich-rechtlichen Sender aufgefordert, sein Programm ins Internet zu stellen!

    Ein Computer ist kein "neuartiges Rundfunkempfangsgerät" und jeder GEZ-Gebühr auf Computer ist daher ein Verbrechen, ein einkalter Diebstahl!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt keinen Grund, warum öffentlich-rechtliche ihre Sendungen nicht auch online stellen sollen dürfen. Grundversorgung bedeutet eben nicht bloß, Sendungen zu produzieren, sondern diese auch zum Empfänger zu bringen. Im übrigen, die BBC hat auch ein Online-Angebot. Im Internet ist so viel Platz, da wirkt die Agitation von Privatsendern und Presse gegen den ÖR im Netz auf mich schon ziemlich albern...

  7. Es gibt keinen Grund, warum öffentlich-rechtliche ihre Sendungen nicht auch online stellen sollen dürfen. Grundversorgung bedeutet eben nicht bloß, Sendungen zu produzieren, sondern diese auch zum Empfänger zu bringen. Im übrigen, die BBC hat auch ein Online-Angebot. Im Internet ist so viel Platz, da wirkt die Agitation von Privatsendern und Presse gegen den ÖR im Netz auf mich schon ziemlich albern...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Internet stellen, um dann GEZ-"Gebühren" kassieren zu wollen? Ich halte dieses Verhalten für schweren Betrug und Diebstahl!

    Erst sog. "Sachzwänge" schaffen, dann die Bürger per GEZ berauben! Wow! Wie können Sie solche Verbrechen noch verteidigen und gut heißen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service