Artenschutz Schlamm, oh Schlamm

Deutsche Technik und vietnamesisches Nationalgefühl: Gelingt die Seereinigung zur Rettung der mythischen Riesenweichschildkröte?


Hanoi. Mitten in der Stadt hat sich eine Menschenmenge versammelt und blickt gebannt auf das Wasser: Über den Hoan-Kiem-See schlängelt sich ein roter Schlauch und verschwindet hinter einer Absperrung. Die Zaungäste sind Zeugen einer spektakulären Reinigungsaktion. Gluckernd fließt das Wasser in die meterhohen Apparaturen, die in der Mittagshitze brummen. Deutsche Wissenschaftler haben sie aufgebaut – überwacht von Polizei, Stadtregierung und Wasserwerken.

»Das ist eine heikle Angelegenheit. Wir dürfen die Schildkröte im See nicht stören«, sagt Ha Dinh Duc, Vietnams führender Schildkrötenexperte. Neben ihm steht Peter Werner. Er leitet an der Technischen Universität Dresden das Institut für Boden- und Grundwassersanierung , das schon zu DDR-Zeiten einen regen Vietnam-Kontakt pflegte. Seit Langem gibt es einen Austausch von Studenten und Wissenschaftlern.

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Und nun ist der Sediturtle – abgeleitet von Sediment und turtle, Schildkröte – aus Dresden nach Hanoi gekommen. Ursprünglich unter dem Namen Sanieromat zur Entschlammung flacher Gewässer von der Berliner Firma GSan entwickelt, kriecht Sediturtle langsam über den Grund des Hanoier Sees – als Abkömmling des Sanieromats angepasst an die örtlichen Gegebenheiten. Und an die Schildkröte.

Die Riesenweichschildkröte, die im See ihr Zuhause hat, ist in Vietnam legendenumwoben. Schon in der Schule lernt man, wie der Bauernführer Le Loi im 15. Jahrhundert mit einem magischen Schwert die chinesischen Besatzer besiegte. Als Le Loi – mittlerweile König und Begründer einer Dynastie – eines Tages über den Hoan-Kiem-See ruderte, tauchte eine Schildkröte auf und forderte das Schwert zurück. Seither hütet sie die Waffe auf dem Grund des Sees – für den Fall, dass Vietnam seine Freiheit eines Tages wieder verteidigen muss.

Lange hielten die Hanoier die Schildkröte für einen Mythos. Vor zwölf Jahren zeigte das Staatsfernsehen dann die sensationellen Aufnahmen eines Amateurfilmers. Eine Riesenweichschildkröte im See! Kaum war ihre Existenz beglaubigt, setzte gleich die Sorge ein: Weltweit soll es nur noch fünf Tiere dieser Art geben. Nun musste man doch etwas für ihr Wohlergehen tun.

Handwerksbetriebe hatten über Jahrhunderte hinweg ihr Abwasser in den See geleitet, Klärwerke gibt es in Hanoi bis heute nicht. Industrie und Haushalte lassen ihre Soße einfach ins Freie laufen. Stinkende Brühe verschlammt die 153 innerstädtischen Seen und Flüsse. Wenn es so weitergeht, wird der 600 Meter lange und 200 Meter breite Hoan-Kiem-See in zehn Jahren nur noch eine Kloake sein.

Ha Dinh Duc möchte das verhindern. Seit zwei Jahrzehnten erforscht der Biologe im Auftrag der Stadt den See und inzwischen auch die Schildkröte. Auf seinen Fotos verklebt Schlick ihr die Nase, der Kopf ist von Algen bedeckt. Das heilige Tier im glitschigen Schlamm – damit alarmiert Duc auch die oberste Parteiverwaltung in Hanoi.

Dennoch hatte es lange Zeit niemand gewagt, den See zu reinigen, auch aus Angst um die Schildkröte. Wenn das Symbol für Glück und ewiges Leben durch eine Umweltschutzmaßnahme umkäme – nicht auszudenken. Herkömmliche Baumaschinen lehnte Duc deshalb ebenso ab wie Hilfsangebote aus Japan und Thailand.

Derweil war die Schlammschicht auf vier Meter angewachsen, für das 200 Kilogramm schwere Nationalheiligtum wurde es allmählich eng. So hat sich Duc in seiner Not an das Dresdner Forschungsteam gewandt. Deutsche Technik soll nun den Schlamm vom Grund schlürfen und das Tier retten, das Duc nach dem König benannt hat: Rafetus leloii.

Mit einem Probelauf im Ho-Chi-Minh-Fischteich überzeugte der Mikrobiologe Peter Werner das Volkskomitee. 1,9 Millionen Euro soll die Aktion kosten, dafür aber »schonend und sicher« sein.

Fingerspitzengefühl erfordere nicht nur die Schildkröte, sagt der Mann aus Dresden: »In Deutschland lässt sich ein See leicht reinigen. Kippt in diesem tropischen Klima hier ein See, dauert es schon mal ein Jahrhundert, bis er wieder im Gleichgewicht ist.«

Schon im Herbst – so der Plan – wird aller Schlamm zu Dünger verarbeitet sein. Denn bis zum 10. Oktober muss der Hoan-Kiem-See von den roten Schläuchen befreit sein. Dann feiert ganz Vietnam den 1000. Geburtstag der Stadt Hanoi. Sogar die deutschen Diplomaten am Ort interessieren sich deshalb für die Aktion am See. »Wenn dem Tier etwas passiert, könnte es Verwerfungen zwischen den Ländern geben«, sagt Werner.

Der Schildkrötenexperte Duc ist da ganz zuversichtlich. Nicht nur, weil die Zehnerreihe im Datum (10.10.2010) Glück bringe. »Wir können es nicht erklären, aber das Tier taucht immer wieder bei Großereignissen auf.« Beim 10. Nationalkongress der Kommunistischen Partei, bei Vietnams Aufnahme in die Welthandelsorganisation 2006, bei der Erweiterung von Hanoi 2008 – und zuletzt bei einer Konferenz zu bedrohten Reptilienarten.

 
Leser-Kommentare
    • CM
    • 02.08.2010 um 8:45 Uhr

    Erinnert sich noch jemand daran, daß das deutsche Hospitalschiff "Helgoland" während des Vietnamkrieges vor Ort im Einsatz war und jedem, der Hilfe benötigte, auch half?

    Solche Auslandseinsätze sind mir viel lieber als die, die diese und die vorherigen Bundesregierungen uns immer mehr schmackhaft machen wollen.

  1. Ich bin durchaus dafür bedrohte Tierarten zu retten. Aber was hier läuft ist doch wohl irre?!
    > Industrie und Haushalte lassen ihre Soße einfach ins Freie laufen. <
    Wie wäre es denn mit Kläranlagen? -
    > Dennoch hatte es lange Zeit niemand gewagt, den See zu reinigen, auch aus Angst um die Schildkröte. <
    Was ist das denn für eine Aussage? Nicht reinigen um die Schildkröte nicht zu gefährden? Wenn nicht gereinigt wird ist sie gefährdet!
    > 1,9 Millionen Euro soll die Aktion kosten, dafür aber »schonend und sicher« sein. <
    Wer bezahlt die 1,9 Millionen Euro?
    > Wenn dem Tier etwas passiert, könnte es Verwerfungen zwischen den Ländern geben, sagt Werner. <
    Warum machen wir uns dann die Mühe und helfen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Warum machen wir uns dann die Mühe und helfen?"
    Weil das nicht "Wir" sind, sondern ein berliner Unternehmen. Das übrigens genausowenig "wir" ist wie die deutsche Nationalmannschaft oder "unsere Jungs" in Afghanistan.

    "Warum machen wir uns dann die Mühe und helfen?"
    Weil das nicht "Wir" sind, sondern ein berliner Unternehmen. Das übrigens genausowenig "wir" ist wie die deutsche Nationalmannschaft oder "unsere Jungs" in Afghanistan.

  2. 3. "Wir"

    "Warum machen wir uns dann die Mühe und helfen?"
    Weil das nicht "Wir" sind, sondern ein berliner Unternehmen. Das übrigens genausowenig "wir" ist wie die deutsche Nationalmannschaft oder "unsere Jungs" in Afghanistan.

    • helgam
    • 02.08.2010 um 9:48 Uhr

    das ist echte Entwicklungshilfe

  3. Also an den1,9Mio. EUR sollte es wohl nicht scheitern! Mir ist es lieber wenn Deutschland unsere Steuergelder dafür ausgibt anstatt Klo-Häuser für 0,8Mio EUR aufstellt, welche wegen zu geringer Benutzung bereits nach einem Monat geschlossen worden... ich denke da fallen uns genügend Beispiele ein wo das Geld tatsächlich verschwendet wird.
    Vielleicht bringt diese Aktion die Vietn. Regierung zum Nachdenken das künftig (vielleicht mit deutscher Technik!) der see sauber bleibt!

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