Nachbarschaftsstreit Sie können ja nüscht dafür
Zwei Nachbarn beschäftigen jahrzehntelang die Gerichte: Nun soll eine Familie samt Haus verschwinden.
Im Jahre 1510 zog eine Räuberbande durch die Niederlausitz und stiftete erhebliche Unruhe. Sie kam auch durch Weskow, was dem Ort seine erste schriftliche Erwähnung eintrug. Heute liegt Weskow zwischen Maisfeldern und Eichenwäldern, seine Straßen heißen Heidefrieden oder Zeidelweide. Unsere kleine Wohnidylle, sagen die Weskower. Sie pflegen den sorbischen Brauch des Osterreitens, im Fasching wird gezampert: mit Masken und Trompeten, die sollen böse Geister vertreiben.
Wenn Weskow in wenigen Wochen seinen 500. Geburtstag feiert, werden Abrissbagger den Frieden stören. Sie kommen, den Konsum niederzureißen. In der Dachwohnung über dem Lädchen sitzt die Inhaberin Christina Manteufel, reckt das Kinn und verschränkt die Arme vor der Brust: »Die müssen uns hier raustragen.«
Frau Manteufel hatte das Grundstück mit dem maroden Gebäude Anfang der neunziger Jahre erworben, um das Geschäft weiterzuführen. Es gibt viele alte Menschen in Weskow, der nächste Supermarkt ist ein paar Kilometer entfernt. Da ist ein Laden gut, in dem man fix mal was holen kann. Die Manteufels renovierten die Fenster und brachten ein Schild mit dem neuen Namen an: »Hole fix«. 1994 beschlossen sie, dem Flachbau ein Spitzdach aufzusetzen, in dem sie mit Sohn und Tochter wohnen könnten. Der Landrat des Kreises Spree-Neiße in Brandenburg genehmigte den Ausbau.
Der Nachbar, der sich ebenfalls um den Kauf der Baracke beworben hatte, legte Widerspruch ein. Das bestandsgeschützte Gebäude stehe ohnedies zu nah an seiner Grundstücksgrenze. Tatsächlich: Nur gute fünf Meter trennen das Haus von dem seinen, fast einer zu wenig. Nun sollte es auch noch in die Höhe wachsen! Am Ende nehme es ihm die Sonne weg, fürchtete er. Der Landrat stoppte die Bauarbeiten zunächst, dann erteilte er den Manteufels eine Sondergenehmigung; kurz nach der Wende war Wohnraum knapp.
Jahre später, 1999, Familie Manteufel war längst eingezogen, befand ein Richter in Cottbus, die Baugenehmigung sei rechtswidrig. Die Ausnahme auch. Im Übrigen erlösche der DDR-Bestandsschutz bei einem Umbau: Der Nachbar könne nun den Komplettabriss fordern. Das tat der Nachbar. Der Landrat lehnte ab. Der Nachbar klagte. Der Richter teilte dem Landrat mit, er möge den regelwidrigen Bau beseitigen. Das tat der Landrat nicht. Wieder beschwerte sich der Nachbar, wieder teilte der Richter dem Landrat mit, er möge den regelwidrigen Bau beseitigen. Er drohte ein Zwangsgeld an, 5000 Euro. Der Landrat widersprach, der Richter verdoppelte das Zwangsgeld. Gesetz ist Gesetz.
Kurz vor Weihnachten 2006, die Tochter war längst aus dem Haus, erreichte die Manteufels ein Brief vom Landratsamt. Sie sollten ihr Haus binnen Jahresfrist abreißen. Der Termin wurde verschoben, einmal, noch einmal und noch einmal. Jetzt ist es so weit. »Aber wir gehen hier nicht raus«, sagt Christina Manteufel mit fester Stimme. »Das ist doch unser Privateigentum!«
Die Decke hängt niedrig in der kleinen Wohnung, nicht höher als nötig. Es fällt nicht viel Licht ins Wohnzimmer. Als die Manteufels den Dachstuhl errichteten, habe der Nachbar sich beobachtet gefühlt. Drei Fenster zu ihm hin hätten sie deshalb weggelassen, vorsichtshalber. »Obwohl wir vier genehmigt bekommen haben!«, versichert Frau Manteufel. Jetzt können sie das Haus des Nachbarn nur erspähen, wenn sie sich übers Balkongeländer beugen.
- Datum 31.07.2010 - 11:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.07.2010 Nr. 31
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Wenn man den Ort auf einer Karte erstmal gefunden hat, beantwortet sich auch die Frage, welche anderen langwierigen Hobbies die Einwohner sich denn sonst suchen sollen. Wobei ich den leichten Zugang zu Lebensmitteln höher bewerten würde. Das einzig Positive in diesem speziellen Fall dürfte wohl die Förderung einer strukturschwachen Region durch die entstehenden Kosten des Rechtsstreits und den Medienrummel sein. Denn andere Beispiele und ähnliche Fälle lassen sich auch leicht in zivilisierteren Gegenden wie Illertissen, St. Tönis oder Heinsberg finden. Wahrscheinlich wird nur die Abschaffung des Grundbesitzes für ein Ende der zahlreichen Streitereien unter Nachbarn sorgen.
MfG aus VLC
pta
Krank! Und zwar von Beiden Parteien!
Alle reden übereinander aber nicht miteinander.
Wer bezahlt eigentlich die späteren Kosten für die Heilbehandlungen?!
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