Wir kennen tausend Details. Aber im Grunde wissen wir nichts über den Fall Kachelmann , selbst nach Wochen intensiver Berichterstattung, auch in der ZEIT . Aussage steht gegen Aussage, Gutachten gegen Gutachten, und je ausführlicher über die angebliche Vergewaltigung einer Freundin des Moderators berichtet wird, desto dichter wird der Nebel der Halbwahrheiten und Vorverurteilungen. Doch geht es mittlerweile nicht mehr nur um zwei Menschen. Es geht auch um die Rechtskultur in Deutschland.

Ob der Wetteransager seine Geliebte wirklich vergewaltigt oder ob diese ihn falsch beschuldigt hat, um sich für sein vielfaches Fremdgehen zu rächen – das wird, wenn überhaupt, erst die Hauptverhandlung ans Licht bringen, die Anfang September in Mannheim beginnen soll. Und selbst dort wird es, sollte nicht einer der beiden Hauptbeteiligten seine Aussage spektakulär ändern, am Ende auf Wertungen ankommen. Auf Eindrücke der Richter. Auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Auf das Überwiegen von Zweifeln. Sogar penibel geführte Strafprozesse bringen nur Annäherungen an die Wahrheit hervor, nicht notwendig die Wahrheit selbst. Aber es gibt kein besseres, faireres Verfahren, über Schuld und Strafe zu entscheiden.

Nur: Zum Versprechen des Rechtsstaats gehört mehr als ein gerechtes Urteil. Es gehört dazu auch ein geordnetes und faires Verfahren. Im Fall Kachelmann aber erleben wir gerade das Gegenteil: ein Tribunal. Ein verstörendes, hysterisches Tribunal in der Öffentlichkeit, durch die Öffentlichkeit, für die Öffentlichkeit. Und, schlimmer noch: Lange bevor der Prozess beginnt, sind die Beteiligten schon bestraft . Ohne Urteil, ohne Strafprozessordnung, Revision unmöglich.

Lange bevor der Prozess beginnt, sind die Beteiligten schon bestraft

Jörg Kachelmann findet Details seines Sexuallebens ausgebreitet, die er freiwillig nicht einmal engsten Freunden anvertraut hätte. Das wird an ihm haften bleiben, ganz gleich, wie der Prozess ausgeht. Wohl nie wieder wird der Wetterplauderer Werbung für irgendetwas machen können. Und ob er ins Fernsehen zurückkäme, sollte er freigesprochen werden, ist völlig offen. Kein Wunder, dass der Medienprofi, kaum aus der U-Haft entlassen , auf allen Kanälen loslegte. Da kämpft ein Mann um seine Existenz.

Und das mutmaßliche Opfer? Soll sich schon vor der Anzeige gefragt haben, was über sie hereinbrechen würde, wenn sie Kachelmann beschuldigte. Sie wird ihre schlimmsten Albträume noch übertroffen gefunden haben. Jeder Vergewaltigungsprozess ist für das – vermeintliche oder tatsächliche – Opfer eine Tortur. Am Sonntagabend hat ein ehemaliger Staatsanwalt bei Anne Will gesagt, wenn er eine Tochter hätte, würde er ihr davon abraten, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Der Satz macht frösteln.