Rechtsstaat Bizarre Praktiken

Der Fall Kachelmann zeigt: Zu viel Öffentlichkeit schadet der Suche nach der Wahrheit.

Alle Objektive auf Jörg Kachelmann. Am 29. Juli wurde der Moderator aus der Untersuchungshaft entlassen. Im September beginnt der Prozess gegen ihn.

Alle Objektive auf Jörg Kachelmann. Am 29. Juli wurde der Moderator aus der Untersuchungshaft entlassen. Im September beginnt der Prozess gegen ihn.

Wir kennen tausend Details. Aber im Grunde wissen wir nichts über den Fall Kachelmann , selbst nach Wochen intensiver Berichterstattung, auch in der ZEIT . Aussage steht gegen Aussage, Gutachten gegen Gutachten, und je ausführlicher über die angebliche Vergewaltigung einer Freundin des Moderators berichtet wird, desto dichter wird der Nebel der Halbwahrheiten und Vorverurteilungen. Doch geht es mittlerweile nicht mehr nur um zwei Menschen. Es geht auch um die Rechtskultur in Deutschland.

Ob der Wetteransager seine Geliebte wirklich vergewaltigt oder ob diese ihn falsch beschuldigt hat, um sich für sein vielfaches Fremdgehen zu rächen – das wird, wenn überhaupt, erst die Hauptverhandlung ans Licht bringen, die Anfang September in Mannheim beginnen soll. Und selbst dort wird es, sollte nicht einer der beiden Hauptbeteiligten seine Aussage spektakulär ändern, am Ende auf Wertungen ankommen. Auf Eindrücke der Richter. Auf die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Auf das Überwiegen von Zweifeln. Sogar penibel geführte Strafprozesse bringen nur Annäherungen an die Wahrheit hervor, nicht notwendig die Wahrheit selbst. Aber es gibt kein besseres, faireres Verfahren, über Schuld und Strafe zu entscheiden.

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Nur: Zum Versprechen des Rechtsstaats gehört mehr als ein gerechtes Urteil. Es gehört dazu auch ein geordnetes und faires Verfahren. Im Fall Kachelmann aber erleben wir gerade das Gegenteil: ein Tribunal. Ein verstörendes, hysterisches Tribunal in der Öffentlichkeit, durch die Öffentlichkeit, für die Öffentlichkeit. Und, schlimmer noch: Lange bevor der Prozess beginnt, sind die Beteiligten schon bestraft . Ohne Urteil, ohne Strafprozessordnung, Revision unmöglich.

Lange bevor der Prozess beginnt, sind die Beteiligten schon bestraft

Jörg Kachelmann findet Details seines Sexuallebens ausgebreitet, die er freiwillig nicht einmal engsten Freunden anvertraut hätte. Das wird an ihm haften bleiben, ganz gleich, wie der Prozess ausgeht. Wohl nie wieder wird der Wetterplauderer Werbung für irgendetwas machen können. Und ob er ins Fernsehen zurückkäme, sollte er freigesprochen werden, ist völlig offen. Kein Wunder, dass der Medienprofi, kaum aus der U-Haft entlassen , auf allen Kanälen loslegte. Da kämpft ein Mann um seine Existenz.

Und das mutmaßliche Opfer? Soll sich schon vor der Anzeige gefragt haben, was über sie hereinbrechen würde, wenn sie Kachelmann beschuldigte. Sie wird ihre schlimmsten Albträume noch übertroffen gefunden haben. Jeder Vergewaltigungsprozess ist für das – vermeintliche oder tatsächliche – Opfer eine Tortur. Am Sonntagabend hat ein ehemaliger Staatsanwalt bei Anne Will gesagt, wenn er eine Tochter hätte, würde er ihr davon abraten, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Der Satz macht frösteln.

Leser-Kommentare
  1. Da hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen, korrekt muss es natürlich heissen "Aber sosehr die MEDIEN nach Klarheit giert, nach Schwarz und Weiß, nach Helden, Opfern und Tätern – die Justiz muss sich dem widersetzen". Das ist aber ein verständlicher Fehler, der einfach auf einem falschen Standpunkt beruht. (Vgl. dazu auch das gradezu satirische "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren ...")

  2. Kachelmann lädt Gutachter, der die Aussagen der Frau als unglaubwürdig einstuft, zum Espresso ein. Und der kommt auch noch. Naja, soviel zur Klarheit. Egal, wie der Fall juristisch ausgeht, für den Opferschutz bei Sexualverbrechen ist das keine Sternstunde.

  3. von seiten der beiden anwaelte als auch von herrn kachelmann, das mutmassliche opfer verkauft auch noch sein tagebuch (wie ich FOCUS entnehme), fuer mich ist das alles
    viel zu schillernd, am besten keinen prozess , alles einstellen wg. den vorlauten "storys" BEIDER beteiligten !

    • Tavros
    • 05.08.2010 um 12:31 Uhr

    Ich stolperte soeben über einen Kommentar an anderer Stelle:
    Lesen Sie das Buch von BIANCA LAMBLIN
    “Ich, Bianca Lamblin, habe entdeckt…”
    und Sie werden begreifen WER sich hier über Kachelmann ereifert.
    Lesen Sie über ihre besten Freunde, die sie in EMMA als “Vorbild für die Nachkriegsgeneration” und “Vorbild für uns alle” bezeichnete. (Zitat Ende)

    Ich habe daraufhin bei EMMA nachgesehen, und mußte erkennen welche Klientel das ist, die sich hier über Kachelmann her macht. Welche miese Tour läuft hier eigentlich ab? Welch eine Diffamierungskampange um offensichtliche Fehler anderer Instanzen zu verdecken.

    Wenn DAS das übliches handeln Staatlicher Institutionen und Einrichtngen sein soll- ja wer soll den dann noch Vertrauen aufbringen?

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs

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    Musste ja kommen beim Thema Sexualverbrechen. Um das vielleicht einmal aufzuklären: Die Todesstrafe ist in Deutschland grundgesetzlich verboten und dieser Artikel gehört auch zu den wenigen, die nicht geändert werden können. Mit Europarecht hat das auch nichts zu tun. Dass auch die ZEIT nicht bereit ist, beide Beteiligten als Justizopfer zu sehen und so der Instrumentalisierung dieses Falls durch von der Emanzipation enttäuschte Männer Vorschub leistet, ist traurig.

    Musste ja kommen beim Thema Sexualverbrechen. Um das vielleicht einmal aufzuklären: Die Todesstrafe ist in Deutschland grundgesetzlich verboten und dieser Artikel gehört auch zu den wenigen, die nicht geändert werden können. Mit Europarecht hat das auch nichts zu tun. Dass auch die ZEIT nicht bereit ist, beide Beteiligten als Justizopfer zu sehen und so der Instrumentalisierung dieses Falls durch von der Emanzipation enttäuschte Männer Vorschub leistet, ist traurig.

    • Timo K
    • 05.08.2010 um 12:57 Uhr

    Egal ob Will oder Schwarzer, egal Redakteur oder Forist, dass wir geistig auf dem Niveau der nachmittäglichen Gerichtsshows sind.

    Alle die ich vergessen habe, können sich trotzdem gerne angesprochen fühlen

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    • fanta4
    • 05.08.2010 um 13:47 Uhr

    Der kulturelle und intellektuelle Abschwung macht auch vor der Justiz nicht halt.
    Und so schreitet die Entkultivierung auf breitester Front weiter voran.

    Ob Kachelmann, oder Brunner, oder... Die Meute brüllt: Hängt ihn höher. Wer am Ende hängt ist wurscht, Hauptsache die Show stimmt.

    Früher konnte man das verblöden der Herrschenden durch Inzucht erklären. Das kann man heute nicht mehr als Argument heranziehen (nehme ich mal an).

    Wie erklärt sich heute die Verblödung der Gesellschaft?

    • fanta4
    • 05.08.2010 um 13:47 Uhr

    Der kulturelle und intellektuelle Abschwung macht auch vor der Justiz nicht halt.
    Und so schreitet die Entkultivierung auf breitester Front weiter voran.

    Ob Kachelmann, oder Brunner, oder... Die Meute brüllt: Hängt ihn höher. Wer am Ende hängt ist wurscht, Hauptsache die Show stimmt.

    Früher konnte man das verblöden der Herrschenden durch Inzucht erklären. Das kann man heute nicht mehr als Argument heranziehen (nehme ich mal an).

    Wie erklärt sich heute die Verblödung der Gesellschaft?

  4. ich weiss nun ja nicht, welche/r journalistin der zeit sich hier empört...
    andere pressekollegInnen (im unten zitierten artikel die frankfurter rundschau)hatten das thema bereits vorher aufgegriffen...und eine gerichtsreporterin der zeit kommt da gar nicht gut weg dabei...:

    http://www.fr-online.de/p...

    wie wäre es in dem zusammenhang mal mit etwas selbstkritik im stile von:
    "WIR (die medien), auch die ZEIT...."?

    vergessen sollte man auch keinesfalls, daß es statistiken gibt, die deutlich machne, daß die meisten gewalttäter und vergewaltiger damit davon kommen...sprich der "bonus" i.d. regel erst mal auf seiten der täter liegt.
    nicht wegen der sehr anstrengenden und beschämenden prozeße würde ich meinen töchtern in ähnlichem falle davon abraten, eine anzeige zu erstatten...sondern weil es i.d. regel nichts nutzt, sich dem aus zu setzen...die meisten täter kommen wie gesagt davon, oder mit einem "blauen auge davon..."

  5. ... mit einer freiwilligen Beschränkung: Die ZEIT verzichtet freiwillig auf jegliche Berichterstattung im Fall Kachelmann bis nach der Urteilsverkündung. Das wäre doch einmal ein Zeichen im Sinne dieses (heuchlerischen)Artikels.

  6. oooo danke, morchel
    PRIMA VORSCHLAG!!!
    *applaudier*

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