Rechtsstaat Bizarre PraktikenSeite 2/2
All das aber ist kein Naturgesetz. Der Fall Kachelmann ist nur der jüngste Beleg für eine Entwicklung, die sich seit Jahren beschleunigt. Diese Entwicklung als »Medialisierung« des Strafprozesses zu beschreiben klingt fast zu harmlos. Was da geschieht, ähnelt eher einer Kernschmelze der Verfahrenskultur. Als habe das Gemisch aus Sex, Verbrechen, Prominenz und Liveberichterstattung etwas Radioaktives, zerfallen Konventionen, verändern sich Institutionen. Mit immer härteren Methoden wird in spektakulären Fällen schon lange vor dem Prozess um das Urteil der Öffentlichkeit gerungen.
Alle machen dabei mit – die Medien, mit potenziell desaströsen Folgen für die Unbefangenheit der Richter; viele Anwälte, die mit strategisch kalkulierten Indiskretionen Journalisten zu beeinflussen suchen. Das vielleicht Bedrohlichste aber ist, dass sich zusehends auch die Ankläger ins mediale Getümmel stürzen. Mit Durchstechereien. Mit kaum verhüllten Presseinformationen über intime Details Verdächtiger (wie im Fall der HIV-infizierten No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa). Mit Verhaftungen Verdächtiger vor laufenden Kameras (wie im Fall des damaligen Postchefs Klaus Zumwinkel). Mit beinahe reflexartigen Kommentaren zu allen Entlastungsversuchen eines Verdächtigen (wie im Fall des SPD-Abgeordneten Jörg Tauss).
Sicher, zurückdrehen lässt sich diese Entwicklung nicht. Aber sosehr die Öffentlichkeit nach Klarheit giert, nach Schwarz und Weiß, nach Helden, Opfern und Tätern – die Justiz muss sich dem widersetzen. Die Staatsanwälte sind die Fachleute für Zweifel, ihr Beruf ist es, schnelle Antworten zu verweigern. Sie haben »nicht nur die zur Belastung, sondern auch die zur Entlastung dienenden Umstände zu ermitteln«. So steht es explizit im Gesetz. Und das heißt auch: Sie müssen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit jeden Hauch von Parteilichkeit vermeiden.
Für die Medien mag das manchmal langweilig sein, für die Staatsanwälte mitunter frustrierend. Aber das ist ihr Beruf. Ihre Bühne ist nicht die Pressekonferenz, sondern der Gerichtssaal. Sie müssen keine mediale »Schlacht« gegen die Verteidiger gewinnen, sondern ihren Job machen: Beweise zusammentragen, geduldig und objektiv. Und dann anklagen. Oder einstellen.
Das Vertrauen in den Rechtsstaat, der in Deutschland außerordentlich gut funktioniert, wächst vor allem aus dem Vertrauen in die Umsicht, Besonnenheit und Integrität der Richter und Staatsanwälte. Wenn dieses Vertrauen leidet, dann steht weit mehr auf dem Spiel als das Schicksal zweier Menschen, von denen wir vielleicht nie erfahren werden, was sie einander angetan haben.
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- Datum 05.08.2010 - 14:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
- Kommentare 42
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Da hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen, korrekt muss es natürlich heissen "Aber sosehr die MEDIEN nach Klarheit giert, nach Schwarz und Weiß, nach Helden, Opfern und Tätern – die Justiz muss sich dem widersetzen". Das ist aber ein verständlicher Fehler, der einfach auf einem falschen Standpunkt beruht. (Vgl. dazu auch das gradezu satirische "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren ...")
Kachelmann lädt Gutachter, der die Aussagen der Frau als unglaubwürdig einstuft, zum Espresso ein. Und der kommt auch noch. Naja, soviel zur Klarheit. Egal, wie der Fall juristisch ausgeht, für den Opferschutz bei Sexualverbrechen ist das keine Sternstunde.
von seiten der beiden anwaelte als auch von herrn kachelmann, das mutmassliche opfer verkauft auch noch sein tagebuch (wie ich FOCUS entnehme), fuer mich ist das alles
viel zu schillernd, am besten keinen prozess , alles einstellen wg. den vorlauten "storys" BEIDER beteiligten !
Ich stolperte soeben über einen Kommentar an anderer Stelle:
Lesen Sie das Buch von BIANCA LAMBLIN
“Ich, Bianca Lamblin, habe entdeckt…”
und Sie werden begreifen WER sich hier über Kachelmann ereifert.
Lesen Sie über ihre besten Freunde, die sie in EMMA als “Vorbild für die Nachkriegsgeneration” und “Vorbild für uns alle” bezeichnete. (Zitat Ende)
Ich habe daraufhin bei EMMA nachgesehen, und mußte erkennen welche Klientel das ist, die sich hier über Kachelmann her macht. Welche miese Tour läuft hier eigentlich ab? Welch eine Diffamierungskampange um offensichtliche Fehler anderer Instanzen zu verdecken.
Wenn DAS das übliches handeln Staatlicher Institutionen und Einrichtngen sein soll- ja wer soll den dann noch Vertrauen aufbringen?
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs
Musste ja kommen beim Thema Sexualverbrechen. Um das vielleicht einmal aufzuklären: Die Todesstrafe ist in Deutschland grundgesetzlich verboten und dieser Artikel gehört auch zu den wenigen, die nicht geändert werden können. Mit Europarecht hat das auch nichts zu tun. Dass auch die ZEIT nicht bereit ist, beide Beteiligten als Justizopfer zu sehen und so der Instrumentalisierung dieses Falls durch von der Emanzipation enttäuschte Männer Vorschub leistet, ist traurig.
Musste ja kommen beim Thema Sexualverbrechen. Um das vielleicht einmal aufzuklären: Die Todesstrafe ist in Deutschland grundgesetzlich verboten und dieser Artikel gehört auch zu den wenigen, die nicht geändert werden können. Mit Europarecht hat das auch nichts zu tun. Dass auch die ZEIT nicht bereit ist, beide Beteiligten als Justizopfer zu sehen und so der Instrumentalisierung dieses Falls durch von der Emanzipation enttäuschte Männer Vorschub leistet, ist traurig.
Egal ob Will oder Schwarzer, egal Redakteur oder Forist, dass wir geistig auf dem Niveau der nachmittäglichen Gerichtsshows sind.
Alle die ich vergessen habe, können sich trotzdem gerne angesprochen fühlen
Der kulturelle und intellektuelle Abschwung macht auch vor der Justiz nicht halt.
Und so schreitet die Entkultivierung auf breitester Front weiter voran.
Ob Kachelmann, oder Brunner, oder... Die Meute brüllt: Hängt ihn höher. Wer am Ende hängt ist wurscht, Hauptsache die Show stimmt.
Früher konnte man das verblöden der Herrschenden durch Inzucht erklären. Das kann man heute nicht mehr als Argument heranziehen (nehme ich mal an).
Wie erklärt sich heute die Verblödung der Gesellschaft?
Der kulturelle und intellektuelle Abschwung macht auch vor der Justiz nicht halt.
Und so schreitet die Entkultivierung auf breitester Front weiter voran.
Ob Kachelmann, oder Brunner, oder... Die Meute brüllt: Hängt ihn höher. Wer am Ende hängt ist wurscht, Hauptsache die Show stimmt.
Früher konnte man das verblöden der Herrschenden durch Inzucht erklären. Das kann man heute nicht mehr als Argument heranziehen (nehme ich mal an).
Wie erklärt sich heute die Verblödung der Gesellschaft?
ich weiss nun ja nicht, welche/r journalistin der zeit sich hier empört...
andere pressekollegInnen (im unten zitierten artikel die frankfurter rundschau)hatten das thema bereits vorher aufgegriffen...und eine gerichtsreporterin der zeit kommt da gar nicht gut weg dabei...:
http://www.fr-online.de/p...
wie wäre es in dem zusammenhang mal mit etwas selbstkritik im stile von:
"WIR (die medien), auch die ZEIT...."?
vergessen sollte man auch keinesfalls, daß es statistiken gibt, die deutlich machne, daß die meisten gewalttäter und vergewaltiger damit davon kommen...sprich der "bonus" i.d. regel erst mal auf seiten der täter liegt.
nicht wegen der sehr anstrengenden und beschämenden prozeße würde ich meinen töchtern in ähnlichem falle davon abraten, eine anzeige zu erstatten...sondern weil es i.d. regel nichts nutzt, sich dem aus zu setzen...die meisten täter kommen wie gesagt davon, oder mit einem "blauen auge davon..."
... mit einer freiwilligen Beschränkung: Die ZEIT verzichtet freiwillig auf jegliche Berichterstattung im Fall Kachelmann bis nach der Urteilsverkündung. Das wäre doch einmal ein Zeichen im Sinne dieses (heuchlerischen)Artikels.
oooo danke, morchel
PRIMA VORSCHLAG!!!
*applaudier*
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