Unternehmensgründung Ideensammler aus PassionSeite 3/3
ZEIT: Wie bedeutend sind die technologieintensiven Firmengründungen in Österreich? Man spricht ja eher von neuen Restaurants und Weingütern und weniger von neuen Technologiefirmen. Sind diese Start-ups in diesem Bereich bereits ein relevanter Wirtschaftsfaktor?
Reichl: Ja, das hat sogar eine beträchtliche Bedeutung. Allein im Internetbereich kenne ich sehr viele Start-ups, ebenfalls in der Biotechnologie, und ich kenne längst nicht alle. Aber Österreich ist von der Investitionskultur her ein typisches Maschinenbauland. In diesem Bereich bin ich an einer tollen Solartechnikfirma beteiligt. Mit dieser wird es möglich sein, auf dem Meer schwimmende Solarkraftwerke zu bauen. So etwas gab es bisher nicht.
ZEIT: Aber haben die großen Labors der klassischen Industriebranchen – etwa Metall, Maschinen, Elektronik – nicht eine enorme Bedeutung für den Entwicklungsstandort?
Reichl: Jein. Mit Maschinenbau meine ich nicht unbedingt die Entwicklung neuer Maschinen. Da gibt es viele Zulieferbetriebe, etwa für Sensoren oder Aktuatoren, also kleine Stellmotoren, die benötigt man sowohl in der Produktion als auch in der Energietechnik. Da gibt es sehr viel im Land. Schauen Sie sich einmal die Innovations- und Forschungsparks rund um Linz und in Wien an.
ZEIT: Kann Österreich damit international bestehen?
Reichl: Ich glaube, dass wir in der Biotechnologie in Wien schon besser sind als etwa München. Vier Biotech-Unternehmen planen mittelfristig einen Börsengang, es ziehen Wissenschaftler aus dem Ausland zu. Beim Internet haben wir im Vergleich zu anderen Weltregionen zwar gute Ideen, die wir im Web 2.0 auch international vermarkten können, aber keine Investitionskultur wie etwa im Silicon Valley. Vielversprechende Start-ups werden deshalb von Venture-Capital-Firmen oft nach London oder in die USA gezogen. Andererseits hilft Österreich die Affinität zu dieser Region, vor allem aber die geografische Nähe zu den Programmierern im Osten. Der Zuzug dieser Ungarn, Serben, Rumänen oder Bulgaren kompensiert zum Teil die mangelnde Technikorientierung der jungen Österreicher. Und im Umfeld des Maschinenbaus, also etwa bei der Sensortechnik, ist die Uni Linz international führend, aber auch Graz.
ZEIT: Sie haben für Roland Berger eine Reihe von Tochterfirmen in Osteuropa aufgebaut, zuletzt eine in Moskau. Österreich hat sich mit der Ostöffnung recht gut entwickelt, kann es diese Position auch halten?
Reichl: Österreich hat es hervorragend verstanden, in ganz Osteuropa aktiv zu sein, quasi wie in einem erweiterten Heimmarkt. Aber inzwischen sind einige Länder flügge geworden, etwa Polen oder Tschechien, die mittlerweile klar als Wettbewerber auftreten. Österreich wird aber seine Bedeutung für den Südosten behalten, teilweise in Ungarn, auf jeden Fall in den Ländern Exjugoslawiens und auch in Rumänien oder Bulgarien. Dort gibt es weiterhin viel Wachstumspotenzial. Der Dämpfer durch die Krise wird nicht allzu lange anhalten.
ZEIT: Was sind nun die Aufgaben der Wirtschaftspolitik? Die Diskussion schwankt ja zwischen Resignation angesichts der krisenbehafteten Weltwirtschaft und starken Worten der Politiker. Wie groß sind die Spielräume tatsächlich?
Reichl: Wirtschaftspolitik in einem kleinen Land wie Österreich ist in Wahrheit Regionalpolitik, quasi Ansiedlungs- und Standortpolitik. Das Wichtigste ist, dass sie eine aktive und offensive Immigrationspolitik macht und dass sie offen für Europa ist. Denn die großen Herausforderungen sind nicht, ob man jetzt etwas in Hamburg, Bratislava oder Wien ansiedelt, sondern dass wir in Gesamteuropa längerfristig gegenüber China wettbewerbsfähig sind. Damit meine ich für die nächsten 30, 40, 50 Jahre. Wir können nur glücklich sein, wenn auch Italien, Deutschland und die Slowakei wachsen. Aber am Beispiel Biotechnologie sieht man, dass regionale Wirtschaftspolitik durchaus erfolgreich sein kann. Diesen Sektor hat Österreich bisher gut stimuliert – auch in den kleineren Universitätsstädten gibt es sehr gute Ansätze, in Linz die Sensorik, in Graz die Kfz-Technologie oder in Innsbruck rund um die Medizin.
Das Gespräch führte Reinhard Engel
- Datum 06.08.2010 - 11:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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