Sophie Hunger in Salzburg Ich weiß: Das ist gewaltig!

Die Schweizer Sängerin Sophie Hunger besuchte die Salzburger Festspiele und wurde von all den Superlativen erschlagen

Sophie Hunger in Salzburg: »Darf ich es überhaupt wagen, einen Eindruck zu haben?«

Sophie Hunger in Salzburg: »Darf ich es überhaupt wagen, einen Eindruck zu haben?«

Sehr geehrter Thomas Bernhard,

ich gebe zu, dass ich mit Ihrer Literatur nicht sehr vertraut bin. Aber ich habe gehört, dass Sie zu der »Spitzenspitze« der österreichischen Literatur gezählt werden. Und genau dies trifft sich vortrefflich mit den Anforderungen meiner misslichen Lage. Hinter mir liegt ein Besuch der Salzburger Festspiele. Nur, wem könnte ich davon bloß erzählen? Es kann ja überhaupt nur ein höchst ausgewählter, prädestinierter Teil der Menschheit überhaupt zu den Eingeweihten dieser Festspiele gezählt werden. Sie gehören dazu. Auch ist dabei hilfreich, dass Sie, Herr Bernhard, tot sind. Denn es ist sinnlos und nicht vorgesehen, über die Salzburger Festspiele zu debattieren, sie sind in sich vollkommen.

Ich erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Sophokles Hunger, ich wurde 1983 geboren, habe demnach weder einen Weltkrieg noch irgendeine vergleichbare gesellschaftliche Katastrophe erlebt. Wurde in einem mitteleuropäischen, hochalpinen (Sie denken jetzt gewiss: »unerträglich stumpfsinnigen«), demokratischen (Sie denken jetzt: »der Diktatur der Masse ausgelieferten«) Land in eine sogenannte bürgerliche Familie hineingeboren. Als Kind wurde ich zum Klavierunterricht gezwungen, von dem ich nach Beherrschung des ersten Satzes von Beethovens Mondscheinsonate freigesprochen wurde. Sie bemerken, ich kenne den Namen Beethoven. Auch Mozart und Bach sind mir bekannt, wie auch Carl Maria von Weber und viele andere klingende Namen, die ich vom Komponisten-Spielkartenquartett meiner Mutter ablas.

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Ich wurde von den Eltern für die Lektüre europäischer Literatur gelobt, nicht für das Schauen von Fernsehen, was ich aber in ihrer Abwesenheit leidenschaftlich tat und das sich zu einer veritablen Sucht entwickelte. Verbrachte meine Nachmittage mit Al Bundy, dem A-Team und Baywatch (alles amerikanische Fernsehserien, die zu schauen für Sie unerträglich wäre).

Zeitgleich praktizierte meine Familie regelmäßigen international ausgelegten Wohnsitzwechsel – mein Vater ist Bienenforscher –, in dessen Folge ich sozial vereinsamte (nicht ohne heroischen Beigeschmack) und in mir ein paranoides, antiautoritäres Lebensgefühl entfacht wurde. Parallel dazu wurde ich außerordentlich religiös, da dies meiner Neigung zu Sentimentalität und Absolutismus entsprach. Mit 21 Jahren verschwand ich im Nebel meiner diversen idées fixes – ein Ausdruck, den ich soeben in Salzburg aufgelesen habe. Mithilfe der modernen Schulmedizin und der Psychoanalyse wurde ich allerdings wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt.

Ich bin also, wie Sie sehen, in guten wie in schlechten Zeiten ein Produkt der europäischen Kultur und kann, auch unter Anwendung größter Anstrengung, nicht aus ihr ausbrechen. Dennoch, lieber Thomas Bernhard, befürchte ich, dass ich nicht im Geringsten befähigt bin, wie ein Kritiker hier aufzutreten.

Nein, ich will ganz ehrlich mit Ihnen sein: Ich war gar nicht qualifiziert, an den Salzburger Festspielen teilzunehmen. Gar nicht qualifiziert, über sie nachzudenken. Man hat mich dort ausgesetzt. Es ist mir auch unklar, ob ich es überhaupt wagen darf, einen Eindruck zu haben. Ich habe nicht die geringste Kompetenz vorzuweisen, außer der, dass ich ein Mensch bin. 

Leser-Kommentare
    • dapeda
    • 05.08.2010 um 15:59 Uhr

    Frau Hunger, ich verehre Sie. Fast wäre ich geneigt zu sagen: ich liebe Sie! - aber das wäre dann doch zuviel angesichts der Tatsache, dass ich von Ihnen nicht mehr weiß als Ihre Platten gehört und diesen Artikel gelesen zu haben.

  1. Liebe Sophie Hunger,

    täusche ich mich, oder lassen sich die vier Seiten dieses sprachlich sehr versiert geschriebenen Artikels mit durchaus literarischen Qualitäten in ein paar Worten zusammenfassen: "Oh (Jeder)Mann, was für ein abgehobenes, großkotziges Spektakel!"?

    Falls ja, dann kann ich dem durchaus zustimmen. Ich sehe die Kunstwelt zunehmend in eine Richtung abdriften, in der geniale und skrupellose Selbstdarsteller den progressiven Rebellen mimen, sich in Wahrheit aber willfährig wie die Puppen im Marionettentheater an den Fäden finanzstarker Sponsoren führen lassen. Und wer beißt schon die Hand dessen, der ihn füttert? Wo bleibt E.V.'s Werk: "Der dressierte Künstler"?

    Des weiteren schlage ich vor, dass auf dem Domplatz nicht mehr der Jedermann, sondern das Märchen "Des Kaisers neue Kleider" aufgeführt wird, ich sehe da eindeutig mehr Parallelen zum gegenwärtigen Gebaren in unserer Gesellschaft.
    Die liebe Sophie könnte ja die Rolle des Mädchens übernehmen, das zum Schluss laut die Wahrheit ausspricht. Bitte dann aber etwas klarer und direkter, und die Namen nicht nur zu Initialen verkürzt, sonst wird das Publikum überfordert. :)

    Ich bitte bei der Einschätzung meiner Zeilen zu berücksichtigen, dass ich selbst bildender Künstler bin und Salzburg ein Skulpturenprojekt von mir gnadenlos abgeschmettert hat. Saure Trauben, etc...

    An meinen eigenen selbstdarstellerischen Fähigkeiten werde ich also sicherlich noch arbeiten müssen ... irgendwann mal...

    • Schnel
    • 06.08.2010 um 9:39 Uhr
    3. Liebe

    "Sophokles" Hunger, so zart, skuril und eigen Ihre Musik, so liest sich dieser Text. Humorvoll, irritierend, poetisch.

    Über die Salzburger Festspiele habe ich mangels eigener Erfahrung keine Meinung. Von der Außenwahrnehmung her könnte ich mir auch großes Amusement über das Gegockele der wichtig Wichtigen vor Ort vorstellen.

    Von der wunderbaren Sophie wünsche ich mir was immer sie zu geben bereit ist. Musik, Literatur, Schauspiel, immer inspirierend.

  2. ... ich habe - leicht indigniert - in Ihrem Brief herumgelesen, und überlege mir nun, ob eine naive Darstellung von Klischees tatsächlich so überdreht werden kann, dass KUNST daraus wird? Von "Journalismus" wollen wir lieber gar nicht schreiben, dazu wäre ja ein Realitätsbezug erforderlich... aber warum sind Sie eigentlich nach Salzburg gekommen?

    Als Mercedes-fahrender Autonarr - ich fahre auch noch einen Suzuki-Geländewagen, für Bergtouren - und als Kenner der Szene muß ich Sie übrigens energisch korrigieren: es ist nicht, wie Sie schreiben "Mercedes, Mercedes, Mercedes" bei den Festspielen, sondern "Audi, Audi, Audi", weil nämlich die Familie Porsche, der diese Marke sozusagen gehört, aus dem Salzburger Raum stammt, und Audi deshalb die Festspiele unterstützt, und eine Flotte von 50 Audis der Spitzenklasse für Transporte während der Festspielzeit zur Verfügung stellen lässt. (Also: das Runde mit dem Eckigen drin, das ist der Mercedes - und das mit nur rund, das ist der Audi)

    Trotzdem: Sie sind und Sie bleiben eine hervorragende Sängerin... und der Text ist da ja meist schon vorgegeben - machen Sie sich also keine Sorgen, wegen dem Schreiben.

    - ungewöhnlich milde gestimmt verbleibe ich somit ganz der Ihre

    Th.B.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Geschätzte Sophie Hunger!

    Ich habe mich über Ihren, mit brillantem Wortwitz geschriebenen Beitrag soeben köstlich amüsiert, und ja, sie sprechen mir aus der Seele.
    Das Tamtam, welches alljährlich um die Salzburger Fest(?)spiele gemacht wird, ist fast schon obszön, und noch bedenklicher sind die großen Summen, die von öffentlicher Hand nach Salzburg gepumpt werden. Diese Gelder gehen dem vernünftigen Kulturbetrieb in Österreich leider ab, nur ein winziger Prozentsatz hätte z.b. das beschämende AUS des Vienna Art Orchestras verhindert. Aber solange sich die sogenannten „Eliten” in Champagnerlaune auf dem Salzburger Laufsteg der kulturellen Eitelkeiten selbst feiern, und auch noch medial Beachtung finden, kann vermutlich nicht einmal ein Atombombenangriff die Mozartstadt erschüttern.

    herzliche Grüße in die Schweiz

    Dietmar Haslinger / www.weltenklang.at

    Geschätzte Sophie Hunger!

    Ich habe mich über Ihren, mit brillantem Wortwitz geschriebenen Beitrag soeben köstlich amüsiert, und ja, sie sprechen mir aus der Seele.
    Das Tamtam, welches alljährlich um die Salzburger Fest(?)spiele gemacht wird, ist fast schon obszön, und noch bedenklicher sind die großen Summen, die von öffentlicher Hand nach Salzburg gepumpt werden. Diese Gelder gehen dem vernünftigen Kulturbetrieb in Österreich leider ab, nur ein winziger Prozentsatz hätte z.b. das beschämende AUS des Vienna Art Orchestras verhindert. Aber solange sich die sogenannten „Eliten” in Champagnerlaune auf dem Salzburger Laufsteg der kulturellen Eitelkeiten selbst feiern, und auch noch medial Beachtung finden, kann vermutlich nicht einmal ein Atombombenangriff die Mozartstadt erschüttern.

    herzliche Grüße in die Schweiz

    Dietmar Haslinger / www.weltenklang.at

  3. Geschätzte Sophie Hunger!

    Ich habe mich über Ihren, mit brillantem Wortwitz geschriebenen Beitrag soeben köstlich amüsiert, und ja, sie sprechen mir aus der Seele.
    Das Tamtam, welches alljährlich um die Salzburger Fest(?)spiele gemacht wird, ist fast schon obszön, und noch bedenklicher sind die großen Summen, die von öffentlicher Hand nach Salzburg gepumpt werden. Diese Gelder gehen dem vernünftigen Kulturbetrieb in Österreich leider ab, nur ein winziger Prozentsatz hätte z.b. das beschämende AUS des Vienna Art Orchestras verhindert. Aber solange sich die sogenannten „Eliten” in Champagnerlaune auf dem Salzburger Laufsteg der kulturellen Eitelkeiten selbst feiern, und auch noch medial Beachtung finden, kann vermutlich nicht einmal ein Atombombenangriff die Mozartstadt erschüttern.

    herzliche Grüße in die Schweiz

    Dietmar Haslinger / www.weltenklang.at

  4. Entfernt. Äußern Sie Ihre Kritik bitte respektvoller. Danke. Die Redaktion/sh

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    Tut mir leid, ich wollte nicht respektlos erscheinen, nur ein bißchen gut gewürzte Kritik loswerden. Na gut, sagen wir einfach, ich finde die Wortwahl nicht so brillant, eher aufgesetzt und manieriert, und Thomas Bernhard hätte vermutlich dasselbe gedacht. Und mit respektvoller Kritik hatte er es ja auch nicht so ;)

    Ich verstehe das Konzept der ZEIT, auch "branchenfremde" Nicht-Journalisten schreiben zu lassen, durchaus: es ist, ehrlich gesagt, einer der Gründe, warum ich Abonnent bin.

    Trotzdem finde ich, daß die Redaktion im Fall der Frau Hunger die Autorin etwas zu sehr in Watte packen will.
    Jedenfalls fand ich die durchaus treffende Kritik von "wilhelmer", die ich noch lesen durfte, bevor sie von der ZEIT zensiert wurde, eigentlich respektvoll genug.

    DENN: wer austeilt - und das tut die Frau Hunger, trotz lyrischer Oberfläche, in ihrem Beitrag ja nicht schlecht - der muß auch einstecken können! Und, wer gut singt, kann deshalb noch lange nicht gut schreiben - haben Sie mal MOZART gelesen? und war's literarisch wertvoll...? Eben! - und mehr Respekt als Herr Mozart verdient, mit Verlaub, Frau Hunger trotz ihres hohen musikalischen Könnens, auch nicht.

    ... und wenn Sie diesen Beitrag a u c h zensieren, dann haben Sie mich als Leser verloren... ich wollte eine nämlich liberale Zeitung abonnieren.

    Tut mir leid, ich wollte nicht respektlos erscheinen, nur ein bißchen gut gewürzte Kritik loswerden. Na gut, sagen wir einfach, ich finde die Wortwahl nicht so brillant, eher aufgesetzt und manieriert, und Thomas Bernhard hätte vermutlich dasselbe gedacht. Und mit respektvoller Kritik hatte er es ja auch nicht so ;)

    Ich verstehe das Konzept der ZEIT, auch "branchenfremde" Nicht-Journalisten schreiben zu lassen, durchaus: es ist, ehrlich gesagt, einer der Gründe, warum ich Abonnent bin.

    Trotzdem finde ich, daß die Redaktion im Fall der Frau Hunger die Autorin etwas zu sehr in Watte packen will.
    Jedenfalls fand ich die durchaus treffende Kritik von "wilhelmer", die ich noch lesen durfte, bevor sie von der ZEIT zensiert wurde, eigentlich respektvoll genug.

    DENN: wer austeilt - und das tut die Frau Hunger, trotz lyrischer Oberfläche, in ihrem Beitrag ja nicht schlecht - der muß auch einstecken können! Und, wer gut singt, kann deshalb noch lange nicht gut schreiben - haben Sie mal MOZART gelesen? und war's literarisch wertvoll...? Eben! - und mehr Respekt als Herr Mozart verdient, mit Verlaub, Frau Hunger trotz ihres hohen musikalischen Könnens, auch nicht.

    ... und wenn Sie diesen Beitrag a u c h zensieren, dann haben Sie mich als Leser verloren... ich wollte eine nämlich liberale Zeitung abonnieren.

  5. Tut mir leid, ich wollte nicht respektlos erscheinen, nur ein bißchen gut gewürzte Kritik loswerden. Na gut, sagen wir einfach, ich finde die Wortwahl nicht so brillant, eher aufgesetzt und manieriert, und Thomas Bernhard hätte vermutlich dasselbe gedacht. Und mit respektvoller Kritik hatte er es ja auch nicht so ;)

    Antwort auf "Hülsenfrüchte"
  6. Ich verstehe das Konzept der ZEIT, auch "branchenfremde" Nicht-Journalisten schreiben zu lassen, durchaus: es ist, ehrlich gesagt, einer der Gründe, warum ich Abonnent bin.

    Trotzdem finde ich, daß die Redaktion im Fall der Frau Hunger die Autorin etwas zu sehr in Watte packen will.
    Jedenfalls fand ich die durchaus treffende Kritik von "wilhelmer", die ich noch lesen durfte, bevor sie von der ZEIT zensiert wurde, eigentlich respektvoll genug.

    DENN: wer austeilt - und das tut die Frau Hunger, trotz lyrischer Oberfläche, in ihrem Beitrag ja nicht schlecht - der muß auch einstecken können! Und, wer gut singt, kann deshalb noch lange nicht gut schreiben - haben Sie mal MOZART gelesen? und war's literarisch wertvoll...? Eben! - und mehr Respekt als Herr Mozart verdient, mit Verlaub, Frau Hunger trotz ihres hohen musikalischen Könnens, auch nicht.

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