Urlaubslektüre Ich lese, also bin ich Mensch
Was uns die Politiker mit der Auswahl ihrer Urlaubslektüre sagen wollen
Machen Bücher auch Politik, wenn Politiker in Urlaub sind? Machen dann die Urlaubslektüren Politik? Oder, so wäre zu vermuten, versuchen Politiker selbst noch durch die Wahl ihrer Urlaubsbücher Politik zu machen?
Man kann das ganz melancholisch sehen, nach dem Motto: Selbst bei der Auswahl ihrer Strandlektüre achten Politiker nicht mehr darauf, ob es ihnen gefällt, sondern ob es den Leuten gefallen könnte. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte vergangenes Jahr die Latte für den Begriff der Entspannungslektüre recht hoch gelegt, als er mitteilte, dass er im Urlaub Platons Politeia lese, und zwar im griechischen Original. Vermutlich dachte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer lange darüber nach, wie er diese Herausforderung noch einmal toppen könnte. Und so antwortete er jetzt allen Ernstes, er nehme sich als »besondere Urlaubslektüre« ins Altmühltal den Landeshaushalt mit. Herzliches Beileid!
Auch die meisten anderen Politiker halten es, wie sie in einer Umfrage des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mitteilten, für geboten, Lektüre auszuwählen, in der sich die Finanzkrise deutlich niederschlägt. Ganz vorne dabei ist, etwa beim rheinland-pfälzischen Landesvater Kurt Beck (SPD) und Justizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP), Susanne Schmidts Markt ohne Moral – das Versagen der internationalen Finanzelite. Gerne genommen auch Paul Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise. Ob die Politiker bei ihrer Lektüre die Finanzkrise auch an ihrem griechischen Originalschauplatz studieren wollen, ist nicht bekannt.
Man könnte zudem, wenn man weiter melancholisch gestimmt ist, einwenden, dass Bücher über die Krise des Kapitalismus in derartigen Umfragen auch schon vor zwei oder drei Jahren angeblich zu den wichtigsten Strandlektüren unserer Politiker und unserer Wirtschaftslenker gehört hatten, es damals aber offenbar noch keine Zeit gab, sie auch zu lesen. So ging dann leider mit den Politikern auch die Wirtschaft baden.
Strategische Positionierung via Urlaubslektüre geht so: Hannelore Kraft, die neue Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens (SPD), teilt nicht nur mit, dass sie Tommy Jauds Bestseller Hummeldumm lesen wird (= ich bin nah am Puls der Zeit), eine launige Geschichte (= ich habe Humor) über die kleinen Katastrophen (= ich habe Sinn für Menschliches) einer Busreisegruppe (= ich weiß, wie die kleinen Leute verreisen). Kraft gelingt es darüber hinaus, auch mit der Wahl des Lektüreorts ein sozialdemokratisches Regierungsprogramm abzugeben: »Wie jeden Sommer werde ich mit meiner Familie zur Familienfreizeit in die Sportschule des Sportbundes NRW ins Sauerland reisen. Dort lese ich in der Mittagspause.« Warum, so fragt sich der unbefangene Leser, hat Hannelore Kraft selbst im Urlaub nur in der Mittagspause Zeit, ein Buch zu lesen? Ist das Wort Mittagspause während eines Urlaubes überhaupt im Dienst? Auch darüber könnte man fast schon wieder melancholisch werden.
Es gibt, das sei zur Beruhigung gesagt, andere Politiker, die offenbar den festen Beschluss gefasst haben, im August Urlaub vom politischen Irrsinn zu machen. Darauf deuten die Strandlektüren von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles (Bastienne Voss, Drei Irre unterm Flachdach) und FDP-Mann Wolfgang Kubicki (Tom Sharpe, Lauter Irre) hin. Auch ansonsten offenbart die Querlektüre der Urlaubsumfrage irre Parallelen: Sigmar Gabriel (SPD), Ilse Aigner (CSU) und Dietmar Bartsch (Die Linke) lesen in diesen Minuten in ihrer Mittagspause Vergebung von Stieg Larsson. Die Vermutung, dass sich die Pole ganz rechts und ganz links auf dem politischen Spektrum in Wahrheit bereits maximal angenähert haben, scheint auch von Markus Söder (CSU) und Hans-Christian Ströbele (Grüne) bestätigt zu werden. Beide lesen in diesen Tagen Frank Schätzings Der Schwarm. Eventuell ist aber bereits dieser Zusammenhang eine Widerlegung der These von der Schwarmintelligenz.
Die divergierendsten Lektüren hat sich Thorsten Schäfer-Gümbel, der hessische SPD-Fraktionsvorsitzende, in den Koffer gepackt – ein schönes, schwarmunabhängiges Sammelsurium zwischen Siegfried Lenz, Nils Minkmar, Daniel Kehlmann und Randy Pausch. Schön auch, dass mit Wolfgang Thierse ein Bundestagsvizepräsident gesteht, dass er trotz all der Mittagspausen und Sitzblockaden vor lauter Lektüre des Haushaltes nicht dazu gekommen ist, Uwe Tellkamps Der Turm fertigzulesen.
Und was nun liest Angela Merkel? Unsere ostdeutsche, dem Kommunismus entronnene Kanzlerin hat sich in den Urlaub das kiloschwere Buch von Simon Sebag Montefiore über Stalin. Am Hof des roten Zaren mitgenommen. Wer immer nur SMS-Kurznachrichten lesen muss, der kann sich erst ab etwa 900 Seiten so richtig entspannen.
- Datum 07.08.2010 - 10:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte vergangenes Jahr die Latte für den Begriff der Entspannungslektüre recht hoch gelegt, als er mitteilte, dass er im Urlaub Platons Politeia lese, und zwar im griechischen Original. Statarisch oder kursorisch? Hat er denn überhaupt so lange Urlaub? Oder ist bereits die Zeit des fälligen Rücktritts eingeplant? Jedenfalls braucht Platon nicht zu befürchten, R i c h t l i n i e der CSU zu werden, denn "Weibergemeinschaft" gibt's nur bei ausgewählten CSU-Politikern.
Is doch in Ordnung, Platon zu lesen, ich wüsste nicht, was einen da melancholisch stimmen sollte. In seiner Vorbild-Funktion tut er auch recht daran, das auszusprechen; toppen kann man das eigentlich nur noch mit Kant, der für jeden Menschen, der die politische Verantwortung für eine Gesellschaft übernimmt, nicht nur empfehlenswert, sondern Pflichtlektüre ist!
Die schauen sich doch nur die Bilder an.
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