In der Oldenburger Uni-Mensa steht Spinatauflauf auf dem Plan. Anna und ihre neue Mitbewohnerin tragen ihre Tabletts bis zur Fensterfront. Plaudernd setzen sie sich an einen der Tische bei den Grünpflanzen. Es sieht aus wie ein ganz normaler Mittag in einer deutschen Uni-Mensa. Aber für Anna Siemons* wird mit diesem Essen das Mosaik komplett, an dem sie die letzten fünf Wochen so hart gearbeitet hat. In dieser Zeit hat Anna ihr Leben neu zusammengesetzt. Sie hat ihre Bachelorarbeit links liegen lassen, sie hat wieder angefangen zu lesen und aufgehört, Klavier zu üben, sie ist vollkommen unvorbereitet in eine Klausur gegangen und hat trotzdem eine Eins geschrieben. Sie hat ihren Freund verlassen und sich dann Hals über Kopf in einen Kommilitonen verliebt. Und jetzt hat sie auch noch eine neue Mitbewohnerin, mit der sie demnächst immer in die Mensa gehen will. Gleich werden die beiden zusammen zur neuen Wohnung rüberlaufen und den Mietvertrag unterschreiben. Auf Annas weichem Ausklappsofa werden sie dann auf die Semesterferien anstoßen. Mit einer Tasse Wohlfühl-Tee und einem Lachen im Gesicht.

Bis vor Kurzem hätte Anna Siemons sich so ein Lachen gar nicht vorstellen können. Und wenn, dann hätte es wohl ziemlich metallisch geklungen, denn die 22-Jährige hat sich während des letzten Semesters in eine Maschine verwandelt – eine Lernmaschine. Die letzten Prüfungen in Musik und Sport standen bevor, und weil sie noch während des siebten Semesters die Bachelorarbeit fertigschreiben wollte, musste Anna sich gut organisieren. Sie hatte feste Tages- und Wochenziele und einen streng geregelten Tagesablauf: morgens um sieben raus, zwei Stunden ans Klavier, dann Seminar oder Vorlesung, danach in die Bibliothek – kopieren, lesen, auswendig lernen.

Nachmittags an die Bachelorarbeit, später in die Halle zum Leichtathletik-Tutorium, das sie als ehemalige Leistungssportlerin für Erstsemester gab. Abends wieder an den Schreibtisch und arbeiten bis spät in die Nacht. Feierabend gab es in Annas Lernplan nicht, nur Tagesziele und Deadlines. Sogar die Wochenenden waren durchgeplant. Jeden Freitag fuhr sie in ihre Heimatstadt, um Freund und Familie zu besuchen. Dreieinhalb Stunden hin, dreieinhalb Stunden zurück. Immer einen Stapel Bücher und ihre Noten dabei. Trotzdem vergeudete Zeit, dachte sie. Immer diese Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen – die Erwartungen der Eltern an das hochbegabte Kind, die Erwartungen des Professors an die engagierte Tutorin, die Erwartungen der Kommilitonen an die hilfsbereite Einser-Kandidatin. Vor allem aber die Angst, den eigenen hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Für Anna war Scheitern einfach keine Option.

So ging das mehrere Monate. Irgendwann konnte Anna nicht mehr schlafen. Sie hatte Angst, ihrem Professor über den Weg zu laufen und ins Tutorium zu gehen. Dann bekam sie unerklärliche Magenschmerzen, so schlimm, dass sie auf dem Weihnachtsmarkt zusammenbrach und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Aber die Ärzte fanden nur einen erhöhten Stresspegel und verordneten Ruhe. Doch in Annas Plan kam Kranksein nicht vor. Hatte sie Schnupfen, schluckte sie massenweise Aspirin, das permanente Husten versuchte sie einfach zu ignorieren. Der Kollaps kam kurz vor Weihnachten. Auf dem Weg zum Leichtathletik-Tutorium bekam sie eine Panikattacke. Am nächsten Tag ging Anna in die offene Sprechstunde der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks.