BildungspolitikDa klemmt nichts

Keine große Reform: Die rot-grüne Koalition in Nordrhein-Westfalen macht behutsam Bildungspolitik – und könnte damit zum Vorbild werden. von 

Die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verzichtet auf überstürzte Schulreformen.

Die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verzichtet auf überstürzte Schulreformen.   |  © Andreas Rentz/Getty Images

Offiziell würde es zwar keiner zugeben bei den Düsseldorfer Grünen, aber es gab da diesen Moment vor etwa zwei Wochen, als sie sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben. Am Abend des Hamburger Volksentscheids war das, als klar wurde, dass das Hamburger Parlament mit dem Versuch, gegen die Gymnasien der Hansestadt anzureformieren, gescheitert war. An diesem Abend wusste Sylvia Löhrmann, die für ihren mangelnden Reformmut gerade noch heftig kritisierte neue Schulministerin von Nordrhein-Westfalen: So schnell würde ihr keiner mehr vorwerfen, mit ihrem Programm nicht weit genug zu gehen. Einmal abgesehen von der Linkspartei vielleicht. Unter Bildungsexperten findet seit dem Hamburger Schulreformdebakel sogar eine noch weiter gehende Deutung Anhänger: Demnach markiert die auffallend behutsame Bildungspolitik der rot-grünen NRW-Minderheitskoalition nicht nur einen Stilwechsel, sie könnte Vorbildcharakter für künftige Landesregierungen entwickeln.

Doch der Reihe nach. Nach der Landtagswahl mit ihrem uneindeutigen Ergebnis hat es über einen Monat gedauert, bis Sozialdemokraten und Grüne im größten Bundesland schließlich doch den Griff nach der Macht wagten. Für ihren Koalitionsvertrag, den Grünen-Chefin Löhrmann und ihre SPD-Verhandlungspartnerin Hannelore Kraft am 12. Juli den Pressefotografen präsentierten, hatten sie sich ein nettes Titelmotiv ausgedacht: einen Reißverschluss, der die rote und grüne Farbe der nordrhein-westfälischen Landesflagge zusammenführt. Das erste Kapitel ist der Bildung gewidmet – dem einzigen Politikbereich, in dem eine Landesregierung noch Duftmarken setzen kann.

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In den Ohren vieler ihrer Wähler jedoch klangen die darin enthaltenen Ankündigungen alles andere als mitreißend. In einem »schulpolitischen Sofortprogramm« findet sich neben Schmankerln wie der Abschaffung der Kopfnoten, der Stärkung der Elternrechte oder dem Versprechen, das Einschulungsalter konstant zu halten, der folgende Satz: Die im Schulgesetz verankerte Möglichkeit, »besondere Schulmodelle« zu genehmigen, solle genutzt werden, um Gemeinschaftsschulkonzepte »ohne Verzögerung« auf den Weg zu bringen. Übersetzt heißt das: Am dreigliedrigen Schulsystem ändert sich zunächst nicht viel, außer dass sich – vielleicht – ein paar mutige Haupt- und Realschulen, möglicherweise auch Gymnasien, freiwillig zusammenschließen und ihre Schüler bis Klasse 10 gemeinsam lernen lassen. »Erst einmal packen wir einige Daueraufreger an«, sagt Sylvia Löhrmann. Von großen Reformen keine Spur, jeder einzelnen Fusion muss die Landesregierung gesondert zustimmen. Zwar graut es vielen Gymnasiallehrern und ihrer Interessenvertretung, dem Philologenverband, schon vor solchen Einzelaktionen – aber mit einem grundsätzlichen Umbau der Schulstruktur müssen sie erst einmal nicht rechnen. Der würde eine Änderung des Schulgesetzes erfordern, und die Minderheitsregierung wäre dafür auf Stimmen der Linkspartei angewiesen. Was das in der Praxis bedeutet, konnte die Koalition bereits beim neben der Gemeinschaftsschule zweiten bildungspolitischen Symbolthema erleben: der Abschaffung der Studiengebühren .

Eigentlich sollte die gleich nach dem Amtseid beschlossen werden, inklusive Zeitplan und Kompensation für die Hochschulen. Doch anstatt einen schnellen PR-Erfolg einzufahren, konnte Rot-Grün gerade so eine Blamage verhindern, indem die Regierung ihren Antrag von der sofortigen Abstimmung im Parlament zurückzog: Die Linkspartei wollte nicht von ihrer Wahlkampfforderung – Abschaffung sofort! – abweichen und hätte den Regierungsplan zu Fall gebracht.

Auch eine Revision des Schulgesetzes wäre von der Linkspartei wohl nur mit einer Maximallösung – einer flächendeckenden Gemeinschaftsschule, verbunden mit der zwangsweisen Abschaffung sogar der Gymnasien – zu erkaufen. Doch die wollen die Minderheitsregierenden auf keinen Fall: Auch neben dem Sofortprogramm, auf ihrer bildungspolitischen Wunschliste für die Legislaturperiode, findet sich im Koalitionsvertrag nur die unverbindliche Zielmarke, 30 Prozent der weiterführenden Schulen innerhalb von fünf Jahren umzuwandeln – in der Regel in Gemeinschaftsschulen. Von einer Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre, wie sie in Hamburg gerade gescheitert ist, ist gar nicht erst die Rede. Wie bescheiden sich auch sonst die schulpolitischen Ambitionen von Rot-Grün ausnehmen, zeigt wiederum der Vergleich zur Hansestadt: Dort werden trotz des gescheiterten Reformvorhabens der grünen Schulsenatorin Christa Goetsch auf einen Schlag alle weiterführenden Schulen neben den Gymnasien zu sogenannten Stadtteilschulen gemacht.

Nein, die Not unklarer Mehrheitsverhältnisse ist es nicht, die Rot-Grün von radikaleren Reformen abhält. Denn für solche stünden die Linken sofort bereit. Was sich abzeichnet, ist vielmehr ein neues Politikverständnis, das sich bemerkenswert deutlich von der Vorgehensweise anderer Landesregierungen – links wie rechts – abhebt. Sylvia Löhrmann formuliert die neue rot-grüne Erkenntnis so: »Radikalmaßnahmen von oben verordnet funktionieren nicht.« Man wolle innovative Schulentwicklung ermöglichen – und setze dabei auf regionalen Konsens. Das heißt: Veränderungen wird es nur geben, wenn sie auch gewünscht sind. Zur Wahrheit gehört indes, dass sich viele Sozialdemokraten noch vor der Wahl für den zwangsweisen Umbau des Schulsystems aussprachen – und erst von den Grünen umgestimmt wurden. Jetzt jedoch will die Regierung anstatt verordneter Dreigliedrigkeit wie in Bayern oder dem Zwang zur Schulfusion wie in Hamburg oder Berlin einen dritten Weg gehen – auch wenn das bedeuten sollte, dass am Ende weniger als die angepeilten 30 Prozent Gemeinschaftsschulen entstehen. Die Linkspartei befürchtet ohne den Zwang zur Umwandlung einen Flickenteppich aus verschiedenen Schulformen – und der ehemalige FDP-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart kritisiert, Rot-Grün wolle die Schulen mit dem »goldenen Zügel« in Richtung Fusion zerren. Bildungsforscher Klaus Klemm beschreibt die Lage von Hannelore Krafts Truppe so: »Sie ist eingezwängt zwischen den ehemaligen Regierungsfraktionen von CDU und FDP, die ihre Politik verteidigen, und der Linkspartei, die auf ihren Maximalpositionen beharrt.«

Leserkommentare
  1. Warum nicht zwei Säulen: Gymnasium Gesamtschule? Bildungsneid lässt sich von keiner Schulform aus der Gesellschaft entfernen.

  2. 2. Pssst!

    Erst stärken wir den Elternwillen und dann schaffen wir das Sitzenbleiben und Abschulen ab. Und wenn dann die Haupt- und Realschulen keine Klasse mehr vollbekommen, schließen wir sie und nennen die Gymnasien Gemeinschaftsschulen. Das merkt gar keiner!

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    sagt ein ehemaliger Gymnasiast und Bildungsbürger.

    Volle Zustimmung!

  3. sagt ein ehemaliger Gymnasiast und Bildungsbürger.

    Antwort auf "Pssst!"
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    noch nicht mit den empirisch überprüfbaren 'Segnungen' der Gemeinschaftsschule (=Gesamtschule) auseinandergesetzt hat.

    • cegog
    • 05. August 2010 18:49 Uhr

    ... das ist gut so. Ich habe bei meinen Kindern beide Modelle (Gymnasium und Gesamtschule) hautnah verfolgen können. Das Gymnasium "verzeiht" keine Schwächephase, schwierige oder individuelle Lernschwächen und geht nur begrenzt auf individuelle Probleme ein (allen Lippenbekenntnissen individueller Förderung zum Trotz).
    Warum ? Weil das Gymnasium oben in der Nahrungskette in der Lage ist, schlechte, schwierige, problematische Schüler nach unten durchzureichen. Nicht umsonst kommen in NRW auf 1 "Aufsteiger" gleich 9 "Absteiger".
    Meine jüngere Tochter ist nach schwieriger Pubertät und traumatischem Erleben (Krebstod der älteren Schwester) auf einer Gesamtschule gelandet und hat in der dortigen Oberstufe endlich Lehrer als wirkliche An"sprech"partner, Förderunterricht, der unter großem Engagement angeboten wird, und "Leidensgenossen". Da sitzt sie neben dem Schüler aus dem Irak, der wegen seiner Deutschprobleme in der Hauptschule landete, bis ein aufmerksamer Lehrer nach 3(!) merkte, dass der Junge ein Matheass ist, die junge Türkin, die sich in ihrer Familie den Oberstufenbesuch erkämpft hat und jetzt Hilfe beim Aufholen von Lerndefizten bekommt, der deutsche Mitschüler, der im Schulorchester Gitarre lernt und dessen Eltern niemals privaten Musikunterricht bezahlen könnten.
    Solange sich unsere Gymnasien als Eliteschmiede des künftigen Bildungsbürgertums begreifen, so lange werden in D-Land mit seiner alternden Bevölkerung die Talente verschwendet.

  4. noch nicht mit den empirisch überprüfbaren 'Segnungen' der Gemeinschaftsschule (=Gesamtschule) auseinandergesetzt hat.

    Antwort auf "Und das ist gut so...."
    • ribera
    • 05. August 2010 18:33 Uhr

    Hätte Rot/Grün eine eigene solide Mehrheit, dann würden die Bildungsideologen schon wüten.
    Vernunft und Logik spielen da keine Rolle. Sonst würde ein bei nationalen Vergleichen stets mit vorne abschneidendes Bundesland die Füße in der Schulpolitik still halten und das Geld für kleinere Klassen ausgeben.

    • cegog
    • 05. August 2010 18:49 Uhr

    ... das ist gut so. Ich habe bei meinen Kindern beide Modelle (Gymnasium und Gesamtschule) hautnah verfolgen können. Das Gymnasium "verzeiht" keine Schwächephase, schwierige oder individuelle Lernschwächen und geht nur begrenzt auf individuelle Probleme ein (allen Lippenbekenntnissen individueller Förderung zum Trotz).
    Warum ? Weil das Gymnasium oben in der Nahrungskette in der Lage ist, schlechte, schwierige, problematische Schüler nach unten durchzureichen. Nicht umsonst kommen in NRW auf 1 "Aufsteiger" gleich 9 "Absteiger".
    Meine jüngere Tochter ist nach schwieriger Pubertät und traumatischem Erleben (Krebstod der älteren Schwester) auf einer Gesamtschule gelandet und hat in der dortigen Oberstufe endlich Lehrer als wirkliche An"sprech"partner, Förderunterricht, der unter großem Engagement angeboten wird, und "Leidensgenossen". Da sitzt sie neben dem Schüler aus dem Irak, der wegen seiner Deutschprobleme in der Hauptschule landete, bis ein aufmerksamer Lehrer nach 3(!) merkte, dass der Junge ein Matheass ist, die junge Türkin, die sich in ihrer Familie den Oberstufenbesuch erkämpft hat und jetzt Hilfe beim Aufholen von Lerndefizten bekommt, der deutsche Mitschüler, der im Schulorchester Gitarre lernt und dessen Eltern niemals privaten Musikunterricht bezahlen könnten.
    Solange sich unsere Gymnasien als Eliteschmiede des künftigen Bildungsbürgertums begreifen, so lange werden in D-Land mit seiner alternden Bevölkerung die Talente verschwendet.

    Antwort auf "Und das ist gut so...."
  5. Volle Zustimmung!

    Antwort auf "Pssst!"
  6. Bei den Schulformen gibt es eine Art Dominotheorie: Fällt eine Schulform, fallen alle!

    Die Hauptschule ist praktisch tot. In städtischen Regionen in NRW besuchen noch ca. 8 % der Schüler diese Schulform. Ihre Zukunftsaussichten sind finster. Der klassische Industriearbeiter, der die linke Türe ins Auto schraubt, wird nicht mehr benötigt, und Handwerksmeister nehmen lieber Realschüler als Lehrlinge, in Bürojobs ist das Abitur ohnehin das Minimum, besser ein fertiges Studium.
    Eigentlich müsste man diese Schulform aufgeben!
    Aber dann stünde die Realschule am unteren Ende der Nahrungskette (den Sonderfall Förderschule lassen wir mal außen vor) und würde zur neuen Hauptschule, denn die Gesamtschulen winken mit der Chance auf Abitur.
    Es bleibt also so oder so nur die Chance, ausschließlich Schulformen mit der Möglichkleit eines Sekudarstufen-II-Abschlusses (Abitur, Fachhochschulreife o.ä.) übrig zu lassen.
    Da eine Zweigliedrigkeit aber keine Mehrheit hat und die bestehenden Gesamtschulen in NRW eher zeigen, was eine Eingliedrigkeit tatsächlich bewirkt, nämlich dass die Qualität der Schule, die ein Kind besucht, vom Stadtteil abhängt, in dem es lebt, ist diese Alternative für Rotgrün unattraktiv.
    Also: Kippe nicht den ersten Dominostein!

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    "Da .. die .. Gesamtschulen in NRW eher zeigen, .. dass die Qualität der Schule .. vom Stadtteil abhängt .."

    An den Gesamtschulen wurde von Beginn an wohl fast ausnahmslos und grundsätzlich als weisungsbefugte Leitungsebene sowie als weisungsbefugte Dienstaufsichtsebene eine Klientel etabliert,
    die
    a) nicht nur kontinuierlich beinhart darauf aus waren und sind, immerfort das Rad neu zu erfinden,
    sondern die
    b) auch ihre Schulen und ihre Lehrer zwanghaft dazu brachten, wohl fast ausnahmslos und grundsätzlich jeden von abgehalfterten 'Busch-Kleppern' mühsam geschleppte Reform-'Klapperkiste' zu besteigen,
    um
    c) umgehend im nächsten 'Straßengraben' des nachgewiesenen Misserfolgs zu 'landen';
    d) so hat man dann an diesen Schulen den Gipfel der 'Selbstausbeutung' des Lehrpersonal und das grandiosen, empirisch nachgewiesenen 'Misslingens' wohl sämtlicher Lernziele erklommen,
    e) um dann diese selbstverschuldete Faktenlage der topographisch-geographischen Lage, den - überall wirkenden - bösen politischen Gegenkräften sowie noch böseren Gymnasien anzulasten.

    Eine einzige Parade
    pädagogischen Jammer(n)s,
    der sinnlosen Zerstörung von Lehrer-Kompetenzen und Lehrer-Gesundheiten,
    des nutzlosen Verbrauch von Schüler(innen)lebenszeit

    Und das Alles wofür ?

    Für das 'Ego' genannter weisungsbefugter pädagog. Ebenen,
    für die Errichtung pädagog. 'potjemkinscher Dörfer'
    und
    für die Herstellung von oädagog. 'Textilien' für 'Des Kaisers neue Kleider' aus Andersens Märchenstube.

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