Zwangsehen Liebe ist Kopfsache
Vier von fünf Tamilen in der Schweiz heiraten den Menschen, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben. Doch wenn die Politik über Zwangsehen debattiert, sind sie nur ein Randthema
Ein verregneter Sommerabend in einer Luzerner Bar. Das pechschwarze Haar fällt Mathangi*, 26, über die Schultern. Sie trägt eine weiße Bluse, ihr Nasenstecker glitzert. Die junge Tamilin lebt mit Kolleginnen in einer Wohngemeinschaft und arbeitet beim Bund in der Finanzverwaltung. Sie ist aufgeschlossen, selbstbewusst, kein unterdrücktes Opfer von Tradition und Religion. »Ich bin immer aus der Reihe getanzt«, sagt sie. Schmunzelnd blickt sie zu ihrem Vater, der neben ihr sitzt.
Mangalarupan*, 62, nickt und sagt: »Wir waren schockiert.« Das war, als seine Frau und er von der vorehelichen Beziehung ihrer Tochter erfuhren. Mit 19 verliebte sich Mathangi in den drei Jahre älteren Dinesh, auch er ein Tamile. Aber statt an Lakshmi und Vishnu glaubt er an Jesus. Und die Tradition gebietet: Hindu heiratet Hindu, Andersgläubige gelten im tamilischen Kastensystem als minderwertig.
Die beiden wussten, sie würden Probleme kriegen. Mit den Eltern, den Verwandten und ihrer Gemeinschaft, den 42.000 in der Schweiz lebenden Tamilen. So hielten sie ihre Beziehung geheim. Nur Mathangis Schwestern und einige Freundinnen wussten von ihrer Liebschaft. Man traf sich in Luzern auf Schulhöfen oder öffentlichen Plätzen, wo kaum Landsleute verkehren.
Flirten und daten? Toleriert man in der tamilischen Diaspora nicht. Den Freund nach Hause mitnehmen? Kommt nicht infrage.
Doch die Geheimniskrämerei belastete Mathangi, sie öffnete sich dem Mann ihrer Cousine: »Ich vertraute ihm.« Zu Unrecht, der Mann verriet sie, das Paar flog auf. Die Eltern stellten das Kind vor die Wahl: Heirat oder Ende der Beziehung. Mathangi wollte ihre Jugendliebe nicht verlieren, also bat sie die Eltern, bei Dineshs Familie vorzusprechen. Ohne Erfolg. Nicht nur gehörte Mathangi zur falschen Kaste, auch das Horoskop versprach dem Paar keine rosige Zukunft. Dinesh fügte sich, das Band der Tradition war stärker als die Liebe zu Mathangi.
Tamilen wie Mangalarupan sind in der Schweiz wohlgelitten. Sie gelten als stille »Chrampfer«, gern gesehen in Restaurantküchen und Altersheimen. Ihre Kinder sind fleißige Schüler, in den Integrationsdebatten vergisst man sie rasch. Im Fokus stehen andere, vor allem Muslime. Immigranten aus dem Kosovo, der Türkei, Nordafrika. Dabei ist die tamilische Diaspora eine der homogensten Ausländergruppen in der Schweiz. Sie zeigt Ansätze einer Parallelgesellschaft. Und in Beziehungsfragen ist die Mehrheit der Tamilen äußerst konservativ. So werden 80 bis 90 Prozent der Ehen von den Eltern arrangiert – die Scheidungsrate beträgt nur ein Prozent.
Allein, die Treue ist erzwungen, denn Scheidungen sind ebenso tabu wie Ehen mit Nicht-Tamilen. Wer diese Gebote verletzt, wird von der Gemeinschaft verstoßen.
Manchmal eskaliert die Situation völlig. Wie vor zwei Jahren, als sieben mit Säbeln und Pistolen bewaffnete Tamilen in Bern-Bümpliz eine Geburtstagsfeier überfielen. Der Schlägertrupp wurde angeheuert, weil einem Onkel die Ehefrau seines Neffen nicht genehm war.
Acht Jahre alt war Mathangi, als die Familie in die Schweiz kam. Die Töchter haben alle studiert. »Wegen unseres Vaters«, sagt Mathangi. Der Angesprochene lächelt stolz. In Sri Lanka war er Textilhändler, in der Schweiz malocht er seit zwanzig Jahren als Küchengehilfe. Er spricht nur schlecht Deutsch, seine Tochter übersetzt für ihn. Sein Status als Asylbewerber verhinderte einen sozialen Aufstieg. Jahrelang rechnete er damit, innert Kürze ausreisen zu müssen. Seine Kinder sollten es besser haben. Er sagt: »Bildung ist heilig. Nur damit kann man sich im Leben durchschlagen.« Man meint, er zitiere aus dem Papier einer Integrationsbehörde: Bildung integriert, Bildung macht Frauen stark, also, Töchter: Drückt die Schulbank!
- Datum 05.08.2010 - 11:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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