Auch moderne Frauen würden sich niemals gegen ihre Eltern stellen
Seit zehn Jahren lebt Anu Sivaganesan in der Schweiz. Als erste Tamilin machte sie im Kanton Zug die Matura, nun studiert sie in Zürich Rechtswissenschaften. Sie gehört zu jenen konservativ erzogenen Secondos, die in einer offenen Gesellschaft aufblühen. Ihre gute Ausbildung bringt ihr Anerkennung der Landsleute und erlaubt auch Tabubrüche. So schnitt sich Anu die Haare schulterlang, wo doch eine »gute« tamilische Frau einen langen Zopf trägt. »Du hast deine Wurzeln vergessen«, schimpften Kolleginnen, als ihnen Anu die neue Frisur präsentierte.
»Das lange Haar ist unser Kopftuch«, meint Sivaganesan. Vom Zwang, das Haar lang zu tragen, will sie junge Tamilinnen befreien. »Sie sollen aufmüpfig sein«, sagt sie. Das riet sie auch jener 13-Jährigen, die am Vortag ihren Rat suchte. Das Mädchen darf nicht bei ihren Schweizer Freundinnen übernachten und hat keine Lust, südindische Tänze zu lernen. Sivaganesan sagt: »Wer bis zur Hochzeit seine Meinung zurückhält, kann sich auch nicht gegen einen aufgezwungenen Partner wehren.«
In besonders drastischen Fällen werden junge Tamilen zur Heirat gezwungen. Meistens trifft es Frauen. Die eigene Familie erpresst sie: Entweder du heiratest, oder wir brechen mit dir. Zwangsheiraten sind ein Martyrium; neben Tamilinnen sind in der Schweiz vor allem Kosovo-Albanerinnen und Türkinnen betroffen. Es kommt zu sexueller Nötigung in der Partnerschaft, häuslicher Gewalt und Ghettoisierung. Niemand weiß, wie häufig solche Zwangsheiraten in der Schweiz sind. Die Lausanner Stiftung Surgir spricht von »mehreren Tausend« Fällen. Allein Zwangsheirat.ch berät rund hundert Tamilinnen jährlich. Einer genauen statistischen Erfassung jedoch steht die fehlende (juristische) Definition der Zwangsheirat im Wege. »Das ist nur ein Vorwand, um wegzuschauen«, meint Sivaganesan. Sprich: die Faulheit der Mehrheitsgesellschaft, die sich nicht mit diesem Ausländerproblem befassen will. Kulturrelativismus als Gegenargument lässt Sivaganesan nicht gelten. »Zwang« lasse sich einfach definieren: »Jedermann muss jederzeit die Chance haben, Nein zu sagen.« Doch um dies einfordern zu können, brauche es neben Aufklärung und Sensibilisierung einen eigenen Zwangsheirat-Straftatbestand.
Mit dieser Forderung eckt Sivaganesan an. Etwa bei Janine Dahinden und Yvonne Riñao von der Universität Neuenburg. In einer Auftragsstudie für die Stadt Zürich raten die Ethnologinnen ab von einem Strafartikel gegen Zwangsheiraten und warnen vor unnützer Symbolpolitik. Auch im Departement von Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hält man nicht viel von einem neuen Strafartikel. Ein entsprechender Gesetzesentwurf lässt seit Jahren auf sich warten.
Hingegen unterstützen einzelne tamilische Exponenten einen Strafartikel gegen Zwangsheirat. So der Luzerner SP-Kantonsrat Lathan Suntharalingam. Er teilt die Meinung seines Aargauer Genossen und Bezirksrichters Luca Cirigliano, der in einem Weltwoche- Essay schrieb: »Es braucht ein klares Zeichen, das jeder versteht: Eltern, die ihre Kinder zu einer Ehe zwingen, müssen wissen, dass sie ein Verbrechen begehen.«
Doch bereits heute können Opfer von Zwangsheiraten ihre Peiniger belangen – unter dem Stichwort Nötigung. Dass die Betroffenen dies häufig unterlassen, liegt an mangelnder Aufklärung, Bildung, Emanzipation.
Auch Tamilinnen wie Mathangi würden sich nie gegen ihre Familie stellen. Sie suchen nicht die Konfrontation, sondern einen Kompromiss zwischen Tradition und Moderne, zwischen ihren Ansprüchen und jenen ihrer Familien. Es ist eine Politik der kleinen Schritte.
So ignorierten Mathangi und Tavakumar das Sterndeuterurteil und blieben in Kontakt. Sie telefonierten oder schrieben sich E-Mails. Vor dem ersten Telefongespräch klärten sie, auf Wunsch der Eltern, welche Mondphase dafür geeignet sei. Bald wollen sich die beiden zum ersten Mal treffen. Aber Mathangi stellt klar: »Ich lasse mir alle Möglichkeiten offen.«
* Einige Namen und Ortsangaben sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert
- Datum 05.08.2010 - 11:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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