Die Kamera zoomt auf Elli. Die 38-jährige Hartz-IV-Empfängerin liegt im Bademantel auf dem Sofa vor dem Fernseher und stopft Kartoffelchips in sich hinein. Zaghaft betreten zwei Kinder die Szene. »Mama, wir haben Hunger«, druckst Kevin. »Watt is?!«, herrscht die Mutter ihn mit vollem Mund an. »Mein Gott, dann geh doch nach McDonald’s und hol dir watt! Und jetzt geh mir aus’n Bild!« Dramatische Popmusik setzt ein. Ellis Geschrei wird von der Melodie des Trailers überblendet.

Es ist einer der typischen Einstiege von Familien im Brennpunkt, der zurzeit erfolgreichsten Sendung im Nachmittagsprogramm des deutschen Fernsehens. In der Episode »Unzufriedene Mutter ist mega-aggressiv« wird der Fall einer arbeitslosen, kaufsüchtigen, ihre Kinder hungern lassenden und ihren Mann krankenhausreif schlagenden Frau vorgestellt. Die Geschichte ist frei erfunden. Das neue Format, mit dem RTL mit fiktiven Problemen von fiktiven Personen wie Elli seit rund einem Jahr bahnbrechende Quotenerfolge am Nachmittag verbucht, heißt Scripted Reality. Im Dreiviertelstundentakt werden in den Dokusoaps Familien im Brennpunkt, Betrugsfälle und Verdachtsfälle alle erdenklichen Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen vorgeführt: Familien- und Eifersuchtsdramen, schwangere Teenager, Schlägereien, Missbrauch, Mobbing, Diebstahl, Alkoholismus, Armut. Den täglichen Marathon vermeintlich authentischer Tragödien verfolgen im Schnitt 30 Prozent der 14- bis 49-jährigen Zuschauer.

Was vor rund zehn Jahren in Talkshows wie Arabella Kiesbauer und Gerichtssendungen wie Richterin Barbara Salesch als Versuch begann, durch gezieltes Casting von extremen Charakteren der Realität ein bisschen »nachzuhelfen« und damit gegen sinkende Quoten und Werbeeinnahmen anzukämpfen, hat sich mit den Nachmittagssoaps zum festen Format entwickelt. Im Court TV und in den Talkrunden mussten die wahren Fälle mit der Zeit den schrilleren, von Drehbuchautoren geschriebenen und von Laiendarstellern gespielten Geschichten weichen. In den neuen Dokusoaps werden die erfundenen Krawallgeschichten der Personen, die sich vor einigen Jahren noch auf Talkshowsesseln beschimpft haben, nun direkt in deren vermeintlichen vier Wänden abgefilmt. Ein Studio mit aufwendiger Beleuchtungstechnik ist bei diesen fiktiven Homestories nicht mehr vonnöten, gedreht wird in gemieteten Wohnungen, wodurch die Produktionskosten dramatisch gefallen sind.

Auch inhaltlich ist durch das neue Format der stark komprimierten Geschichten für die Produzenten und Sender vieles einfacher geworden: Da alle Handlungen Regieanweisungen folgen, wird statt wochenlanger Dreharbeiten im Schnitt nur eineinhalb Tage gefilmt. Auch in den brenzligsten Momenten wird der Dreh nicht unterbrochen, das Filmteam kann jeden Ehestreit bis ins Schlafzimmer verfolgen, jede Affäre, jede kriminelle Tat darf es in Großaufnahme dokumentieren. Die vormals zu berücksichtigenden und damit oft als Zensur wirkenden Persönlichkeitsrechte der Akteure vor der Kamera spielen bei den fiktiven Geschichten keine Rolle mehr.

Die klassische Dokumentation wird bis ins Detail imitiert

Mit der Scripted Reality ist eine Art umgekehrter Truman Show entstanden. Während der von Jim Carrey gespielte Held Truman Burbank in Peter Weirs Film von 1998 ohne sein Wissen bei jedem Schritt gefilmt wurde und alle seine Mitmenschen bis hin zu seiner Frau engagierte Schauspieler waren, ist in der Welt der Dokusoaps die Fiktionalität nur für den Darsteller offengelegt. Diesmal ist es das Publikum, bei Weirs Film von Anfang an um die Inszenierung wissend, das sich nie sicher sein kann: Ist die Geschichte, sind die Personen echt? Erst im Abspann setzt der für eine Sekunde aufblinkende Hinweis den Zuschauer in Kenntnis: »Alle handelnden Personen sind frei erfunden«.

Die Dramaturgie, in der die Nachmittagsshows die kaputten Einzelschicksale und familiären Albträume filmisch aufbereiten, simuliert hingegen mit allen Mitteln das Gegenteil: Wahrhaftigkeit. Durch eine kommentierende Reporterstimme, durch Schimpfwörter ersetzende Pieptöne und durch zwischengeschnittene Interviews der Akteure, die bei allem, was sie tun, auf Schritt und Tritt begleitet werden, wird die klassische Dokumentarsendung bis ins Detail imitiert. Wird das Kamerateam wie im Fall der mega-aggressiven Mutter doch einmal aus der Wohnung geworfen, filmt es durchs Schlüsselloch weiter. Die Authentizität einer voyeuristischen Reportage ist perfekt inszeniert.

Für die Macher der gestellten Dokumentarserien ist die Frage nach der Erkennbarkeit der Inszenierung nebensächlich. Dem Zuschauer sei es egal, ob die Szenen echt seien oder nicht, für ihn zähle allein das Fernsehvergnügen. »Da wir letztlich – wenn auch mit anderen Mitteln – fiktionale Unterhaltung produzieren, tun wir das, was fiktionale Unterhaltung immer getan hat: Wir dramatisieren«, so der Pressesprecher des Unternehmens Filmpool, der erfolgreichsten Produktionsfirma für Scripted-Reality-Formate in Deutschland.

 

Auch Medienforscher sehen im sogenannten factual entertainment der Scripted Reality kein genuin neues Genre. Die Inszenierungsmaschine Fernsehen lege mit dem neuen Format nun lediglich offen, dass und nach welchen Regeln sie Wirklichkeit inszeniere. »Angewandter Konstruktivismus« nennt Professor Bernhard Pörksen vom Institut für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen die neue Entwicklung. Den Erfolg der Pseudo-Dokus sieht er im gesteigerten Realitätshunger des Zuschauers bedingt. In Zeiten der Medialisierung aller Bereiche der Gesellschaft wachse beim Publikum ein enormes Bedürfnis nach Authentizität.

Umso ironischer die dialektische Umkehr: Das Einzige, was das Verlangen nach wahren Inhalten zu stillen vermag, ist das, was es überhaupt erst ausgelöst hat: Inszenierung.

Die Grauzone, die durch die faktisch-fiktionalen Hybridformate entstanden ist, betrifft nicht nur den Zuschauer, sondern auch das Verhältnis des Schauspielers zu seiner Rolle. Die Identität des gecasteten Laien ist zwar hinter einem falschen Namen verdeckt. Doch die Geschichte, die er spielt, funktioniert nur durch seine Individualität. Sein dilettantisches Spiel und Improvisieren der Dialoge sind für die Produzenten kalkulierte Authentizitätssignale an den Zuschauer: Wer sich vor der Kamera so ungelenk gibt, kann nur echt sein.

Der Laiendarsteller wird damit zum Hybridwesen: Er spielt jemand anderen, ohne dass sein Publikum dies wahrnimmt. Gibt der Laie der Kamera seinen Körper preis, der oft stark übergewichtig, verlebt oder schwanger ist, muss außer der zuweilen eingesetzten blauen Schminke, die vorhergegangene körperliche Gewalt bezeugen soll, nichts an ihm verändert werden. Der Darsteller soll sich so wenig wie möglich verstellen. Dass er meist nur über einen überschaubaren Wortschatz verfügt und selten mehrere Sätze in grammatikalisch korrekter Form vorbringt, ist sein kostbarstes Gut.

Dem Schauspieler helfe die Tatsache, dass er oft ähnliche Geschichten wie seine Rollenfigur erlebt habe, so eine Casting-Agentin, die sämtliche Realityshows mit immer neuem Menschenmaterial versorgt. Die Lebenswelten, aus denen die Laiendarsteller stammen, entsprächen stets, zumindest in abgeschwächter Form, denen ihrer Charaktere, den, wie die Agentin hinter vorgehaltener Hand sagt, »gehirnamputierten Hartz-IV-Empfängern«.

Schwangere Teenies und stark Fettleibige könne sie immer gut gebrauchen, berichtet die Casting-Agentin. Sie lacht. Nüchtern, abgeklärt und dabei stolz wie eine Zirkusdirektorin, die weiß, dass sie mit ihren neu engagierten Exoten einmal mehr das gesamte Zelt wird füllen können. »Wieso sollte ich Mitleid mit den Leuten haben?«, schnaubt sie, »die machen doch alle freiwillig mit!«

Dass in der inszenierten Realität ausschließlich soziale Dramen vorgeführt werden, stuft die Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher von der Universität Hamburg als logische, zugespitzte Fortführung einer historisch konstanten sozialen Funktion ein. Die Sendungen befriedigten die immer dagewesene Lust am Beobachten des Elends anderer: »Früher ging man mit dem Picknickkorb zur öffentlichen Enthauptung, heute schaut man eben Dokusoaps.«

 

Das Nachmittagsfernsehen also als moderne Negativfolie zur Selbstbeobachtung und gleichzeitigen sozialen Abgrenzung von Verlorenen, die noch Verlorenere verlachen? Scripted Reality als Zementierung des Abgehängtseins von Menschen am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter, die Tag für Tag stundenlang in die Welt des Trashs abtauchen, aus der sie selber entstammen?

Die Clips der Sendungen, die sich der Zuschauer auf dem stark genutzten Internetportal der Sender im Nachhinein abrufen kann, sprechen für sich. Der Vorgang, in den YouTube-ähnlichen Einheiten des Onlinemenüs aufgefächert in sämtliche Spielarten, ist immer derselbe: das Ausstellen kaputter Menschen. In der Galerie der im Internet erhältlichen Mini-Sozialpornos wird jede voyeuristische Präferenz bedient: Wer gerne die stille Verwahrlosung einsamer, sozial inkompetenter Menschen beobachtet oder gerade andersherum die rasende Verzweiflung verschuldeter Spielsüchtiger oder die gewaltsame Eskalation von Eifersuchtsdramen präferiert, wird hier fündig. Schier unendlich ist die aus vermeintlicher Normalität bestehende Datenbank.

Die Unglücklichen gieren nach dem Schicksal noch Unglücklicherer

Doch welche Botschaft und welche Folgenhaftigkeit steckt in einer Normalität, in der Menschen nur noch Problemfälle darstellen, in der Kommunikation nur noch als Kriegshandlung betrieben wird, in der Aggressivität, körperliche Gewalt, Betrug, Lethargie und Respektlosigkeit als Standards des zwischenmenschlichen Kontakts inszeniert werden?

In der Scripted Reality existiert Interaktion nur noch als ein Set einiger weniger Verhaltenscodes. Durch die Wiederholung entstehen tradierte Codes zugespitzter Emotionalität, die einem ewig gleichen Muster der unkontrollierten Gefühlsausbrüche folgen. Zwischen Ausrasten, Zusammenbrechen, gegenseitigem Beschimpfen und höhnischem Verachten gibt es keine Zwischentöne mehr.

Es sind dieselben Verhaltenscodes, die bei Castingshows wie Dieter Bohlens Gesangswettbewerb zu beobachten sind. Die Körpersprache und die Wortwahl der beim Casting zusammenbrechenden, dem Moderator Rache für das Ausscheiden schwörenden aggressiven Jugendlichen sind mit denen der in der gescripteten Hochhausrealität ausflippenden Darstellern identisch. Es sind eben diese Verhaltenscodes, die beim Casting für die Pseudo-Dokus sofort gebucht werden. Und genau diese Verhaltensweisen, die Lehrer und Eltern bei den immer brutaler miteinander umgehenden jugendlichen Zuschauern beklagen. Nur schwer ist auszumachen, was in dieser Rückkoppelungsspirale als Erstes da war: die mediale Aufbereitung oder das Verhalten selber.

Wo in den Castingshows zumindest inhaltlich durch die Situation eines öffentlichen Wettbewerbs gewisse Grenzen gesetzt sind, scheint es in den geschriebenen Dokus keine natürlichen Beschränkungen zu geben. Die Pseudo-Wirklichkeit ist mit der Zeit immer lauter, kaputter und grausamer geworden. Und die Reizspirale des inszenierten Trashs scheint sich immer weiter zu drehen: Die Probleme der Akteure werden immer schwerwiegender, die Plots immer kaputter und absurder.

Während die Kommunikationsforscher im Tonfall der Hoffnung auf eine Art gesunde Grenze des Aushaltbaren aufseiten des Zuschauers und auf vormalige Abnutzungseffekte von Shows wie Big Brother verweisen, erfreuen sich die Produzenten immer noch steigender Einschaltquoten. Die Spitze des Erfolges von Scripted Reality sei noch nicht erreicht, so Tom Sänger, Unterhaltungschef bei RTL. Die Firma Filmpool gibt an, bereits Formate ins europäische Ausland verkauft zu haben und im nächsten Schritt in die Prime Time des Abendprogramms einziehen zu wollen.