Silvija Seres hat ihr Leben zwischen zwei Kännchen Schwarztee ausgebreitet: zwei eng beschriebene Seiten Papier mit Titeln, Positionen, Referenzen, einem kleinen Passfoto. Ihr Leben als Managerin sieht man Seres, dunkelgrünes Wollkleid, flache Schuhe, ungeschminkt, nicht an. Sie wirkt in diesem breiten Polstersessel im Salon eines Hotels in Oslo –ganz normal. Dabei hat sie in 40 Jahren erreicht, was andere in mehreren Leben nicht schaffen würden: mit 18 aus Serbien nach Norwegen eingewandert, Informatik in Oslo studiert, später Betriebswirtschaft in Frankreich und Singapur, promoviert über Programmalgorithmen in Oxford, geforscht in Peking, Dschidda und Palo Alto. Sie spricht sieben Sprachen, von Oslo aus sorgt sie bei Microsoft für die Integration von Firmen, die der US-Softwareriese zukauft. Silvija Seres ist oben angekommen.

Und dann, zwischen zwei Tassen Tee, sagt sie diesen Satz: »Ich persönlich habe von der Quote sehr profitiert.« Sie spielt auf ein Gesetz an, das Norwegens rund 370 börsennotierte Unternehmen zwingt, 40 Prozent ihrer Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen. Es macht aus Silvija Seres, ja was eigentlich? Eine Quotenfrau? Ohne die Hilfe der Politik, davon ist sie überzeugt, säße sie heute nicht in gut einem halben Dutzend Kontrollgremien. Aber das stört sie nicht. »Ich weiß ja, dass ich für jeden Posten qualifiziert bin«, sagt sie und streicht über ihren Bauch, der unter dem Kleid eine Kugel wirft. In wenigen Wochen bekommt sie ein Kind – ihr drittes.

Als Seres vor sechs Jahren aus dem Ausland zurück nach Oslo kam, war sie in Norwegens Wirtschaftswelt eine Unbekannte. Trotz aller Qualifikationen fand sie keine Stelle. Erst ein Personalvermittler verhalf ihr zu einem Job bei einer Softwarefirma. »Wenn Unternehmen damals nicht nach Frauen für ihre Aufsichtsräte Ausschau gehalten hätten, wäre ich vielleicht nicht aufgefallen«, sagt sie. Erst Aufsichtsrätin, dann Spitzenfrau bei Microsoft. Heute sitzt Seres in den Kontrollgremien eines Energieversorgers, eines Technologiekonzerns, eines Buchverlags; sie entscheidet über Strategien, prüft Bilanzen, beruft Geschäftsführer. Geht es um neue Posten, fällt ihr Name.

Die Quote als Einlassticket ins Topmanagement. Ist das gut? Ist das schlecht? Seit Monaten diskutieren auch hierzulande Politiker und Manager über den eklatanten Mangel an Frauen in den Chefetagen. In den Aufsichtsräten der 200 größten deutschen Firmen besetzen Frauen nur ein Zehntel der Posten, die meisten von ihnen aufseiten der Arbeitnehmer, nicht der Anteilseigner. Gerade mal 2,5 Prozent aller Vorstände sind Frauen. 21 von 833, Stand Januar. Es gibt nur wenige, oft angeführte Beispiele, wie Barbara Kux bei Siemens oder seit Kurzem Regine Stachelhaus bei E.on. Andere Spitzenfrauen sind häufig Unternehmertöchter wie Simone Bagel-Trah (Henkel) oder leiten wie Petra Hesser bei Ikea die deutsche Tochtergesellschaft eines ausländischen Konzerns. Bei klassischen deutschen Industrieunternehmen hingegen ist eine Frau auf dem Vorstandsvorsitz weiter undenkbar. Von einer Indra Nooyi, die in den USA den Getränkeriesen PepsiCo führt, oder einer Anne Lauvergeon, die in Frankreich dem Energiekonzern Areva vorsteht, ist Deutschland weit, weit entfernt.

Das muss sich ändern. Darüber sind sich eigentlich alle einig. Obwohl deutsche Firmen zu den erfolgreichsten der Welt gehören. Obwohl ihre Stärke in der Ingenieurskunst liegt, traditionell eine Männerdomäne.

Doch Geburtsjahrgänge schrumpfen. An den Schulen fallen die Jungs im Leistungswettbewerb hinter die Mädchen zurück, und der Wirtschaft gehen mancherorts schon die Fachkräfte aus. Spitzenleute aus dem Ausland erwarten eine Offenheit für alle Talente. Und als sei das noch nicht genug, belegen Studien, dass Unternehmen mit mehr Frauen an der Spitze im Wettbewerb besser abschneiden.

Entsprechend hat eine Denkschule – die einer gesetzlichen Frauenquote – in den vergangenen Monaten neue, überraschende Anhänger gefunden: die Frauen in der Unionsfraktion des Bundestages, die Landesjustizminister und Hans-Olaf Henkel, früher Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Für die meisten von ihnen ist eine Quote weniger erste Wahl als notwendiges Übel.