Alexander Kluge am 3. August, 10 Uhr, vor Schloss Elmau in Oberbayern © Michael Herdlein für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Wie fühlt sich für Sie der August an?

Alexander Kluge: Der August ist eine Ebene, eine Fläche, man könnte auch sagen, er ist ein stillstehender Teich, der Monat, in dem jegliche Betriebsamkeit gesenkt, in dem eine Art allgemeine Schulpause eingelegt wird.

ZEIT: Ulrich beschließt in Musils Mann ohne Eigenschaften an einem Augusttag 1913 »Urlaub vom Leben« zu nehmen.

Kluge: Ja, das ist ein gutes Beispiel aus der Literatur, in dem sich die Sehnsucht ausdrückt, die in diesem Monat liegt. Der August ist ja schon in seinem Namen ein Sehnsuchtsmonat. Er geht auf den Kaiser Augustus zurück, eigentlich ein erhabener Kaiser…

ZEIT: … er wollte einen Monat nach sich benennen, Julius Cäsar hatte schon den Juli…

Kluge: … und obwohl er sich sonst immer seitlich stellt und sagt, ich bin nur erster Bürger, nur Prinzeps, hat er sich in diesem Monat verewigt, er führte auch den 15. August als Feiertag, als arbeitsfreien Tag ein. Selbst die römischen Sklaven hatten arbeitsfrei.

ZEIT: Dieser Ferragosto ist in Italien bis heute der Urlaubstag schlechthin, an dem das ganze Land ans Meer fährt. Wohin verlagert sich der Deutsche, wenn er Urlaub vom Leben macht?

Kluge: Wenn Sie in Berlin 1936 ein Auto hatten, dann fuhren Sie im August in den Harz, man fuhr in die deutschen Mittelgebirge. Heute verlagert man sich überallhin, in die Karibik, nach Mallorca, nach Rügen oder nach Sylt.

ZEIT: Arbeiten Sie im August?

Kluge: Ich arbeite immer im August. Ich kann in der Sommerfrische in Elmau natürlich sehr viel besser arbeiten als zu Hause, ich bin ungestört von Kontakten, das Telefon klingelt nicht, ich bin entspannter, ich kann früher aufstehen, ich habe nicht das Gefühl, ich müsste länger schlafen, sonst wäre ich den Tag über müde. Der August ist ein absoluter Arbeitsschwerpunkt für mich. Da schreibe ich Geschichten.