DIE ZEIT: Mehr als 230 Beschwerden über die Berichterstattung zur Loveparade-Katastrophe sind beim Presserat eingegangen. Was ging Ihnen selbst bei der Zeitungslektüre durch den Kopf?

Kerstin Stellermann: Offensichtlich ging es bei den veröffentlichten Bildern nur darum, das Erregungspotenzial auszuschöpfen – ohne Rücksicht darauf, was sie auslösen können.

ZEIT: Was hat Sie besonders erschreckt?

Stellermann: Schlimm fand ich, wie die Bild- Zeitung auf der gesamten Titelseite das dramatische Foto von Menschen zeigte, die in dieser Notlage gefangen waren. Ihre Gesichter waren nicht verfremdet.

ZEIT: Welche Konsequenzen drohen, wenn Abgebildete sich darauf wiedererkennen?

Stellermann: Nehmen wir als Beispiel das oft gezeigte Foto jener Frau, die über eine schmale Treppe aus der Menge gezogen wird [Anm. d. Red.: auch wir haben es gezeigt]. Nachträglich gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten der Reaktion darauf: Sie fühlt sich wertgeschätzt, weil sie wahrgenommen und es gezeigt wird, wie schwierig ihre Lage war. Oder sie empfindet das Foto als stigmatisierend, weil es ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht öffentlich präsentiert.

ZEIT: Nun haben sich beim Presserat nicht vor allem Betroffene, sondern Leser beschwert…

Stellermann: Zu Recht! Eine dramatisierende Darstellung kann auch für Zuschauer gefährlich sein. Die ahnen instinktiv: Das überfordert. So wurden über Stunden immer wieder Szenen aus dem Tunnel gesendet. Wer Ähnliches erlebt hat, den kann das an sein Trauma erinnern.

ZEIT: Wie äußert sich diese Überforderung?

Stellermann: Einer meiner Patienten litt darunter, dass er vor Jahren einen Unfall hatte. Dann verunglückte genau an derselben Stelle ein Prominenter, und die Medien zeigten immer wieder Bilder vom Unfallort. Mein Patient entwickelte daraufhin eine posttraumatische Belastungsreaktion.

ZEIT: Werden Opfer erzeugt, die es sonst nicht gegeben hätte?

Stellermann: Ja, das ist eine Gefahr. Um eine Gefahr einzuschätzen, beobachtet man die Medien, wie Kinder ihre Eltern. Deshalb wäre es gut, wenn die Presse zum Beispiel über eingeleitete Verbesserungen der Sicherheitskonzepte berichten würde. Das schafft schützende Strukturen. Beschränkt man sich auf das Dramatische, drohen Nebenwirkungen durch diese Dauerschleife des Grauens.

ZEIT: Warum sind Wiederholungen für die Zuschauer so problematisch?

Stellermann: Damit werden die Betrachter immer wieder in eine Situation der Hilflosigkeit und der Ohnmacht versetzt. Viele Erwachsene filtern das, aber psychisch Erkrankte sowie Kinder und Jugendliche sind empfindlicher und dadurch gefährdeter.

ZEIT: Ein Dilemma, denn Presse und Rundfunk sollen ja über das Zeitgeschehen informieren…

Stellermann: …aber weniger dramatisch! Man kann sich dem Ereignis auch anders nähern. Relativ gut fand ich Bilder, die nur den leeren Tunnel zeigten. Das Fernsehen könnte warnen, bevor es potenziell belastende Sequenzen zeigt, etwa in der Art: Kinder sollten die folgenden Bilder besser nicht ansehen.

ZEIT: Warum Kinder generell?

Stellermann: Weil gerade junge Kinder solche Ereignisse als etwas Verallgemeinerbares wahrnehmen. Im aktuellen Fall könnte das zu dem Glauben führen, dass jedes Mal, wenn man durch einen Tunnel geht, Menschen sterben müssen.

ZEIT: Und was können Eltern tun, deren Kinder verstört reagieren?

Stellermann: Vor allem ist es wichtig, Kindern das Gefühl zu geben, dass sie nachfragen dürfen und darüber sprechen. Vieles klärt sich dann.

"Man sollte die Journalisten für solche Situationen schulen"

ZEIT: Und wenn auch Erwachsenen mulmig wird?

Stellermann: Ein Hinweis wäre gut, dass übermäßiger Konsum solchen Filmmaterials psychische Auswirkungen haben kann. Bis auf das Frühstücksfernsehen hat meines Wissens niemand darauf aufmerksam gemacht, auf welche Folgen man achten muss.

ZEIT: Was wären denn die klassischen Symptome?

Stellermann: Wenn man anfängt, seine alltäglichen Routinen zu vermeiden. Wenn man plötzlich sehr unruhig ist oder aus nichtigem Grund wütend wird. Wenn das nach ein paar Wochen nicht besser wird, dann braucht jemand Unterstützung.

ZEIT: Wie beurteilen sie das Verhalten der Reporter vor Ort in Duisburg?

Stellermann: Ganz schwierig fand ich Interviews mit Jugendlichen, die Stunden zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden waren. Die standen noch unter Schock, waren sehr unruhig und brachen ständig ihre Sätze ab. Die Angst konnte man ihnen ansehen. Wie sie mit weit aufgerissenen Augen dasitzen und weitererzählen, als wären sie wieder am Ort des Schreckens – das wurde leider auch gern gezeigt. Und ein unbedarfter Interviewer sagte dann: "Ach, ihr verarbeitet das alles so toll." Das Gegenteil schien der Fall!

ZEIT: Was droht dermaßen Bedrängten?

Stellermann: Unter Umständen verschlimmert sich ihr Zustand. Wir wissen, dass sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung einmal in einem gewöhnlichen Leben eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Wir wissen auch, dass nach Ereignissen wie in Duisburg der Anteil bei 20 bis 30 Prozent liegt. Sie in ihre Hilflosigkeit zurückzuschicken ist genau das, was diese Gefühle chronisch werden lässt.

ZEIT: Auch Reporter müssen mit dieser Lage umgehen.

Stellermann: Man sollte die Journalisten für solche Situationen schulen. Wer Betroffene interviewen möchte, der sollte sich vergewissern, dass es der Person nach ärztlicher Meinung gut geht. Und auch auf die Art des Interviews kommt es an. Fragen können stärken oder belasten.

ZEIT: Was ist eine belastende Frage und was eine stärkende?

Stellermann: Bohrende Fragen belasten: "Wie schlecht ging es Ihnen? Nun erzählen Sie doch noch einmal, wie schrecklich es war!" Das treibt den Menschen noch einmal in seinen traumatischen Moment zurück. Man sollte eher nach seinen Ressourcen fragen: "Wie haben Sie es geschafft, dass Sie da rausgekommen sind? Wer hat Sie danach unterstützt?" Auch so erhalten wir Informationen über das Erlebte, aber zugleich wird der Mensch gestärkt.

ZEIT: Wir haben über Berichterstattung als Verstärker von Traumata oder als Auslöser neuer Traumata gesprochen. Können nicht Journalisten vor Ort selbst traumatisiert werden?

Stellermann: Natürlich, da stand ein Reporter im Zentrum des Geschehens vor der Kamera. Der hat immer wieder gesagt: "Ich stehe selbst noch so unter Schock." Dann erzählte er im Stakkato weiter, wieder und wieder sagte er: "Ich bin unter Schock." Da hätte das Team dafür sorgen sollen, dass er erst mal aus der Situation rauskommt und sich erholt, bevor er berichtet.

Die Fragen stellte Harro Albrecht