"Man sollte die Journalisten für solche Situationen schulen"
ZEIT: Und wenn auch Erwachsenen mulmig wird?
Stellermann: Ein Hinweis wäre gut, dass übermäßiger Konsum solchen Filmmaterials psychische Auswirkungen haben kann. Bis auf das Frühstücksfernsehen hat meines Wissens niemand darauf aufmerksam gemacht, auf welche Folgen man achten muss.
ZEIT: Was wären denn die klassischen Symptome?
Stellermann: Wenn man anfängt, seine alltäglichen Routinen zu vermeiden. Wenn man plötzlich sehr unruhig ist oder aus nichtigem Grund wütend wird. Wenn das nach ein paar Wochen nicht besser wird, dann braucht jemand Unterstützung.
ZEIT: Wie beurteilen sie das Verhalten der Reporter vor Ort in Duisburg?
Stellermann: Ganz schwierig fand ich Interviews mit Jugendlichen, die Stunden zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden waren. Die standen noch unter Schock, waren sehr unruhig und brachen ständig ihre Sätze ab. Die Angst konnte man ihnen ansehen. Wie sie mit weit aufgerissenen Augen dasitzen und weitererzählen, als wären sie wieder am Ort des Schreckens – das wurde leider auch gern gezeigt. Und ein unbedarfter Interviewer sagte dann: »Ach, ihr verarbeitet das alles so toll.« Das Gegenteil schien der Fall!
ZEIT: Was droht dermaßen Bedrängten?
Stellermann: Unter Umständen verschlimmert sich ihr Zustand. Wir wissen, dass sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung einmal in einem gewöhnlichen Leben eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Wir wissen auch, dass nach Ereignissen wie in Duisburg der Anteil bei 20 bis 30 Prozent liegt. Sie in ihre Hilflosigkeit zurückzuschicken ist genau das, was diese Gefühle chronisch werden lässt.
ZEIT: Auch Reporter müssen mit dieser Lage umgehen.
Stellermann: Man sollte die Journalisten für solche Situationen schulen. Wer Betroffene interviewen möchte, der sollte sich vergewissern, dass es der Person nach ärztlicher Meinung gut geht. Und auch auf die Art des Interviews kommt es an. Fragen können stärken oder belasten.
ZEIT: Was ist eine belastende Frage und was eine stärkende?
Stellermann: Bohrende Fragen belasten: »Wie schlecht ging es Ihnen? Nun erzählen Sie doch noch einmal, wie schrecklich es war!« Das treibt den Menschen noch einmal in seinen traumatischen Moment zurück. Man sollte eher nach seinen Ressourcen fragen: »Wie haben Sie es geschafft, dass Sie da rausgekommen sind? Wer hat Sie danach unterstützt?« Auch so erhalten wir Informationen über das Erlebte, aber zugleich wird der Mensch gestärkt.
ZEIT: Wir haben über Berichterstattung als Verstärker von Traumata oder als Auslöser neuer Traumata gesprochen. Können nicht Journalisten vor Ort selbst traumatisiert werden?
Stellermann: Natürlich, da stand ein Reporter im Zentrum des Geschehens vor der Kamera. Der hat immer wieder gesagt: »Ich stehe selbst noch so unter Schock.« Dann erzählte er im Stakkato weiter, wieder und wieder sagte er: »Ich bin unter Schock.« Da hätte das Team dafür sorgen sollen, dass er erst mal aus der Situation rauskommt und sich erholt, bevor er berichtet.
Die Fragen stellte Harro Albrecht
- Datum 04.08.2010 - 11:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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Das ist wenigstens ehrlich. Auch Sie haben sich mit ihrer Berichterstattung auf ZEIT Online nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Ich kritisiere seit Tagen Beiträge, die mit Titeln wie "OB Sauerland will nicht zurückzutreten" usw. auskommen.
Eine Rücktrittsforderung ist schnell gestellt, das ist auch legitim, aber dass die Presse stündlich neu darüber berichtet, dass bisher kein Rücktritt eingetreten ist, ist eine journalistische Dummheit. Schlagzeilen wie "Sauerland will nicht zurücktreten" gaukeln dem Leser vor dass eine Neuigkeit existiert.
In der Bundespolitik ist es deshalb üblich keine Stellung zu geben, wenn Rücktritte gefordert werden. Die weniger erfahrenen Kommunal- und Landespolitiker werden von Ihnen aber dankbar bei lebendigen Leib journalistisch filetiert.
Und wenn der zum Rücktritt Aufgeforderte nichts sagt, dann fragen Sie alle möglichen Leute um die Meinung zur Forderung nochmals als Nachricht zu verkaufen.
Der Fall Käßmann (deren Rücktritt ich zwar gerechtfertigt fand) war in der Berichterstattung nicht anders.
Wenn ich ehrlich bin, nervt mich diese Verlogenheit. Als ob wir heute noch in der Lage wären, unsere Kinder, Jugendlichen und psychisch angeschlagenen Personen vor den Bildern der Realität zu schützen.
Selbst wenn eine Zeitung oder ein Fernsehsender die Bilder "abmildern" (ich sage dazu eher "verfälschen"), ändert das gar nichts daran, dass die Beteiligten die Bilder in ihrem Kopf haben und über die modernen Möglichkeiten auf Youtube wieder finden werden.
Ich finde diese Duselei nach dem Motto "Zeigt bitte nicht die Realität, einige könnten traumatisch berührt werden." als verlogen.
Wer psychisch nicht so stark ist, soll bei den Bildern halt einfach wegschauen.
Reporter ist dringend nötig - vor allem, wie mir scheint, bei der Sensationspresse. Ich danke für diesen Artikel. - Zurückhaltung und Rücksicht bei der Berichterstattung hat nichts mit Vertuschen der Realität zu tun. Wer diese sensationsgierigen Bilder noch sehen will, weil er sich die Situation nicht vorstellen kann, hat ja die Möglichkeit. -
aueinanderhalten? Kindern wird viel zu viel zugemutet (durch die Glotze).
Aber solche Interviews züchten neue Krankheitsbilder, nämlich die traumatisierte Person. Das sind dann neue Patienten, die dann neue Patienten züchten usw. Alles, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird, stark und stärker gerichtet wird, wächst. Und es entsteht ein neuer Markt. Wetten, dass es in einigen Jahren wesentlich mehr Traumaexperten gibt als jetzt?
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