Wenn die Kräfte wachsen, wollen sie eingesetzt werden - am besten beim Sport © Martin Schutt/dpa

Die Geschichte mit dem Plumpsklo erzählen sie sich noch heute. Weil sie peinlich war, aber irgendwie auch gut. Eine Toilette sollte her, irgendwo mussten sie ihre Notdurft ja verrichten. Die Jungs hatten einen Bauplatz ausgesucht und einen Plan gezeichnet. Nach zwei Tagen Sägen und Hämmern standen sie stolz vor dem Häuschen – und stellten fest, dass niemand es benutzen konnte. Sie hatten die Tür falsch montiert, sie ließ sich nur nach innen öffnen. Und das auch nur einen Spalt breit.

In der Schule hätten die Zwölf- und Dreizehnjährigen vielleicht entnervt die Brocken hingeworfen. Die Frustrationsschwelle vieler Jungs an der Heinrich-von-Stephan-Schule ist nicht besonders hoch. Aber hier draußen am Schlänitzsee galt Aufgeben nicht, schließlich wurde die Toilette dringend gebraucht. Also schraubten die Jungs die Tür wieder ab und bauten sie richtig herum ein.

Wachsen durch Scheitern, Lernen durch Selbermachen – das sind die Prinzipien des "Landbauprojekts Schlänitzsee". Auf dem verwilderten Gelände vor den Toren Potsdams müssen sich Jugendliche in handfesten Herausforderungen beweisen. Diese neue Pädagogik der Bewährung kommt vor allem den Jungen zugute, sagt Rektor Jens Großpietsch. An der Heinrich-von-Stephan-Schule, einer Brennpunktschule in Berlin-Moabit, sind die Jungen das schwache Geschlecht. Die Mädchen geben den Ton an – im Unterricht, im Morgenkreis oder in der Klassenversammlung. "Vor allem verbal sind sie überlegen", sagt Großpietsch. Wenn Jungen auffallen, dann oft nicht durch gute Noten, sondern durch Desinteresse oder Stören. Vor zehn Jahren hat es der Schulleiter zum ersten Mal bemerkt: "Die Jungen rutschen ab. Wir müssen etwas tun."

Die Jungen, einst in der Mehrheit unter Abiturienten und Studenten, geraten in der Schule ins Hintertreffen. Und das Phänomen beschränkt sich keineswegs auf einzelne Problemstadtteile oder soziale Schichten. Es ist auch keine Randerscheinung, das zeigen die Zahlen deutlich: Drei Viertel der Sonderschüler sind männlich und zwei Drittel der Schulabbrecher. Spätestens seit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 gelten Jungen als Sorgenkinder, gar als Verlierer unseres Bildungssystems – quer durch alle Schulformen. Beim Lesen hinken sie rund ein halbes Jahr hinter den Mädchen her, unter den ganz schwachen Lesern sind sie doppelt so häufig vertreten. Statistisch gesehen, müssen sich Eltern auf Ärger einstellen, wenn es im Kreißsaal heißt: Es ist ein Junge. Egal, ob Schreibabys oder Zappelphilippe, Legastheniker oder Computerjunkies – Söhne beschäftigen die Beratungsstellen weit häufiger als Töchter.

Die Bildungsprobleme beginnen schon vor der Einschulung, Jungen werden häufiger wegen Unreife zurückgestellt als Mädchen. Und während die Leistungsunterschiede in den ersten Schuljahren noch relativ gering sind, geht die Schere später deutlich auseinander. Auf das Gymnasium und später durch die Abiturprüfungen schaffen es inzwischen weniger Jungen als Mädchen. "Irgendetwas passiert in der Sekundarstufe", sagt Barbara Koch-Priewe, Pädagogikprofessorin an der Universität Bielefeld, "nur wissen wir nicht genau, was." Der Zwist über die Ursachen des männlichen Leistungsabfalls und die Rezepte dagegen spaltet ihre Zunft.

Endgültige Antworten hat auch Schulleiter Großpietsch nicht. Aber eines ist ihm klar: Mit klassischem Unterricht – Wissensvermittlung im 45-Minuten-Takt – erreicht man die Schüler in der Pubertät kaum. "Die Jungen suchen in diesem Alter die Herausforderung. Sie wollen sich an echten Aufgaben beweisen und nicht vorgefertigte Fragen beantworten." Bekämen sie diese Chance, seien sie zu erstaunlichen Leistungen fähig.

Das Gelände am Schlänitzsee, auf dem die Schüler aus Moabit zu Gast sind, bietet reichlich Gelegenheiten, sich unter Beweis zu stellen. Die staatliche Montessori-Oberschule in Potsdam hat vor drei Jahren das Grundstück mit der einstigen Ferienhaussiedlung für Stasimitarbeiter übernommen und zum Unterrichtsgegenstand gemacht, mithilfe der Stiftung Brandenburger Tor und der Bosch-Stiftung. Seitdem steht der Arbeitseinsatz am See fest im Lehrplan: Vier Tage im Monat bauen Siebt- und Achtklässler Ställe, legen Beete an und kochen, statt sich mit dem Satz des Pythagoras oder dem present progressive herumzuschlagen. Ein Landwirt und ein Kanubauer stehen ihnen mit professionellem Rat zur Seite.

Leon, Luke und Ole sind in dieser Woche dran. Die 13-Jährigen führen den Besucher über das noch immer großenteils verwilderte Gelände, vorbei an ausgeschlachteten Bungalows, gefällten Pappeln und Haufen gerodeten Gestrüpps. "Am Anfang gab es hier nichts", erzählt Ole. Gekocht haben sie über einem Feuer, das Wasser mussten sie von einer sechs Kilometer entfernten Tankstelle herbeischaffen. Mittlerweile wurde ein Schuppen zur Küche umgebaut. Eine Handvoll Jugendlicher werkelt gerade an einem Lastwagenanhänger, sie wollen einen Bauwagen daraus machen.