Cool werden - das wichtigste Projekt während der Pubertät © Leon Neal / Getty Images

Vielleicht geschah es an dem Tag, als sein Vater ihn beim – nur halb spaßigen – Rangeln durch die gläserne Terrassentür stieß. Zitternd fuhr er den Sohn ins Krankenhaus, wo die blutende Hand genäht wurde. Oder war es, als sie eine ihrer ersten heißen Diskussionen hatten? Es ging darum, ob »schwul« ein anderes Wort für ängstlich ist – so hatte der Junge das verstanden. Der Vater redete von Männern und Liebe, das war peinlich. Irgendwie hatte auch der erste Samenerguss damit zu tun, der war spannend und peinlich zugleich, weil der Schlafanzug nass war. Mit niemandem konnte er über das starke Erlebnis sprechen, undenkbar. Vielleicht begann sie aber auch an überhaupt keinem Datum, sondern die Pubertät kam schleichend, stahl sich in sein Leben wie die Pickel in sein Gesicht. Sie waren einfach da, dick, rot, entstellend.

Der Junge begann schlecht zu riechen unterm Arm, und auch die Laune war nun öfter schlecht. Er wurde mürrisch. Die Worte kamen nicht mehr selbstverständlich aus dem Mund. Alles schien eine Bedeutung zu haben, nur welche? Da war so vieles falsch zu machen.

Der Körper war zum Zerrbild geworden. Die Füße zu groß. Zu groß die Hände auf den knochigen Kinderknien. Haare wuchsen an seltsamen Stellen. Das Ganze wurde ein einziges Fragezeichen, eine Vogelscheuche, die man plötzlich modellieren musste. Vorbilder waren die Freunde – manche schmierten sich Gel ins Haar und versteckten den unzulänglichen Körper unter Markenklamotten, andere zogen an Expandern, damit ihnen Muskeln wuchsen und Schultern.

Er trug ein orangefarbenes Hemd, das sein Onkel aus Amerika einmal vergessen hatte. Er trug es bald täglich, eines Tages war es verschwunden. Er fand es im Mülleimer und zog es triumphierend wieder an. Die Garderobe wurde zur Streitfrage, der Streit selbst zum Beleg elterlicher Unterdrückung.

In der Schule wurde aus dem wissbegierigen Kind ein Desinteressierter. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er Langeweile. Die Schule stahl ihm seine Zeit. Deutsch und Geschichte waren »Laberfächer«, da brachte sich der Junge in langer Stillarbeit das Schreiben mit der linken Hand bei. In Mathe und Physik begriff er, dass er untauglich war, und resignierte auf der Stelle. In diesen Jahren des endlosen Wartens auf ein Ende gab es nur wenige Momente, in denen er sich ernst genommen fühlte. Zum Beispiel, wenn ihn der Mathelehrer losschickte, eine Stange Zigaretten zu holen. Der Mann musste im Unterricht rauchen, das ging nicht anders.

Es war eine Jungenschule. Untereinander redeten die Jungs schon bald nicht mehr von Mädchen, sondern von Frauen. Einige hatten schon »eine Frau«; er hatte Akne. Niemals würde eine Frau ihn auch nur ansehen. Die Sache mit dem Sex war und blieb unklar. Der Vater hatte ihn mal gefragt, ob er aufgeklärt sei, da war er sehr rot geworden und hatte natürlich Ja gesagt. Er legte die Puzzlesteine zusammen und hatte bald ein abenteuerliches Bild von der Sache; es hatte mit Liebe zu tun, wobei Liebe hieß, intensiv aneinander zu denken.

Das wichtigste Projekt jener Zeit war: cool werden. In der Schule konnte er das gut üben. Eine Fünf im Deutschaufsatz? Egal! Noch mal schreiben? Na und? Wer die zweite Version genau wie die erste schrieb und kalt lächelnd eine weitere Fünf kassierte, der war obercool. Cool war auch, nur dann Lehrerfragen zu beantworten, wenn die Antwort so witzig war, dass alle lachen mussten.