Die siebte Klasse an einer Schule in einer dänischen Provinzstadt hat 22 Schüler. Einer von ihnen bricht aus seinem normalen Leben aus, verlässt die Schule und klettert in den Pflaumenbaum vor dem Haus seines Vaters. Von dort ruft er seinen Mitschülern jeden Tag schreckliche Botschaften zu: Nichts im Leben sei von Bedeutung! Es lohne sich nicht, irgendetwas anzustreben! Das wollen die anderen nicht auf sich beruhen lassen – zu sehr verstört sie der Gedanke, ihr Leben könne sinnlos sein.

Die Jugendlichen beginnen nach Gegenständen zu suchen, die ihnen wichtig sind. Verhängnisvoll wirkt sich der zunächst freundschaftliche Beschluss aus, jeweils einen Schüler bestimmen zu lassen, von welcher wichtigen Sache der jeweils nächste sich trennen muss. Entstehen soll aus all den Opfern der »Berg an Bedeutung«, den die Gruppe in einem stillgelegten Sägewerk auftürmt.

Treffsicher zielen die 21 Jungen und Mädchen bei diesem Auswahlprozess auf die wunden Punkte der anderen. Es beginnt ganz harmlos mit Horror-Literatur, Sportausrüstung und schönen grünen Schuhen. Doch bald reicht das den Beteiligten nicht mehr, und die Opfer werden für die Schüler schmerzhafter: Nun geht es um die Nationalfahne, Haustiere, den toten kleinen Bruder im Sarg, um ein christliches Kruzifix und einen muslimischen Gebetsteppich, sogar um die »Unschuld« eines Mädchens und schließlich den Finger eines aufstrebenden Gitarristen.

Als das seltsame Projekt auffliegt, weckt es das Interesse des internationalen Kunstmarktes: Verstörte Lehrer und Eltern lassen sich von den Medien halbwegs überzeugen, dass ihre Kinder »Kunst« geschaffen haben; dass es nicht etwa um Mobbing geht. Doch kurz bevor der Bedeutungsberg für Millionen von Kronen an ein amerikanisches Museum verkauft werden soll, brennt der Haufen bedeutungsvoller Dinge lichterloh – und in den Flammen stirbt auch Pierre Anthon, der Junge aus dem Pflaumenbaum. Sein Tod ist kein Unfall. Unvorsichtigerweise hat er das schnöde Geschäft mit den angeblich wichtigsten Dingen des Lebens als erneuten Beweis dafür entlarvt, dass seinen Mitschülern gar nichts etwas wert ist: Denn wie kann man verkaufen, was einem angeblich alles bedeutet? Diese Frage bezahlt er mit dem Leben.

Erzählt wird dieses Gleichnis von moralischer Verwirrung und Heuchelei aus der selbstgerechten Sicht einer beteiligten Schülerin, acht Jahre nach dem Geschehen. Ihre Erinnerung ist kalt, wo sie objektiv sein will, in alten Vorurteilen befangen, wo sie das Geschehene beurteilt, fast unbelehrbar, wo sie wertet. Was sie berichtet, ist selbst in den um Distanz bemühten Formulierungen der Chronistin eine Folge greller, einprägsamer Bilder vor düsterem Hintergrund. Denn den Jugendlichen ist offenbar von ihren Eltern weder die Fähigkeit zur toleranten Auseinandersetzung mit den extremen Sichtweisen eines Außenseiters noch eine belastbare Vorstellung von Gut und Böse mitgegeben worden.

Als das Buch vor zehn Jahren in Dänemark erschien, bedeutete es eine gezielte Provokation des Selbstwertgefühls der Gesellschaft – und wurde doch vom dänischen Staat prämiert. Es war Janne Tellers erstes Jugendbuch, das inzwischen in 13 Ländern veröffentlicht wurde. In Deutschland trifft es jetzt auf ein gesellschaftliches Klima der Suche nach verbindlichen Werten in einer vernetzten und unübersichtlichen Welt mit kulturellen Unterschieden, die vor der Haustür beginnen – ein literarischer Glücksfall zur rechten Zeit!

Mit Unerbittlichkeit und Konsequenz zwingt die Autorin ihre Leser in die Auseinandersetzung mit Fragen wie: Was sind deine Werte? Welche dieser Werte besitzen eine so große Bedeutung, dass sie der Bedrohung durch Egoismus, Gewalt und Profitgier standhalten? Kann man am Sinn der Welt zweifeln und trotzdem den Prinzipien des anständigen Lebens folgen? Gehört es zum Erwachsenwerden, genau diese Fragen zu beantworten und danach zu leben? 

Tellers Geschichte bringt auch die Kinder- und Jugendliteratur einen Schritt weiter. Was lässt sich nicht alles in ihrem Text aufspüren: philosophische Diskussion, biblische Beispielgeschichte, Volksmärchen, psychologisches Lehrstück und nicht zuletzt ein Krimi, mit Tätern und ihren Motiven. Dieses mit erzählerischen Traditionen spielende Cross-over entwickelt einen Freiraum der Bilder, Handlungen und Gedanken, der realistische Schilderungen von Gewalt und Grausamkeit gleichzeitig zulässt und richtet – ein Tabubruch mit Tiefgang und Zukunft.

Nichts deprimiert nicht, sondern ermutigt seine Leser, ihr Leben selbst zu bestimmen. Es beschreibt eine Suche, auf die sich jeder irgendwann begibt, die aber selten so packend erzählt worden ist.

Lesen Sie hier das Interview mit der Schriftstellerin von Susanne Gaschke