Alle könnten glücklich sein. Könnten aufatmen, weil der große Zusammenbruch des Kunstmarkts doch ausgeblieben ist. Weil es nur einen Dämpfer gab, mehr nicht, und die meisten Galerien längst wieder gut verkaufen, die Auktionshäuser neue Rekorde melden, auch die Museen weiter bestens besucht sind und das Ausstellungsprogramm üppig ist wie eh und je. Die Welt der Kunst, sie könnte frohlocken.

Doch von wegen. Manch einer beginnt schon, sich die heißen, ewig beschwipsten Jahre des Booms zurückzuwünschen. Denn so unheimlich die Dauerhysterie des Marktes auch war – was auf die Hysterie folgte, scheint noch unerträglicher: Es ist fade Normalität. Alles ist in routinierter Betriebsamkeit erstarrt.

Dabei gäbe es so viel zu debattieren. Wie lässt sich im Wirrwarr der Stile und Methoden noch sinnvoll über den Wert der Kunst sprechen? Wie lässt sich Qualität, die oft beschworen wird, überhaupt definieren? Wie liberal ist eigentlich die ach so offene Kunstwelt? Doch auf solche Grundsatzfragen scheint sich niemand einlassen zu wollen, niemand sucht den Streit, auch jene nicht, die berufshalber für das Fragen und Streiten zuständig sind, die Kritiker.

Dabei wäre es ihre Chance. Jetzt, da der Kunstmarkt nicht mehr alle Aufmerksamkeit bindet und manche Künstler nicht schon deshalb als bedeutsam gelten, weil sie hoch gehandelt werden, jetzt endlich könnten die Kritiker die Bewertungsdebatten zurück aufs Feld der Ästhetik ziehen. Doch vielen scheint ihr Frieden wichtiger als die Auseinandersetzung.

Wie die Mehrzahl der deutschen Kritiker denkt und arbeitet, welchem Ethos sie folgt, ist zwar bislang nie systematisch erkundet worden. Für die amerikanische Kritikerszene aber gibt es eine solche Studie. Die Umfrage wurde 2002 von der Columbia University in New York unter Federführung von Andrá Szántó durchgeführt, 169 Kritiker wurden nach ihren Einstellungen, Vorlieben und Arbeitsformen befragt. Und es stellte sich heraus: Viele Kritiker sind nicht zuletzt deshalb unkritisch, weil sie keine Kritiker sein wollen.

Sie fühlen sich vor allem den Künstlern und den Kunstinstitutionen verpflichtet und schreiben daher nicht im Namen der Betrachter, sondern im Namen der Kunstproduzenten. Manchen ist bereits der Begriff Kritiker suspekt. »Ich mochte den Begriff noch nie«, sagt Lucy Lippard, Autorin zahlreicher Kunsttexte und -bücher. »Seine negative Konnotation stellt den Schreibenden in eine fundamental antagonistische Position zum Künstler.« Und Antagonismus ist das, was viele Kritiker am meisten zu fürchten scheinen.

Wenn es nach ihnen ginge, sollte alles mit allem vereinbar sein. Dass ein Kritiker zugleich als Kurator eines Museums oder einer öffentlichen Sammlung arbeitet? Das finden drei Viertel der Befragten völlig unproblematisch. Dass Kritiker auch über Künstler schreiben, deren Werke sie selber sammeln? 80 Prozent sind damit einverstanden. Dass Kritiker auch ihre selbst gefertigten Kunstwerke in einem Museum ausstellen? 60 Prozent halten das für durchaus legitim. Selbst dass Kritiker gelegentlich Geschenke von Künstlern entgegennehmen, über die sie geschrieben haben oder schreiben werden, scheint jedem zweiten Befragten akzeptabel zu sein. Und immerhin 25 Prozent wollen es nicht ausschließen, dass ein Kritiker zusätzliches Geld verdienen darf, indem er nebenher auch als Händler oder Kunstberater tätig ist. Die Autonomie der Kritik, ihre Unabhängigkeit? Darum scheint sich in den USA kaum jemand zu scheren.