Sachbuch Vom Husten und den Würmern
Drei Bücher des kleinen Wallstein Verlags zeigen, wie ein neugieriger und kritischer Blick auf die Geschichte die großen Entwürfe der Meisterhistoriker überprüfen kann.

Britische Kampfflieger während des Zweiten Weltkriegs.
Die Geschichte der Moderne wird in einem kleinen Verlag aufgeklärt, der in der kleinen Stadt Göttingen seinen Sitz hat, die einst mit ihrer Universität selbst Aufklärungsgeschichte schrieb: Was zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert, zwischen dem Zeitalter der Aufklärung und ihrer Zurücknahme durch den Nationalsozialismus geschehen ist, durchleuchtet seit 1986 der Wallstein Verlag in jährlich einhundertdreißig Büchern, und zwar auf gleichbleibend hohem Niveau. Statt die Granden des Universitätsbetriebs zu hofieren, pflegt Verleger Thedel von Wallmoden eher den Nachwuchs, setzt auf Experten jenseits der Alma Mater und bringt ihre Arbeitsgebiete zur Geltung, zumal die Wissenschaftsgeschichte, die fragt, wie Wissen zustande kam.
So setzt sich, kaum zufällig, manches Buch, das hier erscheint, produktiv mit den »Meistererzählungen« der Sozialwissenschaften auseinander. Wie belastbar, fragt nun Bettina Brockmeyer in ihrer Erkundung biedermeierlicher Selbstverständnisse, sind jene wirkungsmächtigen, sinnstiftenden Deutungen, die von den Meisterhistorikern über die Labyrinthe der Vergangenheit gelegt werden, um Entwicklungsgänge erkennen und Erklärungen dafür gewinnen zu können?
Die Bielefelder Historikerin hat vor allem zwei nahezu kanonische Autoren und einen dritten, nicht ganz so prominenten Zeitgenossen im Auge: Norbert Elias, Michel Foucault und Philipp Sarasin. Sie unterzieht die Quellen, aus denen die Koryphäen ihre einflussreichen Interpretationen des abendländischen Zivilisationsprozesses abgeleitet haben, dem Lackmustest der Alltagsüberlieferung: Machen die Zähmung der Triebe, die Disziplinierung der Sinne, die Eingrenzung des Ich tatsächlich den neuzeitlichen Menschen aus? Bewahrheitet sich dieser Befund, wenn Ego-Dokumente, also persönliche Hinterlassenschaften, aus dem Archivstaub gezogen werden?
Achthundert um 1830 verfasste Briefe von fünfzig Personen aus allen damals alphabetisierten Milieus legt die Spurensucherin unter die Folie der heute maßgeblichen Deutungen, um nach Abweichungen und Übereinstimmungen zu fahnden. Zwar ist Brockmeyer keineswegs die Erste, die etablierte Narrative solch einer Gegenprüfung aussetzt. Aber ihre Auswahl ist besonders klug getroffen, denn der Adressat fast aller Wortmeldungen ist Samuel Hahnemann, der umstrittene Begründer einer nicht minder umstrittenen Variante der Heilkunst – der Homöopathie.
Wer jemals ein homöopathisches Anamnesegespräch geführt hat, ahnt, weshalb gerade diese Zeugnisse angetan sind, die Bedingungen der menschlichen Selbstwahrnehmung zu erhellen: Nirgends wurde (und wird) das Zusammenspiel von Körper und Gemüt, Gesellschaft, Familie und Individuum derart eingehend verhandelt wie in der Patientenbefragung durch Hahnemann und Co. Und dabei, das ist Brockmeyers Entdeckung, kamen im frühen 19. Jahrhundert Dinge zur Sprache, die andernorts völlig tabu waren.
Zum Beispiel gilt das für die vermeintlich scharfe Abgrenzung der Geschlechtersphären, die sich im Bereich der ehelichen Diätetik, der wechselseitigen Sorge für Gesundheit und Wohlergehen, aber einander annäherten; das gilt gleichfalls für die angeblich beschwiegene Sexualität, die jedoch – zumindest von den Männern – in allen Einzelheiten vor dem ärztlichen »Freund, Helfer, Berater« und »Beichtvater« ausgebreitet wurde, wogegen Frauen intime Geheimnisse allenfalls lüfteten, wenn Nachwuchs ausblieb. Und schließlich trifft es auf die menschlichen Ausscheidungen zu, auf Schleim und Bluthusten, Exkremente und Würmer, die Ratsuchende mit ausführlichen Kommentaren an Hahnemann schickten.
Gerade weil Bettina Brockmeyer ihr Material so sorgsam zur medizin-, geschlechter- und körpergeschichtlichen Tour d’Horizon arrangiert, hätte ihr aber mehr Wagemut angestanden. Es mag bei ihr die Skepsis mitgeschwungen haben, ob achthundert Briefe die imposanten Klassiker des Fachs aus den Angeln heben können. Allein – dass die »alten Geschichten« stets »von neuem erfunden werden« müssen, dass also die Vergangenheit immer unter den Vorzeichen der Gegenwart vermessen wird und nur auf diesem Weg neuartige »métarecits« (François Lyotard) entstehen, das wusste schon Hahnemanns Klient, der Hofmaler Wilhelm von Kügelgen. Heute übersetzen wir den Stoßseufzer des Künstlers in ein allgegenwärtiges Schlagwort: »Aktualisierung«.
- Datum 11.08.2010 - 11:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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Liebe Zeit-Redaktion, Liebe Frau Weickmann,
Zunächst: Danke, dass Sie auch wissenschaftliche Themen aufgreifen. Dennoch wundert es, dass an dieser Stelle Fachbücher (nicht wie betitelt Sachbücher) besprochen werden, die bereits 2009 erschienen, und die etwa im Fall Bettina Brockmeyers bereits Oktober letzten Jahres in der FAZ besprochen wurden. Insbesondere sollten Sie aber einen Blick etwa in Foucaults 'Der Wille zum Wissen' und Sarasins 'Reizbare Maschinen' werfen. Zum Einen sind beide Autoren weit entfernt von "Meistererzählungen", zum Anderen funktioniert bei Ihnen die oben erwähnte "Zähmung der Triebe" eben genau über das (medizinische und) dauernde Sprechen darüber. Insofern scheint Frau Brockmeyer vielmehr eine äußerst interessante Fallstudie im Rahmen Foucaultscher Theorien als einen Angriff darauf geschrieben zu haben. Das ist bereits eine große Leistung, da muss die Renzension doch nicht gleich einen Paradigmenwechsel herbeischreiben.
P.S. Nichts gegen ihr Lob für die Subversivität des Verlags, aber Lucian Hölscher ist ein sogenannter Grande des Universitätsbetriebs.
Nach Hans Peter Duerss fünfbändiger Kritik an Norbert Elias und dem Mythos vom Zivilisationsprozess kann meiner Meinung nach außer Fußnoten und Anmerkungen zu diesem Thema nichts Wesentliches mehr beigetragen werden.
Diese Art der Beschreibung von Beiträgen und Strömungen hat für mich immer auch einen Charakter von "Meistererzählung", hier jedoch nicht aus einer gesellschaftlichen Sicht, sondern aus der Perspektive eines Einzelnen. Das ist nicht nur deshalb nicht trivial, weil damit die Kritik am Standard der selben funktionellen Ursache unterliegt wie das Kritisierte, sondern auch, weil es - trotz aller Versuche der Betonung einer "externen" Sichtweise - eine interne, nur durch einen Zeitenwandel veränderte Beschreibung bleibt. Damit fehlt fast automatisch das, was ich hier ebenfalls sehr vermisse: Die Einordnung in einen größeren Kontext, der es mir, gerade als Laien in den Geschichtswissenschaft, möglich macht, die Bedeutung des Ausgesagten einzuschätzen oder auch nur zu ahnen, ob diese Werke für jemanden wie mich lesbar oder lesenswert sind.
Sehr geehrte Frau Weickmann,
wahrscheinlich können Sie nichts dafür und haben die Bildunterschrift "Britische Kampfflieger während des Zweiten Weltkriegs" auch nur von Fox Photos/Getty Images übernommen, sie ist allerdings nicht korrekt.
Es handelt sich hier nicht um Kampfflieger, auch nicht um britische Flugzeuge und das Photo dürfte auch relativ lange vor dem Krieg aufgenommen worden sein.
Es handelt sich um eine Formation von italienischen Wasserflugzeugen vom Typ Savoia-Marchetti S.55 (kein Kampfflugzeug), welches ab 1924 gebaut wurde. Es gab im Jahre 1933 einen recht bekannten Flug von 24 dieser Flugzeuge in der auf dem Photo gezeigten Formation von Italien nach New York/Chicago.
Weitere Informationen finden Sie zB in dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu dem genannten Flugzeug, wobei hier nur in einem kurzen Absatz auf den von mir angesprochenen Formationsflug eingegangen wird. Für weitere Informationen wären nicht im Internet verfügbare Fachpublikationen heranzuziehen.
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