Sachbuch Vom Husten und den WürmernSeite 2/2
Um die Aktualisierung von Erinnerungskulturen, also die Anpassung der Erinnerung an den jeweiligen Zeitgeist, kreisen auch alle Beiträge, die das hervorragende Brevier Luftkrieg von Jörg Arnold, Dietmar Süß und Malte Thießen versammelt. Kein Aufsatz fällt aus dem Rahmen, der die Konjunkturen offiziellen wie familiären Gedenkens in den Nachkriegsjahrzehnten umspannt. Ob Dresden, Wien oder Le Havre – der Luftkrieg war (entgegen anhaltend kursierenden Gerüchten) europaweit ein Thema. Wo die eigene Verstrickung mit dem NS-System zu Buche schlug, in Frankreich und Italien etwa, blieben die Bombardements zumindest als lokale Episoden im Gedächtnis. Dagegen begründete Churchills Eloge auf die tapferen Jagdflieger der Luftschlacht um England eine genuin britische Meistererzählung.
Weil sich Zeitzeugenberichte häufig nachträglichen Ergänzungen, Verschiebungen oder Verdrängungen verdanken, lenkt die Forschung, wie Malte Thießen im Luftkrieg- Brevier zeigt, ihr Augenmerk zusehends auf die Textur der Aussagen – und auch sie kommt dabei zu dem Schluss Kügelgens, die Vergangenheit werde stets neu erfunden, die eigene Geschichte neu gemacht, und zwar möglichst so, dass sich alles zu einer Art sinnvollen Meistererzählung des eigenen Schicksals fügt.
Genau an dieser Stelle setzt ein drittes Buch aus dem kleinen Verlag an, Lucian Hölschers Überlegungen zum »Generationenkonflikt in der deutschen Geschichtskultur«. Der Bochumer Kulturhistoriker zeichnet nach, was geschieht, wenn eine kollektive Meistererzählung kollabiert. In der Niederlage brach den Deutschen 1945 jene Zukunft zusammen, auf die das NS-Regime sie eingeschworen hatte – mit der Folge, dass »Krieg und Massenmord nun nicht mehr als geschichtlich ›notwendige‹ Maßnahmen«, sondern als Menschheitsverbrechen erkannt wurden. Alles, was im Glauben an die eigene Überlegenheit getan und hingenommen worden war, verwandelte sich im Urteil der Nachgeborenen in barbarisches Unrecht.
Für die eigene Profession entwerfen Hölschers unter dem Titel Semantik der Leere neu aufgelegte Essays das Bild einer Geschichtsschreibung, die systematisch nach den Lücken und Auslassungen der Erinnerung forscht. Der Theoretiker plädiert dafür, sich von lieb gewordenen Meistererzählungen zu verabschieden: Die »Einheit der Geschichte« gilt ihm als »realitätsfremde Fiktion«, weil sie das Vielfältige und Unübersichtliche allen Geschehens in eine klassifizierende Ordnung überführe – um den Preis der Amputation wesentlicher Erlebensstränge.
Diesem Verlag glückt es, seine Bücher, die einander ergänzen und erhellen, zu einem Mosaik kritischer Geschichtswissenschaft zu komponieren.
- Datum 11.08.2010 - 11:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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Liebe Zeit-Redaktion, Liebe Frau Weickmann,
Zunächst: Danke, dass Sie auch wissenschaftliche Themen aufgreifen. Dennoch wundert es, dass an dieser Stelle Fachbücher (nicht wie betitelt Sachbücher) besprochen werden, die bereits 2009 erschienen, und die etwa im Fall Bettina Brockmeyers bereits Oktober letzten Jahres in der FAZ besprochen wurden. Insbesondere sollten Sie aber einen Blick etwa in Foucaults 'Der Wille zum Wissen' und Sarasins 'Reizbare Maschinen' werfen. Zum Einen sind beide Autoren weit entfernt von "Meistererzählungen", zum Anderen funktioniert bei Ihnen die oben erwähnte "Zähmung der Triebe" eben genau über das (medizinische und) dauernde Sprechen darüber. Insofern scheint Frau Brockmeyer vielmehr eine äußerst interessante Fallstudie im Rahmen Foucaultscher Theorien als einen Angriff darauf geschrieben zu haben. Das ist bereits eine große Leistung, da muss die Renzension doch nicht gleich einen Paradigmenwechsel herbeischreiben.
P.S. Nichts gegen ihr Lob für die Subversivität des Verlags, aber Lucian Hölscher ist ein sogenannter Grande des Universitätsbetriebs.
Nach Hans Peter Duerss fünfbändiger Kritik an Norbert Elias und dem Mythos vom Zivilisationsprozess kann meiner Meinung nach außer Fußnoten und Anmerkungen zu diesem Thema nichts Wesentliches mehr beigetragen werden.
Diese Art der Beschreibung von Beiträgen und Strömungen hat für mich immer auch einen Charakter von "Meistererzählung", hier jedoch nicht aus einer gesellschaftlichen Sicht, sondern aus der Perspektive eines Einzelnen. Das ist nicht nur deshalb nicht trivial, weil damit die Kritik am Standard der selben funktionellen Ursache unterliegt wie das Kritisierte, sondern auch, weil es - trotz aller Versuche der Betonung einer "externen" Sichtweise - eine interne, nur durch einen Zeitenwandel veränderte Beschreibung bleibt. Damit fehlt fast automatisch das, was ich hier ebenfalls sehr vermisse: Die Einordnung in einen größeren Kontext, der es mir, gerade als Laien in den Geschichtswissenschaft, möglich macht, die Bedeutung des Ausgesagten einzuschätzen oder auch nur zu ahnen, ob diese Werke für jemanden wie mich lesbar oder lesenswert sind.
Sehr geehrte Frau Weickmann,
wahrscheinlich können Sie nichts dafür und haben die Bildunterschrift "Britische Kampfflieger während des Zweiten Weltkriegs" auch nur von Fox Photos/Getty Images übernommen, sie ist allerdings nicht korrekt.
Es handelt sich hier nicht um Kampfflieger, auch nicht um britische Flugzeuge und das Photo dürfte auch relativ lange vor dem Krieg aufgenommen worden sein.
Es handelt sich um eine Formation von italienischen Wasserflugzeugen vom Typ Savoia-Marchetti S.55 (kein Kampfflugzeug), welches ab 1924 gebaut wurde. Es gab im Jahre 1933 einen recht bekannten Flug von 24 dieser Flugzeuge in der auf dem Photo gezeigten Formation von Italien nach New York/Chicago.
Weitere Informationen finden Sie zB in dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu dem genannten Flugzeug, wobei hier nur in einem kurzen Absatz auf den von mir angesprochenen Formationsflug eingegangen wird. Für weitere Informationen wären nicht im Internet verfügbare Fachpublikationen heranzuziehen.
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