Ruanda Der eiserne GriffSeite 3/3
Aus den Reihen der Regierungsgegner erwartet man Widerspruch. Doch auf die Frage, ob er lieber Paul Kagame oder Victoire Ingabire im Präsidentenamt sähe, antwortet ein Oppositionspolitiker, ohne zu zögern: »Kagame. Ingabire ist sauber, aber unter ihren Unterstützern finden sich beängstigende Leute mit Verbindungen zum alten Regime. Kagame mag ein übler Mann sein, aber die anderen stehen für ein übles Programm.«
Paul Kagame selbst spricht dem Ausland schlicht jedes Recht ab, am politischen System Ruandas Kritik zu üben. Eine Weltgemeinschaft, die sehenden Auges einen Völkermord zugelassen habe, habe niemanden über Demokratie zu belehren.
Das ist ein nicht hinnehmbares Argument, aber es entfaltet eine sehr eigene Wirkung, wenn man vor den hohen Grabsteinen des Nyanza-Kicukiro-Mahnmals steht. In den weißen Marmor sind die Namen von 2000 hier begrabenen Tutsi eingraviert. Zu Beginn des Genozids im April 1994 hatten sie sich in der Hoffnung auf Schutz in eine nahe gelegene Schule geflüchtet, in der Blauhelme der UN einquartiert waren. Die Blauhelme verweigerten ihnen Wasser und Nahrung, zogen einige Tage später ab und überließen sie den wartenden Hutu-Milizen. Das Massaker dauerte zwei Stunden. »Gegen halb acht abends waren die Milizionäre zu müde zum Töten, gingen schlafen und wollten am nächsten Morgen die restlichen Verwundeten erledigen.« Naphtal Ahishakiye erzählt uns diese Geschichte. In der folgenden Nacht sei dann einem Trupp der RPF ein Vorstoß gelungen. 85 Tutsi seien gerettet worden.
Ahishakiye selbst überlebte ein anderes Massaker. Versteckt in einem Graben, sah er mit an, wie Hutu-Milizen seinen Bruder durch gezielte Messerstiche über mehrere Stunden verbluten ließen. Ahishakiye behauptet, keinen Hass zu empfinden – auch wenn ihm die Nähe seiner Hutu-Nachbarn manchmal unerträglich sei. Er sieht sich im Ruanda von heute als »glücklichen Menschen«. Man kann ihm das nur schwer glauben. Sich für glücklich zu halten, sagt er dann, sei eine Form der Vergeltung. »Die schlimmste Strafe für die Täter besteht darin, dass wir nicht nur überlebt haben, sondern das Beste aus unserem Leben machen.«
Aus dem Englischen von Andrea Böhm
- Datum 08.08.2010 - 09:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.08.2010 Nr. 32
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"Eine Weltgemeinschaft, die sehenden Auges einen Völkermord zugelassen habe, habe niemanden über Demokratie zu belehren."
was soll an dem argument nicht hinnehmbar sein?
wir gedenken der rassenopfer im zweiten weltkrieg, legen kränze nieder und halten reden, dass das nie wieder geschehen darf.
wie das "nie wieder" aussieht, hat ruandea gezeigt. es unterliegt der einschränkung von politischen und wirtschaftlichen interessen. gibt es keine, pech.
dass das demokratiemodell nicht ankommt, sollte uns jetzt nicht wirklich wundern.
"Eine Weltgemeinschaft, die sehenden Auges einen Völkermord zugelassen habe, habe niemanden über Demokratie zu belehren."
War es nicht ein Lehrstück wie man mittels Demokratie und Blockade einen Völkermord ermöglichen kann? Es waren Blauhelme und die Fremdenlegion vor Ort und alle haben nur beobachtet. Wozu braucht man dritte Beobachter? Ist das Wort der Überlebenden nicht glaubwürdig genug gewesen.
Niemand kann wirklich einschätzen wie fragil der Frieden im Land ist, aber mit dieser Vergangenheit braucht es nur einen kleinen Anstoss und das Land zerbricht wieder.
Ruanda wartet wahrscheinlich heute noch darauf, dass die Hintermänner und Organisatoren in Den Haag verurteilt werden, vor allem die ehemalige Kolonialmacht Belgien, die wohl sehr unterstützend beim Mord war. Solange wir (westliche Demokratien) die Augen vor Mittätern in unseren Reihen verschließen, werden sie auf unsere Ratschläge dankend verzichten - und das zu Recht.
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